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5.11.2012 Mathias Heerwagen Teil 5: Panamericana 2012 von Alaska nach Feuerland

Der letzte Blog-Eintrag ist schon recht lange her. Das liegt daran, dass ich hier in Südamerika nicht immer Internet habe. Geschrieben habe ich trotzdem fast täglich, und zwar nicht zu knapp.

Montag, 22. Oktober

Ein Taxi bringt mich und eine Flugbegleiterin aus Venezuela zum Flughafen. Sie war drei Tage lang in Panama und hat im gleichen Hostel gewohnt. Sie ist mir zwar aufgefallen, aber wir haben bislang nicht miteinander geredet. Sie heißt Lenny, ist klein und ich frage mich, ob Flugbegleiterinnen in Venezuela keine Mindestgröße haben müssen. Größer als 1,60 Meter ist sie nämlich nicht, eher noch kleiner. Die ganze Fahrt über unterhalten wir uns; über ihren Job, meine Tour, was wir beide in Panama gemacht haben.

Der Verkehr ist furchtbar, selbst in Richtung Flughafen, also aus der Stadt raus. Auf der Spur, die nach Panama City hineinführt ist ein kilometerlanger Stau. Lenny übersetzt für mich, als ich vom Taxifahrer wissen will, ob das jeden Morgen so sei. „Natürlich! Und am Nachmittag stehen sie in die andere Richtung. Mindestens eine Stunde, oft länger“, sagt der Taxifahrer. Wieder fallen mir die teuren Autos auf: Mehrere Audi Q7, Porsche Cayenne, große neue Toyota Landcruiser, aber keine Mercedes. Wir kommen am Yachthafen vorbei und ich sehe viele offensichtlich sehr teure Yachten im Wasser. Und mir fällt der Obdachlose von gestern ein, der einen völlig kaputten Motorrad-Seitenkoffer aus Plastik an einem dünnen Band auf dem Boden hinter sich herzog und dann in einer Mülltonne wühlte. Im Vergleich zu ihm bin auch ich reich, und Lenny sagt, dass die Tour unglaublich teuer sein muss. Ich sage ihr nicht, was es kostet bzw. was für ein Budget ich habe. Aber ich sage ihr, dass ich lange dafür gespart habe, und dass man so etwas vermutlich nur einmal im Leben macht. Was sonst immer keiner weiß oder glauben mag: wenn ich wieder in Deutschland bin, habe ich kaum noch Geld auf den Konten. Aber das ist mir egal.
Wir erreichen den Flughafen und weil sie bei einer Airline arbeitet und gratis fliegt, geht sie zu einem anderen Schalter. Wir treffen uns später im Cafe wieder, ich zeige ihr Fotos von meiner Tour. Unsere Flüge gehen fast gleichzeitig.

Als ich in Bogota aussteige, habe ich alle fünf Kontinente bereist. Für die Yamaha XT1200Z Worldcrosser wäre es der dritte. Fehlen noch zwei… Mehr als 30.000 Kilometer in Nord- und Mittelamerika liegen hinter mir, vielleicht noch 15.000 vor mir. Mehr als die Hälfte meiner Tour ist rum, das Ende ist absehbar. Leider.

Am Schalter des Einwanderungsbeamten gibt es ein kleines Problem, weil ich nicht angeben kann, wo ich in Kolumbien bleibe. Ich sage, das weiß ich jetzt noch nicht, und ich suche mir die Hotels immer am Abend. Ich muss mit nach hinten, ein anderer Beamter, der sich gerade durch Facebook klickt, hört sich die Geschichte an und sagt, dass das okay geht. Ein weiterer Stempel knallt in meinen Pass.


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Das Motorrad wird einfach zum Fracht-Terminal gefahren (hier noch in Panama) und in Bogota/Kolumbien wieder abgeholt.
Das Cargo-Terminal liegt gleich auf der anderen Straßenseite, ich gehe zum Girag-Schalter und kann in der offenen Lagerhalle schon das Motorrad sehen. Glück gehabt! Ich habe nämlich nicht angegeben, dass im linken Koffer, nun ja,  zwei Gaskartuschen für den Kocher sind… Und ich hatte Angst, dass sie es beim Röntgen (falls das überhaupt gemacht wurde) sehen und das Bike nicht transportieren.

Am Schalter bekomme ich den Luftfrachtbrief im Original und werde zum Zoll geschickt, ein paar hundert Meter weiter. Dort sieht es aus wie in einer deutschen Zulassungsstelle. Ein moderner Raum, überall Computer, alles wirkt sehr professionell. Kein Vergleich mit den Kaschemmen an den Land-Grenzübergängen. Unter ein paar Mitarbeiterinnen scheint es einen Wettbewerb zu geben. Wer schafft es: 1. Den engsten Rock anzuziehen, ohne dass er platzt. 2. Die höchsten Absätze zu tragen, ohne dass sie ständig umknickt. 3. Das tiefste Dekolleté zu zeigen, ohne dass die Brüste rausfallen, wenn sie sich nach vorn beugt. Oha. Die Mitarbeiterin, die sich um meine Papiere kümmert nimmt nicht am Wettbewerb teil. Sie ist etwa 55 und trägt eine Zahnspange. Es dauert eine Weile, aber wie so oft kriegen wir es zusammen hin. Sie braucht noch zwei Kopien, ich gehe runter zu einem Büro-Shop, lasse die Kopien machen und kann sie nicht bezahlen. Weil die Frau meinen einzelnen US-Dollar nicht akzeptieren will und ich noch keine Pesos habe. Ich protestiere, und plötzlich sagt die Kassiererin, es sei ok. Eine Frau, die verdammt große Ähnlichkeit mit Michael Jackson kurz vor seinem Tod hat, und wahrscheinlich auch genauso oft operiert wurde, hat die drei Blätter bezahlt. Ich bedanke mich umständlich und gehe wieder hoch ins Großraum-Büro. Gemeinsam mit der Sachbearbeiterin vom Zoll gehe ich rüber zur Halle, in der das Motorrad steht. Zum ersten Mal kann ich nah ran und sehe mir alles an. Alles dran, nichts abgebrochen, keine Kratzer. Sehr gut! Ich vermute stark, dass sie das Motorrad einfach in den Frachtraum gerollt und irgendwo festgezurrt haben. Denn weder als ich es abgegeben habe, noch heute stand es auf einer Palette. Soll mir egal sein, die XT1200Z ist da und heil. Die Frau vom Zoll prüft die Fahrgestellnummer, füllt noch ein paar Zettel aus und nach rund zwei Stunden ist alles erledigt. Das Schönste: Ich muss nicht einen einzigen Peso zahlen!
Es donnert, gar nicht so weit weg ist der Himmel dunkelgrau. Hoffentlich muss ich nicht in die Richtung. Ich ziehe mich schnell um, packe mein Zeug aus dem Rucksack in die Koffer, klemme die Batterie wieder an und mache, dass ich weg komme. Vorher habe ich noch am Geldautomaten 400.000 Pesos abgehoben. Ich bin gerade erst angekommen und habe keinen Plan, wie viel das ist. Also habe ich von den vorgegebenen Möglichkeiten am Automaten einfach in die Mitte geklickt. Als ich an der Tankstelle 50.000 Pesos zahle, merke ich, dass ich nicht so viel geholt habe.

Bogota erfreut mich mit frischen 20 Grad; als ich das Navi einschalte, staune ich, wie hoch es liegt: fast 2700 Meter. Aber die Luft ist schlecht. LKW, Busse und Geländewagen blasen schwarze Wolken in die Luft, und ich denke daran, wie sinnlos es ist, in Deutschland immer noch saubere Autos zu bauen, während sich bestimmt fünf Milliarden Menschen auf der Welt nicht im geringsten darum kümmern. Ein Tropfen auf den heißen Stein.
Ich weiß nicht warum, aber Kolumbien ist mir sofort sympathisch. Nach rund 20 Kilometern habe ich die Zehn-Millionen-Stadt Bogota hinter mir gelassen. Und ich sehe zum ersten Mal nach langer Zeit wieder: Nadelbäume! Kühe auf grünen Weiden, es sieht ein bisschen aus wie in Bayern. Die Straßenhunde sind gut genährt, nicht so klapperdürr wie in Mittel-Amerika. Die Straßen sind gut, es ist angenehm kühl, immer wieder weht der Geruch von frisch gegrilltem Fleisch über die Straße. Oder es riecht nach Gras – wie lange hatte ich das schon nicht mehr?


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Symbolbild aus einem anderen Hotel: in den meisten Unterkünften ohne Parkplatz kann ich das Motorrad direkt in die Lobby oder vor das Zimmer rollen.

 
Nach rund 100 Kilometern fahre ich nach Giradot und suche mir dort ein Zimmer. Mitten im Zentrum sehe ich ein kleines Schild für ein Hotel. Ich halte am Straßenrand, und die Hotelchefin ist mir nicht besonders sympathisch, aber es wird bald dunkel, ich schwitze und hatte außer zwei Tassen Kaffee am Morgen noch kein Essen. Umgerechnet zehn Euro sind kein Schnäppchen für das Zimmer ohne Klimaanlage, aber ich nehme es trotzdem.

Draußen in der bunten und lauten Einkaufsstraße laufe ich vorbei an Pizzaständen, an denen ich immer wieder angesprochen werde, ob ich mich nicht setzen will. Ich gehe weiter und sehe eine Oma an einem kleinen Stand etwas abseits stehen. Ich gehe hin, schaue in ihren Glaskasten und sie sagt „Pastelitos“. Damit hat sie mich, denn die gefüllten Teigtaschen schmecken eigentlich immer gut. Ich frage, ob Pollo (Huhn) oder Carne (keine Ahnung, ob da sonst immer Schwein oder Rind drin ist), aber sie sagt: Ei! Das hatte ich noch nie und nehme eins. Ich nage mich in die Mitte vor, zum gekochten Ei. Total einfach aber raffiniert: ein gekochtes Ei wird mit einer Art Kartoffelbrei umwickelt und dann in heißem Öl gebraten. Fertig ist die faustgroße gefüllte Krokette. Und das alles für umgerechnet nicht mal 50-Euro-Cent. Super!

Allein heute in Bogota, auf den rund 100 Kilometern bis Giradot und dann auch in Giradot habe ich mehr schöne Frauen gesehen, als in den vier Wochen und 7000 Kilometern in Mexiko. Auffallend viele junge, überaus attraktive Frauen mit guter Figur, die auch zeigen, was sie haben. Enge Hosen, enge Tops, hohe Schuhe… In Mexiko habe ich die mit Abstand am wenigsten attraktiven Frauen unterwegs gesehen, um es mal vorsichtig auszudrücken.

(Während ich das schreibe, sehe ich nebenbei auf CNN die letzte Live-TV-Debatte zwischen Romney und Obama. Und ich kann nur sagen, wenn Romney gewinnen sollte, ist den Amis wirklich nicht mehr zu helfen. So eine unsouveräne Person will Präsident der Vereinigten Staaten werden?)

Mittwoch, 24. Oktober

Keine Stunde bin ich unterwegs, als ich an einer Tankstelle drei Fernreise-Motorräder sehe. Die Fahrer frühstücken gerade, winken mich heran und weil ich auch Hunger habe, setze ich mich zu ihnen.


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Ekki, Phil, Gabriel, Ich und Ed (v.l.)

 
Ed, Phil und Gabriel haben sich unterwegs getroffen und sind seit ein paar Tagen zusammen unterwegs. Wir haben das gleiche Ziel, die drei sind nett und sie fragen mich, ob ich sie begleiten will. Das Bemerkenswerte: Ed, der Amerikaner, ist 69; Phil, ein Kanadier, 65, und Gabriel, der Israeli ist mit 58 der „jüngste“ im Trio. Ein paar Kilometer später sammeln wir noch Ekki ein, einen etwa 40-jährigen Deutschen mit einer BMW HP2. Nun sind wir also zu fünft. Das Tempo passt, einzig Ekki hat es immer etwas eiliger. Als wir in Pasto ankommen, können wir das Hostel zunächst nicht finden, obwohl wir in der richtigen Straße sind. Plötzlich holt uns ein kolumbianischer Motorradfahrer mit einer ziemlich lauten Honda Shadow ein und fragt, ob wir Hilfe brauchen. Er führt uns durch die verstopften Straßen zum Hostel, und da es direkt in einer belebten Einkaufsstraße liegt, sind wir DIE Attraktion, als wir ankommen und unsere fünf großen Motorräder direkt auf dem Bürgersteig parken, um einzuchecken.
Wir fragen Jose, den Kolumbianer mit der Honda, ob er nicht später noch auf ein Bier vorbeikommen will. Bikes abladen, zum bewachten Parkplatz fahren, Essen gehen, ausruhen – das war es im Großen und Ganzen für den Abend. Jose kommt tatsächlich später noch vorbei, und weil er gut Englisch spricht, können wir uns alle gut mit ihm unterhalten.

Donnerstag, 25. Oktober

Wir sind schon früh auf den Beinen und nach einem Kaffee geht es weiter Richtung Süden, Richtung Ecuador. Bis Ipiales sind es rund 80 Kilometer. Die Straße windet sich durch Täler, über Berge, wir schrauben uns auf über 3000 Meter in die Höhe. Um uns herum ist alles grün. 13 Grad zeigt mein Bordthermometer und die Finger werden kalt. Denn meine dicken Winterhandschuhe liegen dort, wo sie seit zwei Monaten liegen: ganz unten im Seitenkoffer. Endlich kann die Yamaha mal wieder zeigen, was sie kann. Die vielen LKW an den Steigungen lasse ich ruck-ruck hinter mir, Ekki mit seiner BMW HP2 ist immer dicht dran, während die anderen es ruhiger angehen lassen. Eine Kurve folgt der nächsten, auf den kurzen Geraden überholen wir reihenweise langsame Busse und LKW, um uns in die nächste Kurve zu legen. So macht Motorradfahren Spaß! 
Ipiales ist berühmt für seine Kirche, die mitten im Tal und über einen Fluss gebaut wurde. Leider ist sie nicht hunderte von Jahren alt, sondern nicht mal 65. Wir sehen sie uns an, machen Fotos und sind außer Atem, als wir den steilen Weg wieder nach oben gehen müssen. Ob das schon an der Höhe liegt? Die Kirche in Ipiales kurz vor der Grenze zu Ecuador ist nicht mal 70 Jahre alt.  Wir befinden uns immerhin auf fast 2700 Meter Höhe.
An der Grenze läuft es so unkompliziert, wie schon lange nicht mehr (obwohl ich ja auch bei den anderen Grenzübergängen nie Probleme hatte). Wir holen uns bei der Migration unsere Ausreisestempel und gehen zum Zoll. Kein Papierkram, niemand will die Bikes sehen, wir geben einfach alle gleichzeitig unsere Zettel ab, die wir beim Import erhalten haben, und das war es – Aufenthalt beim Zoll in Kolumbien: 30 Sekunden!

In Ecuador müssen wir etwas anstehen, aber nach etwa 20 Minuten haben wir unsere Einreisestempel im Pass.


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Bei der Zoll-Abfertigung an der Grenze nach Ecuador. Die Frau rechts im Bild wollte sich nicht fotografieren lassen.
Beim Zoll braucht der Beamte etwa 15 Minuten für jeden von uns, auch das ist rekordverdächtig schnell. Außer den üblichen drei Kopien von Führer- und Fahrzeugschein sowie Pass brauchen wir nichts weiter. Wir freuen uns, dass alles so problemlos geklappt hat und fahren die letzten 80 Kilometer bis zu unserem Tagesziel. Ed kennt sich gut aus hier in der Gegend, er war erst im Februar hier. Im kleinen Bergdorf La Esperanza, etwa 10 Kilometer hinter Ibarra, checken wir im tollen Hostel Casa Aida ein. Toll deshalb, weil es richtig urig ist, die Zimmer aber schön und sauber.


Abends sitzen wir bei Bier und Tee zusammen. Im Esszimmer steht ein Kamin, und weil wir die einzigen Gäste sind, breiten wir uns dort aus. Wir heizen den Kamin an und nach dem guten 5-Gänge-Essen (kein Witz) sitzen wir noch lange bei Bier und Tee zusammen.

Freitag, 26. Oktober

Weil es uns im Hostel so gut gefällt und wir etwas von der Gegend sehen wollen, bleiben wir noch eine Nacht länger. Ed möchte ein paar Dörfer in der Nähe besuchen, wir bauen die Koffer ab und freuen uns über die leichten Bikes. Es ist ein gewaltiger Unterschied und mit 50 Kilogramm weniger ist die Yamaha ein völlig anderes Motorrad.

Aus La Esperanza heraus geht es über kleine Pflastersteine, die vielleicht vor 100 Jahren einmal eben waren. Jetzt hoppeln wir über die unebene Piste und umkurven Schlaglöcher. Der Weg wird schmaler, die Pflastersteine sind schon längst Erdboden gewichen. Offroad light würde ich sagen. Plötzlich kommen uns Dutzende Schafe entgegen, vorangetrieben von drei Hunden und dem Schäfer. Wir halten an, zücken die Kameras und unterhalten uns mit dem Schäfer.


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Der Schäfer freute sich, dass hier mal jemand vorbei kommt. Ed kann sehr gut Spanisch und unterhält sich mit ihm, wir anderen machen Fotos, wie die Schafherde uns umzingelt. Weiter geht’s über Stock und Stein, steil bergab, und wir sind froh, dass der Weg einigermaßen trocken ist. Der Schäfer wollte unbedingt ein Foto von uns mit ihm haben. Ed wollte eins ausdrucken.
An manchen Stellen steht noch Wasser vom letzten Regen, aber das ist kein Problem. Schilder gibt’s keine mehr, an manchen Abzweigungen fahren wir einfach irgendwo hin, ohne zu wissen, wo wir rauskommen werden. Einmal biegen wir in einen steilen Waldweg ab, in dem erst vor kurzem schweres Gerät im Einsatz war. Tiefe Furchen, Matsch, loser Dreck und Äste machen es uns nicht leicht und plötzlich höre ich nur noch ein Hupen hinter mir. Phil, den 65-jährigen mit der Suzuki V-Strom 650, hat es entschärft, er liegt am Boden. Ich halte, renne zu ihm und helfe ihm auf. Sein Knöchel schmerzt, aber ansonsten ist alles in Ordnung. Auch weiter vorn sieht der Weg wirklich sehr schlecht aus, wir kehren um. Wenig später stehen wir erneut vor einem Schlammloch, rechts und links daneben ist kaum Platz, um vorbei zu fahren. Ed fährt vor und kommt gut durch bzw. drum herum. Phil probiert es als nächster und ich sehe schon, dass sein Vorderrad am Rand des Schlammloch wegschmiert. Er fällt erneut, diesmal auf die rechte Seite, der Blinker bricht ab und auch der Bremshebel bis zur Sollbruchstelle – trotz Handschutzbügel. Er flucht, schmeißt eine Handvoll Dreck auf sein Motorrad und ärgert sich über die 60 Dollar, die anscheinend die Original-Blinker kosten. Ich versuche gar nicht erst, am schrägen Rand vorbei zu fahren, sondern fahre langsam mitten durch den Schlamm – wahrscheinlich die beste Idee. Phil hat die Nase voll und will zurück, Ed und ich wollen noch weiter. Langsam geht es zum Hostel zurück, wir liefern Phil ab und gemeinsam mit Ed fahre ich noch einmal los.

Vor ein paar Monaten hat Ed hier einen fast 300 Jahre alten Bauernhof besichtigt, den eine Art Genossenschaft der Bauern erst vor kurzem gekauft hat. In seinem Notizbuch hat Ed noch den Namen von dem Mann, mit dem er sich damals unterhalten hat, und er ist tatsächlich da. Die Genossenschaft arbeitet an einem Projekt, das den Bauernhof auch für Touristen interessant machen soll. Gästezimmer sollen her, aber bislang ist nicht viel passiert. Der junge Mann führt uns über das Gelände und Ed und mir ist klar, dass man hier unglaublich viel draus machen könnte. Um einen viereckigen Hof sind die Zimmer verteilt, jedes etwa 20 Quadratmeter groß, mit eigenem Kamin. Natürlich sind die Zimmer leer, kein Teppich, kein Bett, keine Gardinen, nichts. Schade. Das Gelände sieht ein bisschen aus wie ein Kloster, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Wir werden in einen Saal geführt und ich kann mir richtig vorstellen, wie hier vor 300 Jahren Nonnen, Bauern, Ritter oder wer auch immer hier damals gewohnt hat, hier gegessen hat. Der Saal ist vielleicht 30 Meter lang, fünf Meter breit, in der Mitte auf beiden Seiten jeweils ein Eingang, an den Stirnseiten jeweils zwei riesige Kamine. Hohe Decken mit Gewölbe: einfach die perfekte Kulisse für ein Ritterfest. Leider auch hier: gähnende Leere.

Wir sind zu einer etwas ungünstigen Zeit gekommen, der junge Mann hat eigentlich schon Feierabend und will los. Daher verabschieden wir uns, fahren noch etwas umher und kurz bevor es dunkel wird sind wir wieder zurück im Hostel. Ich wechsele noch schnell meine hinteren Bremsbeläge, da es so aussieht, als wenn auf der Kolbenseite schon kaum noch Belag drauf ist.

 
Die Yamaha hat jetzt 36.000 Kilometer runter und der zweite Satz hat gerade mal 16.000 Kilometer gehalten – nicht gerade viel. Vorne hingegen sehen die Beläge noch erstaunlich gut aus, und ich kann mir vorstellen, dass sie fast 50.000 Kilometer halten könnten. Merkwürdig, zumal ich der Meinung bin, dass ich nicht übermäßig viel hinten bremse. Ob es doch am kombinierten Bremssystem liegt, dass automatisch hinten mit bremst, wenn ich die Vorderbremse betätige? Naja, der Wechsel dauert keine fünf Minuten und die Beläge sind auch nicht sehr teuer, von daher geht das schon okay.

Wieder gibt es ein tolles 5-Gänge-Menü mit einheimischen Zutaten, und auch heute sitzen wir wieder lange zusammen vor dem Kamin, unterhalten uns und trinken Bier.

Samstag, 27. Oktober

Ed, Phil und Ekki bleiben noch einen oder zwei Tage hier, Gabriel und ich brechen heute auf Richtung Süden, nach Latacunga. Ich möchte eine Nebenstrecke zu einem Nationalpark fahren und verabrede mich mit Gabriel für den Abend in Latacunga. Zunächst führt der Weg über eine gute Schotterpiste, doch schon nach zwei Kilometern stehe ich vor einem Hof, ein Weg geht rechts, einer links am Haus vorbei. Ich hole meine Karte raus und frage die Leute. “Ja, links geht’s lang. Immer hoch und über die Berge!”. Es kommt mir etwas komisch vor, aber sie scheinen es ernst zu meinen und mich nicht verarschen zu wollen. Also biege ich links ab. Kurz danach wird der Weg immer schwerer zu fahren, relativ steil, erdig, mit teilweise fiesen Furchen. Rechts von mir sind Felder, links auch.

Zweimal muss ich an einer Steigung halten, ein Stacheldraht-Gatter öffnen, durchfahren, es wieder schließen und weiterfahren. Mir kommt die Sache komisch vor, das soll hier der Weg sein? Er wäre zwar noch breit genug für einen Geländewagen, aber ich sehe keine Spuren. Das Gelände wird immer anspruchsvoller, und wo man mit einer leichten 450er seinen Spaß hätte, tue ich mich mit der XT1200Z schwer. Die Büsche rechts und links kommen immer näher, nach einem kleinen Bach ist endgültig Schluss – hier kommen nur noch Pferde durch. Und ich habe ein Problem: Ich stehe so ungünstig am engen, steilen Hang mit den tiefen Furchen, dass ich nicht umdrehen kann. Langsam rolle ich zurück, und es ist so steil, dass ich trotz gezogener Vorderbremse über die Erde rutsche. Keinen halben Meter links neben mir gehts direkt mehr als einen Meter tief in die Büsche. Nicht gefährlich, aber ich würde das Motorrad dort niemals wieder alleine herausbekommen. Ich rutsche weiter ab, stemme mich mit aller Kraft irgendwie dagegen, schwitze wie ein Tier, fluche, schreie und nach mehreren Minuten enormer Anstrengung habe ich es geschafft. Mit zitternden Knien sitze ich auf dem Bike, atme durch und weiß: ich muss zurück, es hat keinen Sinn mehr. Ich frage mich immer noch, wo denn der andere Weg gewesen sein soll…


Bis Latacunga brauche ich keine Stunde, im Hostel treffe ich mich wie verabredet mit Gabriel wieder. Wir drehen eine Runde durch die Stadt und gucken den Frauen hinterher.

Sonntag, 28. Oktober

8 Uhr, zehn Grad, bedeckter Himmel. Das Wetter könnte besser sein. Gabriel und ich verlassen Latacunga in Richtung Cuenca, unserem Ziel für heute. Auf den Straßen ist nicht viel los, kann denn nicht jeden Tag Sonntag sein? Kaum LKW, wenige Busse, wir haben die Kurven für uns allein und sind zügig unterwegs. Na gut, eigentlich bin nur ich zügig unterwegs, Gaby braucht immer etwas länger.

So fahre ich zwar für mich allein, warte aber hin und wieder auf ihn, sei es an einer Tankstelle oder für einen Kaffee. Einmal halten wir an einer Hütte, in der Panama-Hüte verkauft werden. Ein Guide erklärt einer kleinen Gruppe gerade, wie sie hergestellt werden.
Es wird wärmer, die Sonne kommt raus, und selbst auf über 3000 Meter Höhe ist es nun angenehm. Wir sind immer höher als 2500 Meter unterwegs, auf mehr als 3500 Meter wird es wieder ziemlich frisch. Es ist ein ewiges auf und ab, wieder reiht sich eine Kurve an die nächste. Abgeerntete Felder säumen die steilen Hänge rechts und links neben der Straße, wir sehen mehr braun statt grün. Bäume gibt es je nach Höhe kaum noch, allenfalls Sträucher und Büsche wachsen hier oben. Die Aussicht ist grandios. In der Ferne sehen wir, wie dichte Wolken in einem Tal stehen, und wieder frage ich mich, warum Wolken eigentlich von oben so toll aussehen, aber von unten nicht…


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Äquator-Überquerung!


Kurz vor 12, wahrscheinlich sitzen alle am Mittagstisch. Jetzt ist kaum noch ein Auto unterwegs und ich erlaube mir, die Schilder mit der Höchstgeschwindigkeit großzügig zu ignorieren. Endlich verliert der Reifen auch mal wieder außen etwas Gummi, nicht nur in der Mitte. Ich lasse Gabriel hinter mir, fahre meist einen Gang niedriger als nötig und habe so viel Spaß wie schon lange nicht mehr. 25 Minuten muss ich später an einer Tankstelle auf Gaby warten. Während ich an der Tanke am Straßenrand sitze, hält ein Pickup an und die beiden Insassen fragen, ob sie mich nach Cuenca mitnehmen sollen. Ich zeige aufs Motorrad und lehne dankend ab. Ein paar Minuten später hält ein weiterer Pickup und der Fahrer stellt sich in gutem Englisch als Jose vor. Es folgt das übliche: woher, wohin, wie lange schon. Daumen hoch für die Yamaha, ja, es ist ein gutes Motorrad. Und ein Großes.

Hinter einer Kurve sehe ich zwei Motorräder mit Koffern stehen und wir halten an. Die “Los Easy Riders” Paul und Arnoud kommen aus Belgien und fahren gerade eine interessante Tour. Vor 15 Jahren ist Arnoud mit dem Rucksack von Bogota in Kolumbien nach Peru gereist und hat damals ein Reisetagebuch geschrieben. Jetzt ist er mit einem Freund unterwegs, um die Städte und Leute von damals zu besuchen. Er erzählt von einem Mädchen aus Bogota, dass vor 15 Jahren immer vor dem Hilton-Hotel gebettelt hat. Lediglich ein altes Foto hatte er von ihr. Die beiden haben das Mädchen tatsächlich ausfindig gemacht. Sie wohnt noch immer in der gleichen Gegend in Bogota, hat mittlerweile Kind und verkauft an einem Stand Obst und Lebensmittel.
Auch einen anderen Mann konnten die beiden finden, Arnoud hatte noch den Namen und die Adresse im Tagebuch.

In den Seitenkoffern stecken keine Unterhosen und Socken, sondern allerlei Hightech-Zeugs. Ein mit weiterer Technik vollgestopftes Begleitfahrzeug folgt den beiden, um die Aufnahmen täglich zu überspielen, im Auto sitzt noch ein Kameramann. Außerdem sehe ich auf dem Dach mehrere Ersatzreifen für die Bikes. Beide betonen, dass der Aufwand ziemlich groß ist und verdammt viel Zeit für die Filmerei draufgeht. Ein Sticker ihres Projekts (auf ihrer Facebook-Seite “Los Easy Riders” bin ich auch mit Foto zu sehen) wandert auf meinen Koffer und wir verabreden uns für den Abend in einem Hostel in Cuenca – wenn sie es denn finden.
Gaby hat gestern im Internet ein gutes und günstiges Hostel rausgesucht, und dank seiner Open-Street-Map-Karten fürs Navi finden wir es auch sofort. Auf meiner Original-Garmin-Karte für Südamerika ist Ecuador leider nicht drauf, ich hätte kaum eine Chance, in der Großstadt eine bestimmte Adresse zu finden.
Leider kommen die Belgier nicht mehr, ich nehme an, sie haben das Hostel nicht gefunden.

Montag, 29. Oktober

Und „Zack“ – der Strom ist weg, das Hotel ist dunkel. Ich gehe auf den Balkon und sehe, dass in ganz Macara kein Licht mehr brennt. Ein paar Mopeds und Autos fahren durch die dunklen Gassen und spenden das einzige Licht. Unser Hoftor wird zugezogen, der Nachbar macht das gleiche. Am Arenal-See in Costa Rica war zwar der Strom auch dreimal weg, aber innerhalb weniger Sekunden wieder da. Mal sehen, wann hier das Licht wieder angeht. Auf den Fernseher kann ich verzichten, Internet gibt’s hier sowieso keins. Aber wenn man nicht mal lesen kann und der Ventilator nicht geht, dann ist das nicht so schön. Mein Laptop-Akku zeigt noch 72 Prozent an, lange reicht das nicht.
So, nach einer dreiviertel Stunde ist der Strom wieder da.


Veröffentlicht von panamericana am 19. Oktober 2012

Deutsche Woche und Oh, wie schön ist Panama?

Donnerstag, 11. Oktober 2012

6.20 Uhr legt die Fähre von Utila ab, eine Stunde später bin ich wieder auf dem Festland und weitere zehn Minuten später beim Yamaha-Händler. Sollten sie es tatsächlich geschafft haben, den Gabel-Simmerring zu wechseln? Ich sehe mir die Sache an und bemerke sofort, dass das ABS-Sensorkabel nicht wieder in die Halterungen eingehängt ist und an der Bremsscheibe schleift. Das Kabel wäre nach ein paar Kilometern durchgeschliffen. Ansonsten sieht alles gut aus; an der österreichischen Vignette, die auf dem Gabelholm klebt, kann ich sehen, dass er verdreht ist – die Mechaniker haben ihn also tatsächlich ausgebaut. Ich lasse mir den alten Simmerring mitgeben, packe mein Zeug und mache mich auf den Weg. Ein festes Ziel habe ich nicht für heute, ich will aber versuchen, so weit wie möglich nach Süden zu fahren.

Die Straßen in Honduras sind wie in Guatemala, wie in Belize, wie in Mexiko. Guter Asphalt, rechts und links sattes Grün, aber wieder nichts Besonderes. Schon vor einigen Wochen habe ich geschrieben, dass mir die Landschaft Kanadas und Montanas fehlt. Die Abwechslung. Berge, Seen, Nadelwälder, die Weite. Ich spule 550 anstrengende und langweilige Kilometer ab, schaffe es aber von der honduranischen Karibik-Küste auf die Pazifikseite im Süden.

Es war irgendwo vor Managua, aber eigentlich spielt der Ort keine Rolle. Zwei Fahrspuren führen in die Stadt, ich fahre links. An jeder Ampel laufen Händler zwischen den Autos umher und wollen Wasser, Nüsse, Obst, Süßigkeiten oder Zigaretten verkaufen. Sie sind nicht aufdringlich. Irgendwann halte ich an einer Ampel, vor mir steht nur noch ein weiteres Auto. Unmittelbar links vor und neben mir, vielleicht anderthalb Meter entfernt, steht zwischen den Fahrbahnen ein Mann. Eigentlich sitzt er. Auf einer Art Dreirad mit Holzgestell und Schubkarrenrädern, als Sitzfläche dient ein Kissen. Vor sich eine Kurbel, eine Kette geht hinunter zum Vorderrad. Der Mann, etwa Mitte 40, hat keine Beine, seine verkrüppelten Füße scheinen unmittelbar am Unterleib angewachsen zu sein. Sein rundes, glatt rasiertes Gesicht ist das traurigste, das ich während der Tour bislang gesehen habe. Er streckt seine Hand nicht aus, spricht mich nicht an – aber seine traurigen Augen sehen mich an. Was er denkt? Vielleicht: Der reiche Ami macht nicht einmal Anstalten ein paar Cordobas rauszukramen. Da stehe ich also mit einem 18.000-Euro-Motorrad, einer sündhaft teuren Kombi und einer ebenso teuren Kamera im Tankrucksack neben ihm, und kann ihm nicht einmal ein bisschen was geben, obwohl ich es so gerne machen würde. Mein Geld ist im Rucksack und ich würde es während der Ampelphase nicht schaffen, es rauszuholen. Wie gesagt, zwei Spuren in jede Richtung mit Mittelstreifen, auch umdrehen und anhalten wäre nicht einfach. Vielleicht hätte ich es trotzdem machen sollen, denn noch lange danach denke ich an sein Gesicht.

Dann folgt das schlimmste Stück Straße, das ich bisher erlebt habe. Auf der CA3 Richtung Managua müssen vor einigen Jahren Streubomben getestet worden sein; ein tiefes Schlagloch folgt dem anderen, die Piste ist extrem zerstört und die wenigen Fahrzeuge versuchen sich im langsamen Riesen-Slalom. Unglaublich. Ich denke an den neuen Simmerring und hoffe, dass er nicht gleich wieder aufgibt. Nach einigen Kilometern fällt das Vorderrad in einen der Krater, schlägt wohl vorne an die Asphaltkante an und es gibt einen mörderischen Hieb, obwohl ich natürlich nicht schnell war. Wenn da mal nicht was kaputt gegangen ist! Eine Gussfelge hätte den Aufprall vermutlich nicht überlebt. Ich halte an und werfe einen schnellen Blick aufs Rad – scheint nichts kaputt zu sein, also weiter.


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Mit Heidi und Bernd in Granada.
In Granada frage ich mich zum Hostel durch, ich bin hier mit Bernd und Heidi verabredet. Die beiden Deutschen sind mit ihren KTMs auf Weltreise und nun auf dem Weg von Südamerika Richtung USA. Sie sind gerade in der Stadt unterwegs und auch mache ich mich auf die Socken und schlendere über den bunten Markt.


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Reis, Mai, Gewürze, Fisch, Obst, Gemüse – auf dem Markt in Granada gibt’s alles.
Dutzende Obst- und Gemüsestände, Imbissbuden, Fleisch- und Fisch-Händler, buntes Getreide in Säcken, scharfe Schoten, die neben den Händlern von der Decke baumeln, angebundene Hühner gackern, eine Frau trägt zwei schreiende Ferkel an den Beinen durch die Gegend – ein typischer Markt halt! Ich kaufe einen Beutel Tomaten für umgerechnet 30 Euro-Cent, ein Kilo Käse für 1,50 Euro und einen Beutel mit einer Mischung aus Schoten, scharfem Gemüse, Gurken und noch anderem Zeug für ein paar Cent.


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Auf dem Markt in Granada.
Den Rest des Abends sitzen Heidi, Bernd und ich zusammen, wir essen, trinken ihre Flasche Vodka, einige Biere und unterhalten uns über unsere Touren. Plötzlich sehe ich, dass meine Felge doch eine kleine Delle drin hat! Scheiße! Es sieht nicht schlimm aus, ist aber äußerst ärgerlich. Können die Nicas nicht wenigstens die größten Krater mit Schotter auffüllen?

Freitag, 12. Oktober 2012

Nur 100 Kilometer sind es bis San Juan del Sur, einem kleinen Ort direkt am Meer. Ich fahre kurz durch den Ort und checke in einem Hostel mit Meerblick ein, sieben Dollar pro Nacht sind fair. Es dauert nicht lange, und ich lerne zwei amerikanische Mädels kennen. Beth und Ava sind äußerst nett, wir verstehen uns auf Anhieb gut, unterhalten uns lange und gehen abends essen. Später sitzen wir vor dem Hostel, Ava hat ihre Ukulele dabei und spielt ein paar Songs, die sie selbst geschrieben hat. Beth singt mit und ich bin schwer beeindruckt, denn es klingt erstaunlich gut; die Melodien sind klasse und die beiden ein tolles Team, obwohl sie erst seit ein paar Monaten zusammen singen. Dass sie gut sind, merkt auch „Bongo“ (so nennt er sich), ein amerikanischer Musiker, der auch als Doppelgänger von Dustin Hoffman arbeiten könnte. Er lebt seit 12 Jahren in Costa Rica, reist gerade durch Nicaragua und war 40 Jahre im Musik-Business. Er trinkt gerade ein Bier mit einem Bekannten, hört die beiden Mädels singen und setzt sich zu uns. Früher hat Bongo für 300 Dollar pro Stunde gespielt, heute trommelt er für zehn Dollar am Abend, nicht weil er es nötig hätte, sondern weil es ihm Spaß macht. Nun ja, der Abend wird lang, die Mädels singen und spielen, das Bier fließt und die Stimmung ist toll. Bongo spielt morgen Abend mit einer Band in einer Kneipe, ein paar hundert Meter weiter; und gemeinsam schaffen wir es die Mädels zu überreden, in der Pause drei ihrer eigenen Songs zu spielen – das erste Mal vor Publikum. Klare Sache: Ich bleibe morgen auch noch hier, obwohl ich eigentlich los wollte.


Samstag, 13. Oktober 2012

Zum ersten Mal in meinem Leben stehe ich auf einem Surfbrett! Obwohl, das stimmt nicht, ich liege darauf und kraule seit etwa 15 Minuten mehr oder weniger hilflos in der Brandung umher. Und ich merke, dass ich in den letzten vier Monaten keinen Sport gemacht habe. Und die letzten Jahre davor auch nicht viel. Schon nach kurzer Zeit habe ich keine Kraft mehr in den Armen, das ständige Rausschwimmen strengt tierisch an. Das hatte ich mir etwas einfacher vorgestellt. Das Brett ist so instabil, dass ich wahrscheinlich mehrere Tage bräuchte, um wenigstens kurz aufzustehen und ein paar Meter zu surfen. Egal, es macht trotzdem Spaß und nach einiger Zeit fegen mich die Wellen auch nicht mehr vom Brett. San Juan del Sur ist Ausgangspunkt zu mehreren Stränden bzw. Buchten, die fürs Surfen gut geeignet sind. (Während man auf Utila nur Tauchen und Trinken konnte, kann man hier nur Surfen und Trinken.) Beth und Ava haben die Tour gestern gebucht und weil ich sowieso nichts vorhatte, bin ich mitgefahren. Bis heute wusste ich auch nicht, dass Nicaragua als eines der besten Surf-Reviere der Welt gilt und erst vor einigen Wochen hier irgendwelche Meisterschaften ausgetragen wurden.

Es ist heiß, die Sonne steht fast im Zenit und selbst am Strand geht nur eine schwache Brise. Beth und ich wechseln uns mit dem Brett ab, einer bleibt immer bei den Klamotten. Die Hostel-Chefin hatte uns gewarnt, kein Gepäck alleine liegen zu lassen, weil hier oft geklaut wird. Daher habe ich auch keine Kamera mitgenommen und kann leider keine Bilder zeigen. Ava kann ziemlich gut surfen und macht ihr Ding weiter draußen. Am Strand stehen ein paar Hütten und kleine Bars mit Palmendächern, die Cocktails und Sandwiches verkaufen. Wie überall an solchen Stränden, egal in welchem Land, läuft Bob Marley – haben die nichts anderes?


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Mit Carmen und Micha.
Als wir wieder im Hostel ankommen, sind Carmen und Micha bereits da. Die beiden fahren auch von Alaska nach Feuerland und das letzte Mal haben wir uns San Francisco getroffen. Wir erzählen, trinken Bier und gehen am Abend rüber in die Black-Whale-Bar, wo heute Live-Musik ist und die Mädels spielen. Um die Sache deutlich abzukürzen: es wurde lustig, spät, und Beth und Ava haben ihren ersten Live-Auftritt ziemlich gut gemeistert.


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Abschied von Ava und Beth. Schön wars! 

Sonntag, 14. Oktober

Wie immer fasse ich mich auch diesen Sonntag kurz: gegen zehn Uhr losgefahren, Grenzübertritt nach Costa Rica, leicht verfahren, kurz vor Sonnenuntergang in Arenal angekommen, bei einem Deutschen im Hotel mit sehr schönem Garten bzw. Grundstück abgestiegen, Brüllaffen gehört, Kolibris gesehen, Deutsche Welle geguckt, Bier getrunken, ins Bett gegangen.

Ich habe kurz überlegt, ob ich den Grenzübertritt für andere Motorrad-Reisende etwas genauer beschreiben soll. Allerdings bringt das nicht viel, da ich nach Gesprächen mit einigen anderen Bikern das Gefühl habe, dass es stark darauf ankommt: 1. Wer gerade Dienst hat. 2. Welche Laune derjenige gerade hat. 3. Zu welcher Uhrzeit man ankommt und 4. Welchen Grenzübergang man wählt. Bei der Einreise nach Nicaragua (glaube ich) mussten Carmen und Micha zum Beispiel jeweils drei Kopien von Führerschein, Fahrzeugschein und Reisepass machen. Ich habe den gleichen Grenzübergang genommen und musste nur eine einzige Kopie machen lassen. Von daher sind Tipps immer schwierig, und ich bin der Meinung, dass man es ruhig selber versuchen kann – so schlimm ist das alles nicht. Im Internet gibt es für einige Grenzübergänge unglaublich detaillierte Anleitungen, wie jeder einzelne Schritt zu erledigen ist. Auch ich habe mir sowas einmal durchgelesen und dann nie wieder; man braucht es einfach nicht. Ich staune selber über mich, wie gelassen ich die manchmal langwierigen Prozeduren nehme. Zumal ich sonst eher ungeduldig bin und bei Bürokratie am liebsten oft aus der Haut fahren möchte. In Mittelamerika braucht man Geduld, dann wird alles gut.

Montag, 15. Oktober

5.01 Uhr werde ich geweckt. Nicht von Hähnen, sondern von den Brüllaffen, die sich Urwald gleich nebenan anscheinend schon wieder von Ast zu Ast schwingen. Na toll, nochmal einschlafen ist nicht drin, ich döse noch etwas vor mich hin und bearbeite dann ein paar Bilder. Die zehn Dollar fürs Frühstück waren mir zu teuer, und ich wollte sowieso gleich zu dem deutschen Bäcker in Arenal fahren, von dem mir Heidi und Bernd vor ein paar Tagen erzählt haben. Keine zehn Kilometer später bin ich schon da und Besitzer Tom serviert mir ein ordentliches Frühstück mit gutem Brot und Rührei. Wir unterhalten uns immer mal wieder kurz – er muss zwischendurch arbeiten – ich trinke Kaffee, checke meine Mails und überlege ernsthaft, ob ich nicht einfach einen Tag hier bleiben und die Speisekarte rauf- und runter essen soll.


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Fast 10.000 Kilometer von Berlin entfernt.
Die Wurst wird von einem deutschen Fleischer gemacht, viele Lebensmittel lässt Tom aus Deutschland kommen. So eine schöne Käse-/Wurstplatte hätte schon was! Und vielleicht noch eine Bratwurst mit Sauerkraut, dazu ein Hefeweizen? Und zwischendurch immer wieder süße Leckereien aus der Backstube? Ach, besser nicht. Ich möchte weiter.

Die Gegend um den Arenal-See ist wunderschön. Überall Pflanzen mit bunten Blüten, Palmen, der See ist immer wieder kurz zu sehen, die Straße windet sich in schönen Kurven  Richtung Osten. Die meisten Grundstücke hier sehen sehr gepflegt aus, die Häuser teurer als anderswo in letzter Zeit. In Costa Rica scheint der Name Programm zu sein. Hier fahren keine Rostlauben umher, sondern ziemlich neue Geländewagen und Autos der oberen Mittelklasse. Und ich sehe hier die bislang meisten „Zu Verkaufen“-Schilder. Vermutlich sind die Preise hier mittlerweile so hoch, dass viele Einheimische auch ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Da fällt mir Klaus ein, der deutsche Besitzer der Black-Whale-Bar in San Juan del Sur/Nicaragua. (In dieser Woche habe ich so viele Deutsche kennengelernt und getroffen, wie schon lange nicht mehr) Die Bar bzw. das Restaurant brummt, ist der angesagteste Laden im Ort und das gar nicht mal so große Grundstück liegt fast unmittelbar am Meer, nur durch eine kaum befahrene schmale Straße getrennt. Klaus ist nur Pächter, denn die Besitzer wollen sage und schreibe 600.000 US-Dollar für Land und Haus. Wobei das Haus nichts wert ist, weil es wie fast alles hier nur zusammengeschustert ist. Zurück zu Costa Rica, welches das teuerste Reiseland in Zentral-Amerika ist. Kaum ein Zimmer kostet unter 20 US-Dollar pro Nacht, und das sind dann nur die ganz einfachen Buden. Benzin ist ebenfalls sehr teuer, wenn ich heute an der Zapfsäule richtig aufgepasst habe, kostet der Liter derzeit umgerechnet rund 1,15 Euro. Unglaublich viel für hier unten.

Kurz vor 17 Uhr, in weniger als einer halben Stunde wird es dunkel. Seit etwa einer Stunde windet sich die Straße immer weiter die Berge hinauf, es nieselt leicht, stellenweise ist der Nebel so dicht, dass ich keine 50 Meter weit sehen kann. Ich bin müde und schlapp, obwohl ich heute nicht weit gefahren bin. Die letzten zwei oder drei Stunden konnte ich im Schnitt nur rund 50 km/h fahren, viele PKW schlängeln sich die engen Straßen hinauf, Möglichkeiten zum Überholen gibt es nur selten. In San Jose, der Hauptstadt Costa Ricas, habe ich Ewigkeiten gebraucht, um auf die richtige Straße zu finden, Schilder scheinen hier nicht weit verbreitet zu sein. Und die weltweite Basiskarte des Navis bringt hier in Lateinamerika überhaupt nichts. Manchmal frage ich mich, was Garmin sich dabei gedacht hat und wie diese Daten erhoben wurden. Teilweise liegen hunderte Meter oder sogar einige Kilometer (!) zwischen der richtigen Straße und der lila Linie, die das Navi anzeigt. So bin ich heute Morgen laut Navi ein ziemlich langes Stück durch den Arenal-See gefahren… Wenigstens kann ich mit dem Kompass etwas anfangen und fahre an jeder größeren Kreuzung ohne Schilder nach Osten, zumindest in die grobe Richtung. Ansonsten hat mir das Navi in Nordamerika immer gute Dienste geleistet und ich würde nicht ohne fahren wollen.

Mitten in den Bergen und im Dschungel stehen zwei Häuser an der Straße. Souvenirs, Kaffee, Cabins – also eine Unterkunft – steht auf den Schildern. Kein besonders einladender Ort für die Nacht, aber ich bin ja nicht anspruchsvoll. Der Besitzer spricht ein bisschen English, seine Frau auch und nach einer Tasse Kaffee sehe ich mir die Hütte an. Hinter dem Wohnhaus und dem Souvenirshop geht es etwa zwanzig Meter weit relativ steil bergab in den Dschungel, auf rutschigen, verwitterten Betonstufen. Die Holzhütte ist zweckmäßig eingerichtet: Plastiktisch, Plastikstühle, eine kleine Holzbank vor einem kleinen Tisch auf dem ein kleiner Fernseher steht. Ein alter Ofen und ein paar Säcke Feuerholz stehen in einer Ecke, in der anderen ein altes Zweisitzer-Sofa. Das Doppelbett im Schlafzimmer ist so wie die meisten Betten in letzter Zeit: durchgelegen. In einigen Reiseforen habe ich bereits Bilder von Duschen gesehen, in denen das Wasser elektrisch im Duschkopf beheizt wird, ähnlich wie bei einem Tauchsieder. Jetzt sehe ich so ein Ding zum ersten Mal selbst und muss sagen: wirklich vertrauenserweckend sieht die Installation nicht aus. Aber es funktioniert und das Wasser wird erstaunlich schnell warm. Geht schon mal für eine Nacht, obwohl die Hütte die verlangten 25 Dollar pro Nacht natürlich nicht ansatzweise wert ist. Das schönste hier ist die unglaubliche Ruhe. Der Regen trommelt leise aufs Dach, ansonsten höre ich kein Auto, keine Menschen. Die Reservedose mit Spam-Frühstücksfleisch wird mein Abendessen.

Dienstag, 16. Oktober 2012

Die Nacht war kalt hier oben auf fast 2600 Meter Höhe. Mit drei Wolldecken habe ich die 11 Grad Celsius überstanden. Kurz nach Abfahrt windet sich die Straße noch weiter hinauf, die Temperatur schwankt zwischen elf und 13 Grad, und schon nach kurzer Zeit frieren meine Hände in den dünnen Handschuhen. 3350 Meter Höhe, und damit fast 400 Meter höher als die Zugspitze, meldet das Navi; rechts und links blicke ich über die Täler, in denen die Wolken hängen. In der Ferne erkenne ich einen der vielen Vulkane hier in Mittelamerika.

Kurze Zeit später bin ich fast wieder auf Meereshöhe, die Anzeige im Cockpit meldet wieder 30 Grad. Das letzte Stück vor der Grenze ist nicht schön und wenig sehenswert. An der Grenze. Insgesamt brauche ich für die Aus- und Einreiseprozedur zweieinhalb Stunden. So lange, wie an noch keinem Grenzübergang vorher. Das liegt nicht nur (aber auch) daran, dass die Beamten langsam sind. Vor vielen Schaltern stehen Schlangen, überall warte ich. In einem Raum sitzt ein dicker Polizist mit einer dicken goldenen Uhr an einem winzigen schmutzigen Rolltisch, auf der unteren Ablage aus Drahtgestell liegt eine Pizzaschachtel. Der Cop ist gerade damit beschäftigt, sein Handy auseinander- und wieder zusammenzubauen. Er stempelt schnell meinen Zettel und bastelt weiter. Ich kaufe eine Versicherung für 17 Dollar, gültig für drei Monate, Reise nach Panama ein, importiere das Motorrad, hole einen Stempel hier und noch ein paar da, lasse das Motorrad desinfizieren und bin gegen 14.30 Uhr endlich wieder unterwegs. Im strömenden Regen. Die nächsten Stunden werden nass, etwas Wasser dringt in die Ärmel ein, das untere Polster am Helm saugt sich ebenfalls voll und anscheinend lässt die Jacke auch irgendwo den Regen durch, denn als ich in einem Hotel einchecke und meine Klamotten ausziehe, ist mein Hemd durchgeweicht. Meine Finger sehen schrumpelig aus wie Rosinen. Das von Chinesen geführte Hotel ist ziemlich einfach, wenn nicht gar schäbig, aber das Bett ist bequem. Der Geruch im Zimmer erinnert mich stark an nasse Neoprenanzüge nach dem Tauchen. Und das war schon so, bevor ich meine Klamotten ausgezogen habe.

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Gestern Abend habe ich gehört, dass irgendetwas unter dem Motorrad metallisch klappert. Ein Blick und die Ursache ist gefunden: Der Kardan-Protektor hängt nur noch an einer Halterung, die andere hat vor den teils schlechten Straßenverhältnissen kapituliert. Keine große Sache, ich zurre das Blech mit einem Kabelbinder fest und werde die Halterung bei nächster Gelegenheit für ein paar Dollar wieder anschweißen lassen. Fast 35.000 Kilometer stehen mittlerweile auf dem Tacho der XT1200Z, und nach dem defekten Gabel-Simmerring ist das erst das zweite kleine Problem. Große gab es gar nicht.

Ich biege ab zum kleinen Ort El Chame, weil ich dort eigentlich etwas essen will. Die Strecke ist schön, kurvig, der Asphalt ist gut. Aber es zieht sich hin und der Ort weiter entfernt als dachte. Unterwegs sehe ich ein lustiges Schild, das Werbung für “Nitrocity” macht, anscheinend ein Action-Park für Touristen. In El Chame gibt es absolut nichts, was die Strecke gerechtfertigt hätte. Ich finde kein Restaurant am Strand, ja, man kann kaum direkt zum Strand hinunterfahren. Auf dem Nitrocity-Gelände wakeboarden ein paar Touris in einem künstlichen Wasserbecken.

Ich erreiche Panama City als es noch nicht regnet, aber der Himmel ist grau, die Wolken hängen tief über den Wolkenkratzern. In einem McDonald‘s kurz vor Panama hatte ich die Speicherkarte von Garmin mit dem Kartenmaterial von Südamerika eingelegt, und zum Glück ist Panama City mit drauf und erspart mir so langes Suchen nach dem Hostel. Im Stadtzentrum ist die Hölle los, Automassen schieben sich durch enge Gassen, die Panamaer hupen viel und ich bin froh, als ich das Hostel erreiche. Es scheint nicht in der besten Gegend zu liegen, denn es ist nicht nur vergittert. Auf der Mauer, die den Hof umgibt, thront noch ein Elektrozaun mit Warnschildern. Mir soll’s recht sein, die Yamaha steht sicher.

Nach vier Monaten unterwegs wasche ich zum ersten Mal meine Motorradhose (die Jacke kommt morgen). Das klingt vielleicht ein bisschen eklig, aber bislang hat sie kaum gemüffelt. Jetzt wurde es aber doch Zeit. In der Hosentasche finde ich noch den Schlüssel zur Hütte, in der ich vor zwei Tagen auf Costa Rica übernachtet habe… Die Familie hat kein Internet, ich habe keine Adresse und so werde ich den Schlüssel wohl mitnehmen und vielleicht in vielen Jahren persönlich wieder zurückbringen müssen J

(In genau diesem Moment sitzt ein junges Mädel neben mir am Tisch, dass sich ein bestimmt fünf Zentimeter dickes, riesiges Stück medium gebratenes Fleisch genehmigt. Gato 3, der Hostel-Kater bekommt auch was ab. )

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Über Nacht hat es weiter stark geregnet und den Boden unter dem Seitenständer aufgeweicht. Ein Hostel-Mitarbeiter hilft mir, das Bike wieder hochzuheben. Der Himmel ist grau, jeden Moment könnte es anfangen zu regnen – es ist Regenzeit. Ich riskiere es trotzdem und fahre ein bisschen in der Stadt umher und auf einen Aussichtspunkt, von dem man über Panama City blicken kann. Allerdings brauche ich ewig, um den richtigen Weg dort hoch zu finden – trotz Navi. Oben teile mich mir den Platz mit ungefähr 70 Schülern oder Studenten, die sich gerade zu Fuß hier hoch gequält haben. Mit 31 Grad ist es warm wie jeden Tag, aber die Luftfeuchtigkeit lässt mich schwitzen, obwohl ich mit dem Motorrad hoch gefahren bin. Links blicke ich auf ein Containerterminal neben dem Panama-Kanal und kann in der Ferne die berühmten Miraflores-Schleusen sehen, die letzten Schleusen vor dem Pazifik. Rechts geht der Blick über Panama-City; und man muss sich das Bild in zwei Teilen vorstellen. Links die schicken hohen Wolkenkratzer für die Reichen, und rechts die flachen abbruchreifen Häuser der Armen. Von dem, was ich so gesehen habe, meine ich, dass Arm und Reich hier besonders dicht zusammenleben, es aber auch besonders große Unterschiede gibt. Ich kann mich nicht erinnern, irgendwo sonst in Mittelamerika einen Porsche Cayenne Turbo gesehen zu haben. Auch andere Luxuswagen sind hier nicht selten. Ob der Reichtum von den vielen Briefkastenfirmen, Offshore-Konten und Schiffsregistrierungen herrührt? Möglich. Auf jeden Fall verdient Panama jährlich rund 1,7 Milliarden Dollar mit den Gebühren, die Schiffe zahlen müssen, um durch den Kanal zu fahren.


Der Höhenunterschied an den Miraflores-Schleusen beträgt nur rund 16 Meter und wird mit zwei Kammern überwunden.
Ich fahre zu den Miraflores-Schleusen, zahle fünf Dollar Eintritt und kann gerade noch rechtzeitig sehen, wie die Schleusenkammern geflutet werden und einen mittelgroßen Tanker auf das nächste Höhenlevel befördern. Viel ist nicht los, es ist das einzige Schiff in Sichtweite. Ich dachte, die Ozeanriesen stehen hier Schlange, um vom Pazifik in den Atlantik zu kommen und umgekehrt? Die Fahrt durch den Kanal verkürzt die Reisezeit von New York nach San Francisco im Schnitt um drei Wochen. Je nach Schiff kosten die Passagen mehrere hunderttausend Dollar; ein großes Kreuzfahrtschiff zahlt rund 400.000 Dollar, ein Containerschiff kann je nach Anzahl der Container locker eine halbe Million Dollar zahlen. Die Reeder müssen die Passagen im Voraus buchen, es gibt aber die Möglichkeit, bei einer Auktion mitzubieten – die Kanal-Behörde versteigert pro Tag eine Durchfahrt. 2006 zahlte ein Tanker rund 220.000 Dollar, um an 90 wartenden Schiffen vorbeifahren zu dürfen. So, genug mit dem Wikipedia-Wissen.

Zurück im Zentrum. Wer einmal falsch abbiegt, ist ein paar hundert Meter später in Gegenden unterwegs, in der ich nicht mal tagsüber anhalten möchte. Kaputte Häuser, überall Dreck und Schrott, finster dreinblickende Gestalten in zerrissenen Klamotten. Mir fällt auf, dass fast jedes Fenster in Panama-City vergittert ist. Stahlspitzen und Glasscherben auf Mauern, Stachel- und Klingen(?)-Draht in allen möglichen Häuseröffnungen, bei uns im Hotel steht sogar ein Elektrozaun auf der Hofmauer. Oh, wie schön ist Panama?


Veröffentlicht von panamericana am 10. Oktober 2012

Tauchen, Diebstahl, Gift und Werkstätten

Montag, 1. Oktober

Nach mehr als vier Wochen und über 7000 Kilometern in Mexiko fahre ich heute weiter nach Belize. Ich habe Mexiko als schönes Reiseland kennengelernt, mit tollen Motorradstrecken, sehr netten Einheimischen, einer unglaublich schönen Unterwasserwelt und karibischen Stränden. Reisende, die aus den USA kommen, sollten einfach nicht alles glauben, was dort über Mexiko erzählt wird. Die Amis haben doch Angst vor allem und jedem. Sicher gibt es Gegenden, von denen man sich fernhalten sollte, etwa die größeren Grenzstädte im Norden des Landes. Aber wer will da schon länger bleiben? Man hat uns Drogen und Frauen angeboten, wir haben Waffen gesehen, aber mal im Ernst – in welcher deutschen Großstadt gibt es das nicht?

Ich kann mich an keinen einzigen Mexikaner erinnern, der mir böse gesinnt oder unfreundlich war. Weder die Soldaten an den vielen Militär-Kontrollen, noch die Polizisten bei der einzigen Verkehrskontrolle. Oft wurde mir aus Autos zugewunken, der Daumen gehoben oder Fragen zum Motorrad gestellt. 99 Prozent der Mexikaner sind wie wir, und mit dem drogendealenden, tötenden restlichen Prozent hat man ohnehin nichts zu tun. In einer Bar auf Cozumel waren Talia und ich die einzigen Weißen unter bestimmt 50 Mexikanern – überhaupt kein Problem. Der alte Kellner stellte sich als Jose vor, machte Fotos mit uns und unterhielt sich mit uns so gut es ging. Ob an der Tankstelle oder in der Art Baumarkt, als ich einen Karabiner suchte – jeder will helfen. Gut, heute am letzten Tag musste ich an der Tanke mit Dollar zahlen und der Tankwart hat mir einen ziemlich schlechten Kurs gegeben – was soll’s. Moment, einer kommt noch, und zwar gleich im nächsten Abschnitt.

Also: keine Angst vor Mexiko.

Ich muss früh aufstehen, weil ich gestern im Van von Tauch-Guide Paolo mein T-Shirt vergessen habe und er 7.30 Uhr zum nächsten Tauchgang abfährt. Danach geht’s direkt nach Chetumal, der Grenzstadt zu Belize. Ich nähere mich dem Grenzübergang Santa Elena und sofort springt mir förmlich jemand vors Rad. Ich solle ihm folgen, er weiß, was gemacht werden muss. Er trägt zwar eine Krawatte, wahrscheinlich um offiziell auszusehen, aber ein ziemlich schmutziges rotes Hemd. Also kein Offizieller. Er ist mir sofort unsympathisch und ich beachte ihn nicht weiter. Ich muss zum Immigration-Office und meine Touristenkarte wieder abgeben, die ich bei Einreise erhalten habe. Oft habe ich gelesen, dass manchmal versucht wird, auch eine Ausreisegebühr zu kassieren. Der komische Typ bleibt neben mir, bis zum Schalter des Immigration-Officers, und sagt, die Ausreise koste 25 Dollar. Vermutlich steckt er mit dem Beamten unter einer Decke, denn auch der will die Gebühr kassieren. Ich sage Nein, gebe ihm die Touristenkarte und warte. Er will eine Quittung von der Einreise sehen und es ist mir eine große Genugtuung, als ich sie aus meinem Rucksack hole. Er sieht sie sich an und knallt etwas missmutig, ohne ein weiteres Wort zu sagen, den Stempel in den Pass. Ich schenke seinem schmutzigen Lakaien mein süßestes Lächeln und fahre weiter zum nächsten Schalter, an dem die Fahrzeugdokumente abgefertigt werden. Die junge Dame ist freundlich, seriös und erledigt alles schnell und korrekt. Das Motorrad ist offiziell wieder ausgeführt, die 400 Dollar Kaution werden meinem Konto wieder gutgeschrieben.

Aus Mexiko bin ich also raus. Ich fahre weiter Richtung belizianischer Grenzstation, als mir schon wieder ein paar Halbstarke zurufen, ich solle anhalten, weil ich eine Versicherung brauche. Das weiß ich selber, aber ich höre nie auf die, die am lautesten Brüllen und fahre weiter. Belize ist übrigens das einzige Land in Mittelamerika, in dem Englisch Amtssprache ist.


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Grenzübergang von Mexiko nach Belize in der Nähe von Puerto Barrios.
Die Beamten der Einwanderungsbehörde sind nett und professionell, schnell habe ich meinen Stempel im Pass und die Super Tenere ist auch gleich mit eingetragen. Beim Zoll will der Beamte nur den Stempel sehen, zu verzollen habe ich nichts – Gute Fahrt und viel Spaß in Belize! Das war ja einfach. Und hat insgesamt keine 30 Minuten gedauert. Siehe da, gleich hinter der Grenze gibt es ein offizielles Büro, das Versicherungen verkauft. Eigentlich möchte ich nur eine für drei Tage kaufen, weil ich gelesen habe, dass sie sechs US-Dollar pro Tag kostet und ich vermutlich sowieso nicht länger hier bleibe, da ich nur auf der Durchreise bin. Leider kostet sie pro Tag 12 US-Dollar, die Woche 29, also kaufe ich die Versicherung natürlich für eine Woche.

Nur wenige Kilometer hinter der Grenze liegt das Örtchen Corozal. Gestern habe ich mir die Adresse einer kleinen Pension rausgesucht und fahre dorthin, über eine gute Schotterpiste, die Adresse liegt etwas außerhalb. Vor mir überquert plötzlich ein Nasenbär die Straße, doch er verschwindet so schnell in den Büschen, dass ich kein Foto machen kann. Die Pension ist teurer als ich dachte, und 50 US-Dollar ist es mir nicht wert. Der Sohn der amerikanischen Familie gibt mir aber den Tipp für ein günstiges Hotel in der Stadt, direkt am Wasser, mit abgeschlossenem Parkplatz und das alles für nur 20 US-Dollar. Dort checke ich ein, setze mich auf die Terrasse und schaue aufs Meer. Eigentlich ist es eine flache Bucht, das Meer liegt hinter einem dichten Mangrovenwald einige hundert Meter entfernt. Erinnert mich an Florida, obwohl ich noch nie dort war, vielleicht weil ich es so von Bildern kenne. Immer wieder sehe ich etwas aus dem Wasser ragen und wieder verschwinden. Krokodile? “Ja, die gibt’s hier auch,” sagt einer der Mitarbeiter, “aber das was da immer wieder auftaucht sind Manatis – Seekühe.” Wirklich Wahnsinn, was ich während der Reise bislang schon alles für Tiere gesehen habe.

In einem Reiseführer, der im Hotel liegt, lese ich, dass sich in Belize viele amerikanische und britische Rentner niederlassen – weil Englisch gesprochen wird. Tatsächlich ist der Hotel-Besitzer aus Wales, und oft ruft er von der Terrasse einigen Bekannten etwas in Englisch zu, offensichtlich auch zugezogene. Der ehemalige Kapitän gibt mir noch ein paar Tipps, welche Straßen gut sind und welche nur Schotterpisten sind. Dazu muss ich sagen, dass es in Belize laut meiner Karte eigentlich nur zwei größere Straßen gibt. Einige Abkürzungen führen über Pisten durch den Dschungel, ich bezweifle aber, dass man auf ihnen schneller vorankommen würde. Außerdem seien die Pisten oft überschwemmt, und manchmal seien Brücken kaputt.

Also gut, da ich ohnehin etwas unter Zeitdruck stehe nehme ich die normale Straße. Rauer, aber sonst guter Asphalt, keine Seiten- und Mittelmarkierungen und insgesamt deutlich schmalere Straßen als in Mexiko – so sehen die Strecken in Belize aus. Die Vegetation unterscheidet sich gegenüber Mexiko ein wenig. Zwar säumen immer noch dichte Regenwälder, Palmen und Büsche meinen Weg, aber es sind andere Pflanzen und Bäume als in Mexiko. Alles wirkt deutlich uriger und unberührter, angeblich sind 60 Prozent des Landes dichter Wald, außerdem gibt es in Belize das einzige Jaguar-Reservat der Welt.

Belize hat ungefähr die Größe Hessens und nur etwas mehr als 300.000 Einwohner. Und von denen sind anscheinend auch nicht gerade sehr viele unterwegs, denn die Straßen sind ungewöhnlich leer. Kaum Verkehr, in den vielen kleinen Dörfern, die ich durchquere, sehe ich nur wenige Menschen. Hin und wieder kommen mir Kinder in ihren Schuluniformen entgegen. Ich weiß nicht, ob jede Schule die Farben selbst bestimmen kann, in einer jedenfalls tragen die Jungs dunkelblaue Hosen und hellblaue Hemden, die Mädchen dunkelblaue Röcke; in einer anderen tragen die Mädchen rosa Röcke.

Etwas später sehe ich wieder Uniformen, diesmal in leuchtendem Orange. Die Träger haben zwar keine große Kugel am Bein, sind aber dennoch Häftlinge, die von mehreren bewaffneten Wärtern beobachtet werden. Die Häftlinge schwingen Macheten und mähen so eine Wiese. Ein paar Hundert Meter früher stand ein Schild an der Straße, dass man auf dem nächsten Abschnitt nicht anhalten soll. Nichts liegt mir ferner.

Schon oft habe ich gelesen und gehört, dass Belize City sehr gefährlich sein soll. Gut, das haben viele Amerikaner auch über Mexiko gesagt, und ich hatte überhaupt keine Probleme und nur wenige Sicherheitsbedenken. Nachdem mir aber der Hotelbesitzer in Corozal versichert hat, dass es in Belize City ohnehin nicht viel zu sehen gäbe, gehe ich lieber kein Risiko ein und umfahre die Stadt. Ich erreiche eine kleine Stadt, unscheinbar, ein paar Banken und Tankstellen, einige Geschäfte, eine Universität, sonst nichts Besonderes. Aber: Belmopan ist die Hauptstadt Belizes. Ich brauche dringend Geld, das Hotel gestern und ein bisschen Benzin heute habe ich in US-Dollar bezahlt. Der Kurs Belize-Dollar zum US-Dollar ist auf zwei zu eins festgesetzt und ändert sich auch nicht. Die meisten Tankstellen und Hotels akzeptieren US-Dollar. Doch selbst davon habe ich nicht mehr viele in Bar dabei. Ich gehe in eine Bank und rate euch: Geht nicht am Zweiten eines Monats in eine Bank in einem Land, in dem der Lohn per Scheck gezahlt wird. Vor mir stehen bestimmt 15 Leute, jeder mit Scheck und Karte in der Hand. Und die honduranischen Bankbeamten lassen sich Zeit. Irgendwann bin ich dran und bekomme problemlos meinen US-Dollar-Traveller-Check in Landeswährung ausbezahlt.

Weiter geht’s durch den Dschungel, durch kleine Dörfer, über schmale Brücken, an Schulen und winzigen Läden vorbei. Ich erreiche Hopkins, ein Dorf mit schmalem Strand und keinen Straßen.


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Pause am Straßenrand in Belize.
Schon an der Abzweigung hierher habe ich ein Schild zu einem Hostel gesehen, und ich finde es auch recht schnell. Will, der Besitzer des „Funky Dodo“-Hostels ist Amerikaner, etwa 30 Jahre alt, leicht verlottert und anscheinend gerade bekifft. Außer mir sind im Hostel nur noch zwei andere Reisende; eigentlich nur einer, denn der andere ist schon länger hier und wird hier wohl auch bleiben. Überall liegt Zeug herum: Eimer, Baumaterial, Holzlatten, Pappschachteln, Kokosnüsse und was weiß ich noch alles. Jedenfalls sieht es ziemlich schäbig aus. Die sieben US-Dollar für ein Bett im Mehrbett-Zimmer sind für belizianische Verhältnisse jedoch günstig. Denn: Belize ist eines der teuersten Länder in Mittelamerika.

Den Rest des Abends lese ich und trinke Belikin, das belizianische Bier, das einfach furchtbar schmeckt. (zu meiner was-ich-vermisse-Liste kommt also noch Holsten-Pilsener dazu)

Dienstag, 2. Oktober

Von Belize nach Guatemala

In zwei Tagen will ich in La Ceiba an der Nordküste Honduras sein. Bis dahin liegen rund 800 Kilometer vor mir. Gegen 6.30 Uhr bin ich unterwegs Richtung Grenze. Wieder passiere ich Belmopan (es gibt keine andere Straße nach Guatemala) und erreiche anderthalb Stunden später die Grenze. Ich weiß, dass alle Papiere in Ordnung und beisammen sind, und dennoch ist es jedes Mal aufregend, sich einer neuen Grenze zu nähern. Meine Bedenken sind völlig unbegründet. Der Beamte der Einwanderungsbehörde stempelt meinen Pass, der Zoll entstempelt das Motorrad aus dem Pass, und schon bin ich wieder raus aus Belize. Dauer: fünf Minuten. Ganz so einfach geht es leider nicht weiter, aber ich rechne immer mit dem schlimmsten und freue mich dann, wenn es besser kommt. Die Grenze zu Guatemala ist recht unscheinbar, lediglich ein paar orange Pylonen und ein Beamter halten mich davon ab, einfach durchzufahren. Er erklärt mir, dass ich kurz zurück müsse, um das Motorrad desinfizieren zu lassen. Das mache ich, fahre aber fälschlicherweise durch das große Tor, das eigentlich für Autos gedacht ist, und werde von oben bis unten kräftig eingesprüht. Vielleicht ganz gut, denke ich mir, denn seit ein paar Tagen bevölkern Hunderte winzige Ameisen das Motorrad, und weder Regen noch Fahrtwind haben sie bislang vertrieben.

Die Yamaha ist besprüht, auf zum nächsten Schalter. Wie immer geht meine Einreise recht schnell, aber fürs Motorrad brauchen die Beamten etwas länger. Der Bürohengst sieht, dass die Yamaha nicht auf meinen Namen läuft. Wieder zücke ich das bunte und sehr offiziell aussehende Schreiben von Yamaha (in drei Sprachen), und nachdem er es anscheinend mehrmals gelesen hat, geht er weiter seiner Arbeit nach. Ich zahle rund 20 US-Dollar am Bankschalter nebenan ein, bekomme noch irgendeinen Wisch und nach rund einer halben Stunde haben wir es endlich geschafft. Der ganze Aufwand für nur einen oder zwei Tage in Guatemala – ich bin doch nur auf der Durchreise.


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Sieht mir noch nach Belize aus.
Mein Tagesziel Rio Dulce erreiche ich am Nachmittag; am Straßenrand frage ich zwei Touristen, wo ein bestimmtes Hotel ist und zufällig sind sie auch dort, erklären mir den Weg dorthin. Ich weiß, dass Guatemala unglaublich günstig sein soll, und so wundert es mich nicht, dass das etwas durchgelegene Bett umgerechnet nur rund vier US-Dollar pro Nacht kostet. Direkt über dem Wasser, mit eigenem Restaurant, W-Lan und sicherem Parkplatz – billiger geht’s nicht.

Mittwoch, 3. Oktober

So früh wie heute bin ich schon lange nicht mehr aufgestanden. Schon zehn nach Sechs bin ich unterwegs, halte in der Stadt noch kurz am Geldautomaten und freue mich unendlich über das Geräusch des Automaten, als er das Geld abzählt. Denn vor der Grenze zu Honduras liegt keine andere Stadt mehr und ich habe nur noch wenige US-Dollar bei mir und überhaupt keine Quetzales, die Währung hier in Guatemala.

Auf der Straße habe ich plötzlich einen LKW mit Sattelauflieger vor mir. In Kurven kann ich sehen, dass die rechten Zwillingsreifen der letzten von drei Achsen nur noch in Fetzen auf der Felge hängen. Der Auflieger ist leer und die Achse ist pneumatisch angehoben, die Räder haben also keinen Bodenkontakt. Gut, vielleicht fährt er nur bis zur nächsten Werkstatt. Das aber mit einem Affenzahn. Mit mehr als 90 Sachen brettert er über die schmalen Straßen, durch Dörfer, überholt alles und jeden. Ich bleibe dahinter und sehe, dass der linke Stoßdämpfer nur noch in seiner oberen Halterung hängt, unten baumelt er einfach umher. Durch seinen Fahrstil fällt irgendwann ein ziegelsteingroßer Holzklotz vom Auflieger direkt  vor mir auf die Straße, und ab diesem Zeitpunkt vergrößere ich meinen Sicherheitsabstand deutlich. Unzählige riskante Überholmanöver folgen, einmal setzt er vor einem langen Anstieg an, um zwei Tanklaster zu überholen. Eigentlich schon auf dem Hügel, ohne dass er irgendetwas vor sich sehen konnte, schert er vor den Tankern wieder ein. Das nächste Fahrzeug, das uns etwa zehn Sekunden später entgegen kommt, ist ein Bus…

Am Grenzübergang eine Überraschung: so schnell wie hier ging es bislang in noch keinem Land. Vielleicht liegt es daran, dass es so früh ist. Jedenfalls, der Beamte stempelt ruck zuck meinen Pass, der nächste will die Zettel fürs Motorrad und den Sticker von der Windschutzscheibe haben, den ich bei der Einreise bekommen habe. Dann wünscht mir einer der beiden noch auf Deutsch eine „Guten Reise“ – nicht schlecht für diesen abgelegenen Grenzübergang. Schnell und freundlich, wenn es so weiter geht, verlieren die Grenzübertritte in Mittelamerika ihren Schrecken. Zumal man immer wieder von anderen Reisenden liest, dass sie sich stundenlang an der Grenze herumschlagen mussten. Aber das kann mir auch noch passieren

Auch die Einreise nach Honduras gestaltet sich recht angenehm. Vor dem Schalter stehen ein paar Backpacker, ein Mann reicht mir ein Formular, das ich ausfüllen muss, bevor ich an den Schalter komme. Alles geht schnell und unkompliziert, ich zahle 30 irgendwas, die ich nicht habe, die mir aber ein älterer Amerikaner hinter mir in der Schlange borgt.  Wir unterhalten uns und haben beide die Währungen, die der jeweils andere braucht. So werde ich meine letzten Quetzales los und bekomme dafür von ihm honduranische Lempira (aha, so heißt die Währung hier) plus fünf US-Dollar, weil es sonst nicht reichen würde. Wir haben beide ein gutes Geschäft gemacht, mit dem besten Kurs und ohne Gebühren.

Ich bin nun also in Honduras, die Yamaha aber noch nicht. Am Zoll-Schalter sitzt eine junge Frau, allein, und sie spricht kein Wort Englisch. Na das kann ja heiter werden, denke ich mir und lege ihr einfach alle Fahrzeug-Papiere und Dokumente hin und erkläre kurz, was wofür ist. Sie sieht sich alles genau an. Minutenlang. Irgendwann stützt sie ihren Kopf auf die Hand, blättert langsam durch die Scheine und sieht nicht glücklich aus. Sie weiß, was ich will, und irgendwann fängt sie langsam an, ein Formular auszufüllen. Ständig fragt sie mich Daten zum Motorrad, die ich ihr sage und die sie dann einträgt. Ja, das Motorrad hat zwei Zylinder. Und es ist Baujahr 2012. 1200 Kubikzentimeter Hubraum. Hier steht die Fahrgestellnummer. Usw. usw. Gemeinsam kriegen wir es hin. Sie braucht jeweils drei Kopien von: Reisepass und nationalem sowie internationalem Führer- und Fahrzeugschein. Angeblich gibt es hier keinen Kopierer – was ich ihr nicht glaube – und so fahre ich zweihundert Meter weiter zu einem Hotel, lasse dort die Kopien machen, fahre zurück und überreiche ihr den Stapel. Wieder muss ich zahlen, diesmal umgerechnet rund 35 US-Dollar und ich bin heilfroh, dass ich vorhin mit dem Ami Geld tauschen konnte. Geschafft!

Unmittelbar hinter der Grenze steht die Polizei und ich halte an. Der Polizist sieht mich an. Ich sehe ihn an. Wir zucken beide mit den Schultern und mit einer lässigen Handbewegung bedeutet er mir, weiter zu fahren. Bestens. Etwas später erneut eine Verkehrs-Kontrolle, der junge Polizist kommt an, schüttelt mir die Hand und lächelt. Er will einfach mal das Motorrad sehen. Er fragt, wohin ich will und ich zeige es ihm auf dem Navi – auch das freut ihn. Er schickt mich schnell weiter. Hoffentlich sind hier alle Polizisten so easy drauf. Leider weiß ich nur selten, wie schnell ich fahren darf, denn es gibt nur sehr weniger Schilder. Die meisten zeigen 40 oder 60 km/h, manchmal auch auf Landstraßen. Gilt das nun für die Brücke, über die ich gerade gefahren bin oder für die gesamte Strecke? Keine Ahnung, und unter Umständen kann das mit der Polizei dann irgendwann doch noch Probleme geben.

Ich erreiche La Ceiba an der Nordküste und frage mich zum örtlichen Yamaha-Händler durch. Während ich in den nächsten Tagen auf der Insel Utila tauchen werde, sollen die den defekten Gabel-Simmerring wechseln. Beim Händler kommt ein junger Mitarbeiter mit raus und außer einem „Holy Shit!“, als er die XT1200Z sieht, kann er mir nicht helfen. Aber zum Glück seine Kollegen, denn ich bin hier in dem Laden, der hauptsächlich Bootsmotoren und Jet-Skis repariert. Er beschreibt mir den Weg zur Yamaha-Motorrad-Werkstatt, und dort wird mir geholfen. Zumindest hoffe ich das, denn ich bin nach wie vor skeptisch, ob die Mechaniker hier eine moderne Upside-down-Gabel fachgerecht reparieren können. Zunächst denken die Mechaniker, ich will nur Öl kaufen und das auffüllen, was bereits rausgelaufen ist. Na toll, so wird hier also repariert… „Nein“, sage ich, „ihr sollt den Simmerring wechseln, ich habe ihn sogar dabei. Was kostet das denn?“ Der Werkstattchef überlegt, rechnet kurz und zeigt mir den Taschenrechner: 22 US-Dollar. Ich sehe ihn überrascht und ungläubig an. „Ich weiß, dass es in Honduras billig ist, aber für das Geld könnt ihr das unmöglich korrekt reparieren, denn das dauert deutlich länger als eine Zigarettenpause.“ Er schaut nochmal in seine Unterlagen, sieht sich die Arbeitszeiten an und sieht wohl ein, dass er mit dem ersten Preis etwas zu niedrig lag. Die 80 US-Dollar inklusive Öl, die er mir nun nennt, erscheinen realistischer – zumindest für Honduras. „Und ihr könnt das wirklich reparieren?“, frage ich ihn mehrfach. Der Chef nickt. Ein ungutes Gefühl bleibt, aber was soll ich machen? Der Simmerring muss schließlich erneuert werden. Den Zündschlüssel nehme ich vorsichtshalber mit, obwohl der Chef mich bittet, ihn dort zu lassen. „Nix da, Motorrad und Schlüssel lasse ich nicht zusammen aus den Augen, sorry. Ich habe nur den einen Schlüssel mit, der andere ist in Deutschland.“ Ich ziehe mich um, packe meinen Rucksack für die Insel, nehme ein Taxi zum Hafen und die nächste Fähre nach Utila. Mit der Reparatur schlage ich übrigens gleich zwei Fliegen mit einer Klappe, denn ich muss mich nicht um einen sicheren Parkplatz für das Bike kümmern, während ich auf der Insel bin.

Die „Utila Princess II“, je nach Wellengang auch als Vomit Comet (frei übersetzt: Kotzbomber) bekannt, bringt uns in einer Stunde rüber, die Fahrt kostet 22 US-Dollar one-way. Wenn Ryan-Air mal ins Fähr-Geschäft einsteigen sollte, dürften die Boote so aussehen, wie dieses. Harte Plastikbänke, die Fenster so hoch, dass man nicht rausgucken kann, die Ausgänge nicht gekennzeichnet. Wegen der hohen Fenster kann man den Horizont nicht als Fixpunkt anvisieren, als nehme ich die Wolken, und für eine Stunde funktioniert das. Das scheint nicht jeder zu wissen, denn kurz vor Ende der Fahrt wabert doch noch der saure Geruch frischer Kotze durchs Boot. Gleich hinter dem Pier liegt die Tauchbasis Captain Morgans. Ich habe reserviert und werde schon von Mags erwartet, meiner Instruktorin für die nächsten Tage. Nach dem üblichen Papierkram gehe ich drei Minuten die Hauptstraße entlang zum Hotel, das zur Basis gehört.

Donnerstag, 4. Oktober

Kevin, der amerikanische Besitzer der Basis und des Hotels, lebt schon seit 18 Jahren hier auf der kleinen Insel und hat sich seinen Traum erfüllt. Er zeigt mir das Hotel und vermutlich ist es das einzige auf der Insel, das einigermaßen nach amerikanischen oder europäischen Standards gebaut ist. Während der Großteil der Häuser auf Utila aus Holz besteht und alle nicht sehr robust aussehen (einem Hurrikan werden sie nicht standhalten), hat Kevin in den letzten anderthalb Jahren sein Haus aus Steinen gebaut.


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Aussicht von der Terrasse.


Er erzählt, dass ihn das ohne Ende Nerven gekostet hat, weil die Einheimischen einfach überhaupt keine Ahnung haben, langsam und zudem nicht gerade ehrgeizig sind. Einige Sachen mussten sie dreimal machen, manchmal hat Kevin es dann einfach selbst erledigt. Jedenfalls, ich lobe sein wirklich schickes Haus, die sauberen, modernen Zimmer, und der Chef freut sich und ist sichtlich stolz.

Die nächsten Tage beginnen immer sehr früh. 6.45 Uhr an der Tauchbasis, 7.30 Uhr legt das Boot ab und bringt uns jeden Tag an andere schöne Spots. Mit uns meine ich meistens nur Mags, die Instruktorin, und mich. Hier herrscht gerade absolute Low-Saison und was den Chef ärgert, freut mich, denn ich muss nicht mit einer Horde anderer Taucher ins Wasser, außerdem ist die Unterkunft gratis. Perfekte Bedingungen. Utila ist nicht etwa durch seine Großfische, farbenprächtigen Riffe oder spektakulären Wracks bekannt geworden, sondern weil es vor allem eines ist: billig. Zehn Tauchgänge gibt’s hier schon für 250 US-Dollar – auf Cozumel in Mexiko hätte es mehr als das Doppelte gekostet (wäre aber auch schöner gewesen). Die komplette Leih-Tauchausrüstung ist bereits im Preis enthalten.


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Und schon bin ich wieder weg.


Von daher ist Utila besonders bei Leuten beliebt, die hier ihren Tauchschein machen oder so wie ich einfach ein paar Tage billig tauchen wollen. Ungefähr zehn Tauchbasen buhlen um die Gäste, jeden Tag kommen Rucksack-Touristen bei uns im Hotel vorbei und fragen, was es kostet und ob sie sich die Zimmer ansehen können.

Wie überall in Mittelamerika ist auch auf Utila der Drogenhandel spürbar. Vielleicht ist das nicht für jeden Touristen ersichtlich, aber abends beim Bier erzählt Kevin einige interessante Stories. Utila gehört zu den Bay Islands an der Nordküste Honduras und liegt damit ziemlich verkehrsgünstig, was den Drogentransport aus dem Süden Richtung Mexiko angeht. Während man auf der Straße ständig vom Militär kontrolliert wird, sieht es auf dem Wasserweg ganz anders aus. Vermutlich kann man mit kleinen schnellen Booten mit Zusatztanks in einem Rutsch nach Mexiko fahren. Kevin erzählt, dass hin und wieder Drogenpakete angespült werden, und so manch ein Fischer hatte plötzlich ein schickes neues Haus – weil er einen großen Fang gemacht hat, nämlich eines der Pakete in seinem Netz fand. Wie aus einem Film klingt auch die nächste Story, die unser Kapitän auf dem Tauchboot erzählt. Eines Abends sollte hier auf der Insel eine Drogenübergabe stattfinden. Das Paket wurde wie verabredet an einer bestimmten Stelle deponiert, aber statt des eigentlichen Empfängers kam zufällig jemand anderes vorbei und nahm die Tasche/das Paket mit. Jemand hat das gesehen, die Jungs wollten ihr Koks zurück und sind mit gezückten Waffen in ein Haus gestürmt – allerdings ins Falsche. Irgendwie haben sie ihr Zeug dann doch noch wiederbekommen.

Und erst vor zwei Tagen wurde auf einer Utila vorgelagerten kleineren Insel eine Fischfabrik überfallen. Die Täter kamen mit dem Boot, hatten große tragbare Kühlboxen dabei, und als die alte Dame von der Fabrik den Fang sehen wollte, zogen die Räuber statt dicker Fische große Flinten aus den Kühlboxen und ließen die Kasse mitgehen. Soll hier nicht ungewöhnlich sein, und auch ein anderer Kapitän (die wechseln sich untereinander ab) erzählt, dass im westlichen Teil der Insel fast jeder mit einer Waffe rumläuft. Das soll mich und die anderen Taucher nicht kümmern, denn in der Stadt wird man zwar abends ständig aus dunklen Ecken angezischt, ob man nicht Gras kaufen möchte, ansonsten ist das „Zentrum“, so nenne ich mal die Zone im Süden der Insel, aber eher ruhig und friedlich. Aber nicht besonders schön. Direkt am Wasser stehen Häuser, die Grundstücke sind etwa 70 Meter lang. Dahinter verläuft die gegossene Betonstraße, etwa drei Meter breit und tagsüber viel befahren von Motorrollern, Quads, Golfwagen, Fahrrädern und rollenden Imbissbuden. Dahinter kommen wieder ein paar Häuser, die zehn Tauchschulen und ungefähr 20 Restaurants. Dazwischen Mini-Märkte, Obst- und Gemüsestände, ein Friseur und eine Handvoll Kirchen. (Einige Honduraner, wenn nicht fast alle, sind so gläubig wie die Mexikaner – und dann versucht mal, an einem Sonntag ein Bier zu bekommen…)

Vormittags tauchen, den Rest des Tages ausruhen, schnorcheln und lesen. Herrlich. Ich schaffe endlich meinen 750-Seiten-Wälzer von Charles Bukowski, und wie es der Zufall will, zieht am Nachmittag Jon mit in das Zimmer, ein Amerikaner, der ebenfalls großer Bukowski-Fan ist. Jon ist 28 Jahre alt und hat 2005 und 2006 im Irak gedient. Sie wurden täglich bombardiert, und ich weiß nicht, was er noch alles erlebt hat, aber all das hat ihn schwer mitgenommen.


Tauchpartner John aus Kalifornien. Ich verstehe mich auf Anhieb gut mit ihm und er erzählt, dass er Depressionen hatte, lange in Behandlung war und nur schwer wieder unter Leute gehen kann. Der amerikanische Staat bzw. das Militär zahlt ihm nun monatlich 1270 US-Dollar, vermutlich noch einige Jahre lang, so genau weiß er das nicht. Nicht viel, dafür dass man jahrelang ein nervliches Wrack war. Aber es ist genug, um bequem mit dem Rucksack zu reisen, und genau das macht Jon seit einiger Zeit mit Begeisterung. Ein Monat in Mexiko und ein Monat in Guatemala liegen hinter ihm, jetzt macht er hier seinen Tauchschein und zieht dann weiter Richtung Süden. Auch eine Art von Kur. Nächstes Jahr geht’s für ihn dann mit dem Rucksack nach Asien.

Samstag, 6. Oktober

Kleine Jungs mit langen Fingern

Nach vier Monaten und fast 30.000 Kilometern, unzähligen Hostels, Campingplätzen und mitunter dubiosen Kontakten wurde mir heute zum ersten Mal auf der Reise etwas gestohlen. Und zwar mein Telefon. Nicht etwa von finster dreinblickenden Kriminellen mit Pumpguns unter der Jacke, sondern vermutlich vom kleinen Nachbarsjungen, vielleicht 5 Jahre alt.

Kevins Hotel hat zwei Etagen, in der oberen gibt es eine Terrasse mit Stühlen, Tischen und Hängematten – und nur einen Zugang. Offiziell. Dort habe ich tagsüber gelesen, dort stand mein Rechner, und am Rechner hing mein Telefon zum laden. Irgendwann gehe ich runter zu Kevin, habe mich zu ihm an die Bar gesetzt und zwei, drei, vier Bier mit ihm getrunken. Die Treppe nach oben liegt nur ein paar Meter von der Bar entfernt, wir haben sie die ganze Zeit im Auge. Alle Zimmer sind oben leer, bis auf eines, in dem gerade ein Paar wohnt. Irgendwann gehe ich kurz hoch und merke, dass das Telefon weg ist. Ich habe nur einen Rucksack mit, von daher ist die Suche schnell und erfolglos erledigt. Ich möchte nicht alle Einzelheiten schildern, weil das den Rahmen sprengen würde (obwohl, welchen Rahmen eigentlich?),  jedenfalls ist die Sache für Kevin mindestens genauso schlimm wie für mich, denn nun heißt es, dass bei ihm geklaut wird. Es dauert nicht lange, und der blonde kleine Teufel von nebenan steht unter Verdacht. Der Nachbarsjunge klettert nämlich gerne von seinem Elternhaus über den Spalt zwischen den Häusern und das Geländer auf die Terrasse vom Hotel. Das letzte Mal erst diesen Nachmittag als ich in der Hängematte lag. Kevins Frau ist von hier und sie sagt, der kleine sei eine Katastrophe und mache nur Ärger; sie war es auch, die ihn „Teufel“ genannt hat. Ein paar Leute kommen hinzu, Kevins Frau telefoniert umher, natürlich erfolglos. Warum wir das andere, einheimische Paar vom Festland nicht in Verdacht haben? Weil sie Geld haben. Sie haben für zwei Tage ein Quad gemietet, für jeweils 45 US-Dollar – und das ist hier schon recht viel Geld. Die Frau sah zudem gut gekleidet aus, kurzum: wir sind uns sicher, dass sie es nicht waren.

Am nächsten Tag geht die Suche weiter, die Mutter kommt mit dem vermeintlichen Dieb rüber, wir fragen ihn aus aber natürlich hat er nichts gesehen und gehört, viel sagen will er auch nicht. Ich sage euch, der war es, oder einer seiner langfingrigen Spielkameraden. Klar, nun könnte man sagen, selbst Schuld, was lässt er auch sein Zeug da offen liegen. Zum einen ist das richtig, aber es ist ein geschlossenes Hotel mit nur einem Aufgang nach oben, den wir die ganze Zeit im Auge hatten. Mein Trost: Wer auch immer es mittlerweile hat, er wird mit dem Gerät keine Freude haben. Ihr erinnert euch vielleicht noch daran, dass ich vor etwa drei Wochen in Guadalajara in Mexiko in einen Starkregen gekommen bin. Irgendwie ist dabei auch das Telefon feucht geworden und hatte seitdem ziemlich große Macken. So hat es am Anfang zum Beispiel von sich aus Nummern gewählt, beim Drücken der Power-Taste ging die Kamera an, wenn ich beim Mitteilungen tippen einen Buchstaben gelöscht habe, verschwand oft der ganze Text, es ließ sich kaum noch laden und schaltete sich ständig komplett aus, nur um dann wieder neu zu starten. Nach ein paar Tagen ging der Rest wieder einigermaßen, aber es ging nach wie vor ständig aus und wieder an – äußerst nervig. Die Probleme hatte es auch gestern noch, und so freue ich mich immerhin darüber, dass der Dieb damit verzweifeln wird. Verkaufen kann er es in dem Zustand nämlich mit Sicherheit nicht. Mich ärgert weniger der Verlust des Gerätes. Vielmehr geht es mir um die Kontakte, Notizen und die Musik, die darauf waren. Mein letztes Backup liegt schon einige Monate zurück, ich werde sehen, welche Kontakte weg sind. Die Musik habe ich noch auf dem Rechner, auch das ist also nicht allzu schlimm, obwohl ich nun erst einmal während der Fahrt keine Musik mehr hören kann. Meine Freundin hat für mich die Sim-Karte sperren lassen, zum Glück ging das relativ schnell und unkompliziert. Aus Fehlern lernt man und von nun an werde ich wohl kein Zeug mehr irgendwo liegenlassen.

Sonntag, 7. Oktober

Stundenlang lesen oder aufs Meer schauen? Am besten beides.
Sonntags schreibe ich ja nie viel, und dabei soll es bleiben. Nach zwei wenig spektakulären Tauchgängen schaukele ich den Rest des Tages in der Hängematte, lese und trinke Abends mit Jon und Kevin an der Bar ein paar Biere.

Montag, 8. Oktober

Die Sonne nähert sich dem Horizont, in einer Stunde wird es dunkel sein. Jon und ich schnappen unsere Rucksäcke und gehen zur Tauchbasis – ein Nachttauchgang steht an. Instruktorin Mags erwartet uns bereits, wir trinken noch einen Kaffee und verladen dann unsere Ausrüstung aufs Boot. Zuvor war Chef Kevin leicht stinkig, denn von allen Tauchlampen im Schrank funktionierte noch eine, die zudem nach dem letzten Tauchgang nicht mit Süßwasser abgespült wurde. Mit neuen Batterien kriegen wir noch ein paar Lampen zum leuchten und auf geht’s. Wir lassen uns ins Wasser fallen und die paar Momente bis zum abtauchen sind unglaublich schön. Während wir auf Mags warten, treiben Jon und ich neben dem Boot im 29 Grad warmen Wasser, in der Ferne leuchten schwach die Lichter von Utila. Über uns: ein Sternenhimmel vom Feinsten. Ein Satellit zieht seine Bahn über unseren Köpfen. Ich könnte mich hier locker eine Stunde auf dem Rücken treiben lassen und in den Nachthimmel gucken. Aber wir wollen ja nach unten. Die Lichtstrahlen bahnen sich den Weg durchs leicht trübe Wasser, in nur 13 Meter Tiefe erreichen wir sandigen Boden. Ein paar kleine Fische huschen durchs Licht, ansonsten ist gerade nicht viel los an dieser Stelle. Am Riff sieht die Sache schon anders aus. Hunderte rote Augen erscheinen, wenn das Licht übers Riff streift, die dazugehörigen Tiere sind zum Glück winzig – kleine Krebse, die nur nachts rauskommen. Wir sehen allerlei kleines Getier, das wir tagsüber nie bemerkt haben. Allein deshalb sind Nachttauchgänge etwas Besonderes. Hin und wieder leuchten wir auf den Sand neben dem Riff und siehe da: ein Stachelrochen kommt angeschwebt und lässt sich nieder. Wieder keine großen Fische, Schildkröten oder Muränen. Wer sowas erwartet, sollte lieber nach Cozumel fahren. Auf Utila kommen eher Makro-Fans auf ihre Kosten. Während der sechs Tauchtage habe ich weder eine Schildkröte gesehen, noch einen Hai oder eine fette Muräne – all das hatte ich auf Cozumel bei fast jedem Tauchgang. Die wenigen Barakudas hier waren vielleicht armlang und die Muränen dick (bzw. dünn) wie mein Daumen.

Eine Geschichte noch zum Abschluss. Heute standen meine letzten beiden Tauchgänge an, mit dabei war wieder Jon und diesmal Instructor Seth. Seth, Mitte 20, ist ein supernetter Kerl und studierter Meeresbiologe, der auf so ziemlich jede Frage was die Unterwasserwelt angeht eine passende und kompetente Antwort parat hat. Sein unglaubliches Wissen hält ihn aber nicht davon ab, einen schmerzhaften Fehler zu machen. Etwa zehn Minuten nach Beginn des Tauchgangs sehen wir einen Feuerfisch. Jeder Taucher lernt von Anfang an: Finger weg vom Feuerfisch! Am Rücken und an den Flanken ist der Fisch mit giftigen Stacheln besetzt und ihr könnt euch denken, was nun kommt. Der Feuerfisch schwebt halb unter einem kleinen Vorsprung am Riff, und Seth würde ihn gerne ein Stück herauslocken. Dazu nimmt er einen kleinen Karabiner und nähert sich dem Tier – zu nah. Dann geht alles ganz schnell, der Fisch zuckt, Seth auch – und er hält sich den Daumen. Zunächst ist nichts zu sehen und wir tauchen weiter. Ich beobachte Seth immer wieder und sehe, wie er sich den ganzen Tauchgang über die Hand und den Daumen hält. Anscheinend doch nicht so glimpflich ausgegangen.


“Stimmt was mit der Maschine nicht?” Alles in Ordnung, ich wärme nur meine Hand, damit sich das Gift nicht schneller ausbreitet!”
In der Auftauchzone bedeutet Seth mir, dass ich mit Jon noch ein paar Minuten unten bleiben kann, er wolle aber raus. Wenig später zurück auf dem Boot ist der Deckel vom Maschinenraum abgehoben und Seth kniet davor, er hat seine Hand drin. Ich denke, er prüft irgendwas und merke erst kurze Zeit später, dass er den Daumen und seine Hand an die noch warmen Motorteile hält. Laut Seth besteht das Gift des Feuerfischs zum Großteil aus Eiweiß, und unter großer Wärmeeinwirkung gerinnt es wohl und breitet es sich nicht so schnell aus. Der Daumen schwillt an, Seth will zuerst trotzdem noch den zweiten Tauchgang mit uns machen, aber Jon und ich bestehen darauf, dass wir zurückfahren. Unser Instructor weiß das zu schätzen, denn er hat wirklich Schmerzen und will seine Hand so schnell wie möglich in möglichst heißes Wasser tauchen. Der Kapitän gibt Gas, zurück am Pier sprintet Seth schnell zur Basis – die Schwellung hat sich schon auf die Hand ausgebreitet. Insgesamt ist ein Stich wohl nicht sehr gefährlich, aber unheimlich schmerzhaft. Vermutlich wird Seth keinem Feuerfisch mehr zu nahe kommen. Eine Divemasterin springt als Ersatz ein und wir fahren noch einmal für den zweiten Tauchgang raus.


Veröffentlicht von panamericana am 2. Oktober 2012

Mit dem Motorrad in die Karibik

Ich habe gerade gemerkt, dass dieser Blog-Eintrag ziemlich tauchlastig ist. Liegt vielleicht daran, dass ich das die letzten Tage mit Begeisterung gemacht habe.

Sonntag, 24. September

Fahrt von Palenque nach Campeche an den Golf von Mexiko. Außer, dass sich zwei freundliche Polizisten bei einer Kontrolle über das Passbild in meinem internationalen Führerschein lustig gemacht haben, ist nicht viel passiert. Und weil heute Sonntag ist und ich gerade keine Lust habe, etwas zu schreiben, soll es das für heute auch schon gewesen sein.

Montag, 25. September

111 Tage unterwegs! Und kein bisschen Heimweh. Mir fehlen Freundin, Freunde und Familie, eine gute Thüringer Bratwurst, gute Filme, Rollmöpse und weiße Schokolade – sonst eigentlich nichts.

Von Campeche nach Valladolid sind es knapp 300 Kilometer. Der Bundesstaat Yucatan ist flach, teilweise zeigt das Navi nur zehn Meter Höhe über dem Meeresspiegel an. Erstaunlich gute und mehrspurige Straßen durchziehen die Halbinsel, ich passiere viele Baustellen, auf denen neue Fahrbahnen gegossen werden. Ich könnte mir vorstellen, dass es etwas mit den Hurrikanen zu tun hat, die hier in Yucatan oft auf Land treffen. Vielleicht gibt es danach vom Staat immer Geld, um die Schäden zu beseitigen, vielleicht sind es aber auch Evakuierungsstrecken, keine Ahnung. Nach einiger Zeit auf der Landstraße wechsele ich auf die Mautstraße Richtung Valladolid/Cancun. Im Tank schwappt nur noch wenig Sprit und ich will bei der nächsten Gelegenheit tanken. Allerdings kommt irgendwann ein Schild, das die nächste Tankstelle in 80 Kilometern ankündigt. Das gibt’s doch nicht, so weit schaffe ich es auf keinen Fall mehr. Und einfach bei nächster Gelegenheit von der Mautstraße abfahren ist ebenfalls nicht so einfach. Zwei Fahrspuren in jede Richtung, getrennt von einem zehn Meter breiten Dschungel. Rechts von mir, kilometerbreiter Dschungel. Man kommt einfach überhaupt nicht runter von der Bahn.

Ich werde langsamer, die Reserve blinkt schon wieder seit 50, 60, 70 Kilometern. Das hatte ich in Alaska schon einmal, damals wusste ich aber genau, wann die nächste Tanke kommt und konnte mich darauf einstellen. Irgendwann kommt ein Abzweig nach Chichen Itza, zu den wohl berühmtesten Maya-Ruinen. Ich will Sprit und keine Steine, fahre ab und frage einen Polizisten nach der nächsten Tankstelle. Die drei Kilometer bis dahin schaffe ich noch, viel mehr wäre nicht gegangen – ich tanke 22,8 Liter, mehr als damals in Kanada bzw. Alaska.

Hatte ich schon erwähnt, dass in Mexiko im September Regenzeit ist (je nachdem, wo man ist)? Das bedeutet nicht, dass es den ganzen Tag regnet, aber wenn, dann richtig. Kurz vor Valladolid sehe ich schon die schwarzen Wolken über der Stadt. Nur noch ein paar Kilometer. Etwa drei Kilometer vom Hotel entfernt fängt es wieder an zu schütten; nicht ganz so stark wie damals im Guadalajara, aber innerhalb weniger Minuten rauschen die Wassermassen durch die Straßen. Dank wasserdichter Klamotten bleibe ich trocken.

Das Hostel La Candelaria ist ordentlich, das Bettzeug frisch und sauber – was nicht überall selbstverständlich ist – und im tropischen Garten laden viele Sitzecken zum ausruhen ein. Abends sitze ich noch lange mit ein paar jungen mexikanischen Mitarbeitern und der Israelin Talia im Garten, wir unterhalten uns lange (sie sprechen gut Englisch), sie spendieren Bier aus Literflaschen und wir haben eine gute Zeit. An Nachbartisch sitzen zwei junge Mädels aus Deutschland, ich unterhalte mich lieber mit den Mexikanern und Talia. Irgendwann sprechen wir über US-Amerikaner und schnell zeigt sich: sie sind nicht besonders beliebt. Sie gelten als laut, ungehobelt, unfreundlich. Das kann ich zwar so nicht bestätigen, da ich während meiner Zeit in den USA fast ausschließlich nette Leute kennengelernt habe. Möglicherweise liegt es daran, dass ich meist mit Motorradfahrern zu tun hatte, die ja sowieso alle anders und vielleicht generell freundlicher ticken. Europäer und Asiaten seien beliebt, erzählen sie mir, ich solle bei Gesprächen möglichst immer gleich erwähnen, dass ich aus Deutschland komme. In der Tat meine ich gemerkt zu haben, dass sich die Mienen der Mexikaner immer entspannen und ein Lächeln über ihr Gesicht huscht, wenn ich sage, dass ich aus Deutschland komme. Für den Rest der Reise werde ich mir wohl doch noch den Germany-Sticker an die Scheibe kleben.

Dienstag, 25. September

Morgens regnet es, also lasse ich mir Zeit. Frühstück mit Kaffee und Cornflakes im gemütlichen Garten, es könnte schlimmer sein, in den meisten Hostels gibt’s morgens nämlich nichts zu essen.

Bis Cancun sind es etwa 150 Kilometer, die ich auf der perfekt ausgebauten Mautstraße schnell abspule – und dafür teuer bezahle. 241 Pesos, umgerechnet rund 15 Euro Maut sind fällig. In einem Reiseführer habe ich gelesen, dass Mexiko mit die höchsten Maut-Tarife der Welt hat. Man muss bedenken: Der Durchschnittsmexikaner verdient im Jahr etwa ein Viertel dessen, was ein US-Amerikaner verdient. Daher nutzen die meisten Einheimischen lieber die mautfreien Straßen, brauchen dann aber deutlich länger.

Obwohl ich zügig unterwegs bin, sehe ich vor mir eine ziemlich große Vogelspinne über die Straße laufen. Nach einer Vollbremsung drehe ich auf der zweispurigen Straße um und fahre ein Stück zurück. Wie gesagt, ich habe die Straße fast für mich alleine, da kann man sowas machen. Die Spinne hat es noch nicht auf die andere Straßenseite geschafft, ich halte vor ihr und schneide ihr den Weg in die Büsche ab. Leider hält sie nicht so ganz still und ich kann auf die Schnelle nur ein paar relativ schlechte Fotos machen.

In Cancun führt mich das Navi in die Touristen-Gegend. Riu Palace, Riu Cancun, Oasis Grand Caribbean, Presidente Intercontinental und Dutzende weitere schicke 5-Sterne-Paläste säumen die Hotel-Zone. Und wo wohne ich? Standesgemäß in einem nicht mehr genutzten Einkaufszentrum. Irgendjemand hatte die Idee, in den ehemaligen Geschäften ein Hostel zu eröffnen, und an sich finde ich das gar nicht so schlecht. Und auch ein bisschen lustig. Zwei nicht rollende Rolltreppen führen nach oben zu den Geschäften, pardon, Zimmern.  Was hier allerdings als Vierbett-Zimmer durchgeht, habe ich auch noch nicht gesehen. Es gibt zwar vier Betten, aber kein Zimmer im eigentlichen Sinn. Es ist eher ein großer Raum mit kleineren Abteilen, und in diesen Abteilen stehen die Betten. Alles ist offen, man würde jeden sehen und schnarchen hören. Aber nicht heute, und wahrscheinlich auch nicht den ganzen September über, denn in Cancun ist derzeit absolut tote Hose. Im großen Raum mit den vielen Betten bin ich allein, lediglich ein anderer junger Mann schläft in einem separaten Abteil. Ansonsten ist das Hostel vielleicht zu fünf Prozent ausgelastet, vier Venezolaner und ein Mexikaner sind noch hier. Ich unterhalte mich kurz mit der Frau an der Rezeption und sie meint, dass im September immer überhaupt nichts los ist. Nur so als Tipp für euch, falls ihr hier mal Party machen wollt. Mich stört das nicht, ich möchte mich sowieso nur an den Strand legen und morgen tauchen.

Und für die Rezeptionistin ist es ein Glücksfall, dass heute kaum Gäste da sind, denn am Nachmittag gibt es plötzlich kein Wasser mehr – weder in den Duschen noch in den Toiletten. Ganz toll. Hoffentlich morgen wieder, ansonsten werde ich mir eine andere Bleibe suchen müssen.

Ich spaziere etwas durch die Touri- und Partyzone und kann mir gut vorstellen, dass hier normalerweise die Post abgeht. Viele Händler lungern gelangweilt vor ihren Geschäften herum, und fast jeder meint, mich anquatschen zu müssen. Tatsächlich suche ich einen Mexiko-Flaggen-Aufkleber für den Seitenkoffer, aber wenn ich regelrecht belästigt werde, gehe ich halt weiter. Ich bin mir sicher, dass sie mehr verdienen würden, wenn sie einfach nur freundlich gucken, lächeln und grüßen würden.

Mittwoch, 26. September

Ein Nachmittag im Paradies

Gleich am Morgen rufe ich bei einer Tauchbasis an, weil ich heute gerne zwei Tauchgänge machen würde. Leider sei das Wetter in den vergangenen Tagen zu schlecht gewesen und die Sichtweiten seien nicht besonders gut. Bei einer anderen Basis geht gar nicht erst jemand ans Telefon – anscheinend ist auch bei den Tauchern absolute Low-Saison.

Doch der alte Mann vom Hostel gibt mir einen Tipp.

 

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Die Isla Mujeres liegt nur 20 Boots-Minuten entfernt, und dass es dort sehr schön sein soll, habe ich schon von einer Bekannten gehört, nicht wahr, Caro?  Es ist noch nicht mal 12, als ich auf der Insel und sofort auch in der Karibik ankomme. Keine 100 Meter vom Fähranleger entfernt beginnt der erste von vielen strahlenweißen Stränden, wie man sie sonst nur von Postkarten kennt.


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Türkises Wasser links, sich sanft im Wind wogende Palmen rechts – hier lässt es sich aushalten. Die Preise sind allerdings genauso touristisch wie die Insel, ein Eis kostet hier wieder drei Dollar. Völlig egal. Ich gehe ein Stück weit den Strand entlang, trinke an einer Bar ein Bier, lege mich in den Sand und lese. Stundenlang. Später laufe ich etwas über die Insel, beobachte ein paar Fischer, die Netze flicken.

Wer hier nicht wie die meisten vom Tourismus lebt, muss eben aufs Meer rausfahren und fischen. Landwirtschaft gibt’s hier keine, die Insel ist winzig. Alle 30 Minuten spuckt die Fähre einen großen Schwung Touris aus, die innerhalb von Minuten die Strände und die Einkaufsstraße belegen. Irgendwann bin ich durchgegart, laufe noch etwas über die Insel und fahre zurück nach Cozumel.

Übrigens: Cozumel ist ja für die amerikanische Jugend so etwas wie der Ballermann für uns (früher einmal war). Verhältnismäßig billiger Alkohol, den es zudem hier schon für 18-Jährige gibt hat Cancun zum Saufparadies gemacht. Allerdings erst, nachdem 2005 der Kategorie-5-Hurrican Wilma Cancun schwer verwüstet und die Traumstrände fast komplett weggespült hat. In Rekordzeit hat man die Hotels wieder aufgebaut, die Strände mit Sand aus dem Meer wieder hergestellt und mit Schnäppchenpreisen versucht, Touristen anzulocken. Das hat auch funktioniert, nur anscheinend nicht so, wie die Verantwortlichen sich das wünschten. Ironie des Schicksals: Ein paar Jahre später machte ein weiterer Hurrican erneut alles platt, und die Hoteliers nutzten die Gelegenheit, um bessere und nun teurere Hotels zu bauen und so die Sauftouristen wieder fernzuhalten.

Donnerstag, 27. September

Von Cancun nach Playa del Carmen sind es nur 70 Kilometer, ich habe mit 150 gerechnet, warum auch immer. Schon gegen 10 Uhr stehe ich vorm „Playa-Hostel“, und checke für eine Nacht ein, die ich aber erst in zwei Tagen hier verbringen will. Ich mache das, um Gepäck und Motorrad sicher lagern zu können, während ich auf Cozumel bin und dort tauche. Das Bike steht nun zwei Tage direkt vor dem Hostel, meine Klamotten schließe ich in einen Spind ein.

Schon immer wollte ich einmal nur mit Kreditkarte und Zahnbürste reisen; daraus wird zwar wieder nichts, der Rucksack ist dennoch erstaunlich dünn und leicht für zwei Tage auf einer Insel. Was brauche ich denn schon? Buch, Handtuch, Kamera, Kleinkram, Waschtasche, Unterhose = Badehose, und ein T-Shirt. Reicht doch! Zu Fuß laufe ich zur Fähre und muss nur 20 Minuten bis zur nächsten Abfahrt warten. Auf Cozumel nehme ich ein Taxi, weil ich nicht genau weiß, wie weit es zum Hostel ist. Nicht weit. Außer mir ist nur noch Talia im Hostel, die Israelin, die ich schon vor einigen Tagen in Valladolid kennengelernt habe. Der Tag ist noch jung und vielleicht kann ich sogar heute Nachmittag schon tauchen.


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In der Basis empfängt mich ein freundlicher Chef, doch leider steht auf seiner Liste für den Nachmittag nur ein Name, mit mir wären es zwei, rausfahren lohnt sich aber erst bei mindestens drei Tauchern. Essen, eine Stunde umherlaufen, mich alle zehn Meter von Händlern anquatschen lassen, dann geht’s zurück zur Basis – es bleibt bei zwei Namen auf der Liste. Ich belege für den Rest des Tages die Hängematte, lasse mich und meine Seele baumeln.

Cozumel ist klein, obwohl es die größte Insel Mexikos ist. Allerdings wächst die Bevölkerung jeden Tag innerhalb von Minuten um einige hundert oder gar tausend Menschen, nämlich dann, wenn wieder eines der gewaltigen Kreuzfahrtschiffe hier anlegt. An manchen Tagen liegen drei Ozeanriesen vor der Stadt, für ein paar Stunden nur, damit die Gäste die Insel überschwemmen können. Obwohl, das stimmt nicht, sie überschwemmen nur die Hauptstraße direkt am Meer. Dementsprechend haben sich teure Läden dort angesiedelt. Juweliere verkaufen Rolex, Tag Heuer, Hublot und Breitling, drei Straßen weiter im Insel-Inneren könnte man für das Geld zigtausende Tacos kaufen. Heute liegen vor Anker: die Carnival Paradise, die Carnival Elation und noch ein anderes Schiff des Karneval-Vereins… Gestern war es die Disney Magic und heute Abend lief die Allure of the Seas ein, das derzeit größte Kreuzfahrtschiff der Welt, mit – laut Wikipedia – Platz für 6300 Passagiere und 2100 Besatzungsmitglieder. Wahnsinn.

Freitag, 28. September

Driften auf Cozumel

Eine Hand auf Atemregler und Maske, die andere am Bleigurt. Eine Rolle rückwärts befördert mich ins blaueste Blau, in dem ich jemals getaucht bin. Mein letzter Tauchgang liegt fast genau ein Jahr zurück, und doch bin ich sofort wieder in meinem Element.


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Fertig machen zum Tauchen!
Cozumel gilt als eines der besten Tauch-Reviere der Welt, mit enormen Sichtweiten, intakten Riffen, Großfischen und jeder Menge bunter Korallen. Wir gleiten in die Tiefe, auf die Korallen zu, auf die vielen verschiedenen Arten von Fischen. Es sind vielleicht nicht alle Farben zu sehen, die man sich vorstellen kann, aber die Riffe und ihre Bewohner sind unglaublich bunt. Einfarbig, gestreift, gepunktet oder sonst wie verziert – jede Sekunde entdeckt das Auge etwas Neues, Schönes.

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Beim zweiten Tauchgang driften wir ziemlich schnell über ein flaches Riff in rund 18 Meter Tiefe, ich schätze, es dürfte etwa in Schrittgeschwindigkeit gewesen sein. Nach einer Stunde sind alle wieder oben. Versuche, kurz anzuhalten, um etwas am Riff näher zu betrachten zehren unheimlich an den Kräften – man braucht gar nicht versuchen, gegen die starke Strömung anzuschwimmen, das kostet nur unnötig Luft. Völlig entspannt, mit leichten Flossenschlägen lassen wir uns treiben und schweben an einer ziemlich großen Schildkröte vorbei. Angler und Taucher neigen gerne zur Übertreibung, aber ich schätze die Schildkröte gut und gerne auf 1,50 Meter, wenn nicht länger.

Samstag, 29. September

Another Day in Paradise

Mit meinen etwas mehr als zwei Dioptrien kann ich unter Wasser relativ gut sehen, alles was ein paar Meter entfernt ist, erkenne ich problemlos. Aber vielleicht sollte ich mir für künftige Tauchgänge doch Kontaktlinsen zulegen. Als Isaac, unser Tauch-Guide, plötzlich ganz aufgeregt auf etwas zeigt, Handbewegungen macht und sehr schnell in die Richtung schwimmt, sehe ich zunächst gar nichts in der Ferne. Obwohl der Manta-Rochen, der langsam über den Sandboden gleitet, gut und gerne drei Meter Spannweite hat. Ich erkenne ihn erst, als ich näher komme. Beeindruckend. Obwohl wir ausreichend Abstand halten, verschwindet er schnell wieder im tiefen Blau. Auch den etwa zwei Meter langen Hai erkenne ich erst spät, naja, fürs Tauchen demnächst in Honduras werde ich mir was überlegen müssen, vielleicht Tageslinsen aus der Apotheke.

Wir gleiten über einen Vorsprung, machen kehrt, tauchen zum Eingang der kleinen Höhle und Guide Isaac leuchtet mit seiner Lampe direkt auf den Kopf einer langen und dicken Muräne. Sie starrt uns an und scheint das schon zu kennen, Isaac sagt später, sie liegt dort immer, wohnt da quasi. Hart- und Weichkorallen, kleine bunte Schnecken, große Papagei-Fische – hier wird es garantiert nie langweilig.

Die großen Barrakudas, die blitzschnell um uns herum flitzen und immer wieder ihre blitzenden Flanken zeigen, sind ein schöner Abschluss des Tauchgangs. Hai, Muräne, mehrere Schildkröten, Manta-Rochen – alles in nur einem Tauchgang! Da stinkt der Feuerfisch, den wir gegen Ende des Tauchgangs sehen, ganz schön ab.


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Das Boot sammelt uns wieder ein.
Ich glaube dem Guide sofort, dass das hier nichts Ungewöhnliches ist. Die 180 Dollar für vier Tauchgänge inklusive Leihausrüstung sind jedenfalls gut angelegt; zwar kein Schnäppchen, für dieses Revier jedoch absolut fair.

Ich nehme die nächste Fähre zurück nach Playa del Carmen und sitze den Rest des Tages im Hostel und schreibe den Blog.

Sonntag, 30. September

Ich brauche nicht lange bis Tulum und sehe dort zufällig die Israelin Talia (aus Valladolid, ihr erinnert euch?) am Straßenrand entlang gehen. Wir hatten uns hier mehr oder weniger verabredet, ich wusste aber nicht, in welchem Hostel sie war. Ein ziemlich schäbiges, aber irgendwie noch erträgliches Hostel ist gleich nebenan, und weil der Preis stimmt, checken wir beide ein. Gleich gegenüber ist eine Tauchbasis, und da wir beide in den Cenoten – sowas wie Höhlen, dazu später mehr – tauchen wollen, gehen wir rüber und unterhalten uns recht lange mit dem sympathischen Tauch-Guide Paolo. In zwei Stunden geht eine Tour mit bislang nur zwei Personen zur berühmtesten Cenote der Gegend – zu den „Dos Ojos“. 89 Dollar für zwei Tauchgänge all inclusive klingt gut und ich sage zu. Talia entscheidet sich für eine andere Gegend, die Paolo aber erst morgen anfährt und die zudem mit 160 Dollar deutlich teurer ist.

Lisa, eine junge Deutsche, und der Mexikaner Eduardo (ich glaube, er hieß Eduardo) sind die anderen beiden Taucher. Guide Paolo fährt uns zu den „Dos ojos“ und brieft uns am Eingang der Höhle für die beiden Tauchgänge. Cenoten sind offiziell keine Höhlen, und selbst weniger erfahrene Taucher dürfen rein. Ob das so gut ist, weiß ich nicht, denn für mich sieht es schon wie eine Höhle aus – und wenn da ein Anfänger unter Wasser Panik kriegt… Paolo und Wikipedia erklären die Entstehung der Cenoten auf die Schnelle so: Im Laufe von hunderttausenden von Jahren löst sich Kalkstein im Boden auf und wird durch Grund- und Regenwasser ausgewaschen, Höhlen entstehen, und wenn die Decken der Höhlen einstürzen nennt man das entstandene Loch Cenote. Dort kann man rein springen, baden, schnorcheln – alles völlig gefahrlos. Interessant wird es natürlich, wenn man in die alte Höhle hinein taucht. Paolo betont, dass Cavern-Diving nicht Cave-Diving sei, wir würden immer (oder meistens) irgendwo noch ein klein wenig Tageslicht sehen. Außerdem sei die Höhle nicht überall komplett geflutet, man könnte auch schnell mal hoch, wenn man Panik kriegt. Hier wäre ein schnelles auftauchen unproblematisch, denn die Tauchgänge sind sehr flach, nur etwa zwischen zwei und acht Meter tief. An manchen Stellen in der Höhle stehen Stopp-Schilder unter Wasser, und man sollte tunlichst davor bleiben. Vor sechs Monaten sind ein anderen Höhle ganz in der Nähe drei Taucher gestorben, man fand die Leichen hundert Meter hinter dem Schild…


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Ausrüstungs-Check auf dem Parkplatz vor der Höhle “Dos Ojos”.
Jedenfalls, nach dem Briefing geht’s wieder hoch zum Van, wir schnallen unser Geraffel an und einer nach dem anderen springt ins kühle Nass. Es ist wirklich kühl, 24 Grad hören sich warm an, aber mit einem dünnen Nass-Anzug ist es nicht so kuschlig. Wir folgen Paolo jeweils in zwei Meter Abstand zum Vordermann, jeder von uns hat eine eigene Tauchlampe.


Gleich geht’s runter. In mein Logbuch zeichne ich bei Sichtweite hinterher das Unendlich-Zeichen. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie klar das Wasser ist. Paolo spricht von theoretischen Sichtweiten von 200 Meter. Theoretisch, weil es nicht 200 Meter geradeaus geht, sondern immer wieder um Ecken, hoch und runter, um Felsen herum und so weiter. Nicht mal in einem Schwimmbad ist das Wasser so klar wie hier. Da es Felshöhlen sind, wirbeln wir kein Sediment auf, der letzte Taucher sieht genauso viel wie der erste. Wir folgen dem gelben Band mit den kleinen Pfeilen, die zum Ausgang zeigen. Hin und wieder scheint Sonnenlicht durch eine Öffnung und wirft eng begrenzte Strahlen auf den Höhlenboden. An vielen Stellen ist die Höhle über uns komplett geschlossen, wir decken unsere Lampen ab und es wird fast vollständig dunkel.


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Guide Paolo kurz vorm auftauchen. Die GoPro im dunklen Wasser taucht einfach nix…
Der Vordermann ist gerade so noch zu erkennen, sonst nichts. Ich greife das Seil, schließe meine Augen für 15 Sekunden und hangele mich am Seil entlang. Schon ein bisschen unheimlich.

Beim zweiten Tauchgang erreichen wir unterwegs eine Höhle, in der Fledermäuse von der Decke baumeln, sich angestrahlt von unseren Scheinwerfern fallen lassen und ein paar Runden in der Höhle drehen. Es geht weiter, überall Stalagmiten und Stalagtiten, bizarre Felsformationen – einfach Wahnsinn. Ich kann nur jedem Taucher empfehlen, einmal in den Cenoten zu tauchen, falls der nächste Urlaub sowieso auf die Yucatan-Halbinsel gehen sollte. Im Bundesstaat Quintana Roo gibt es die meisten Cenoten, ein paar wenige auch in Yucatan.


Guide Paolo, Eduardo (?), Lisa und ich.
Tja, gerne hätte ich euch Bilder gezeigt, aber die GoPro hat in der Höhle nicht ein einziges anständiges Bild zustande gebracht – es ist einfach zu dunkel dort, selbst mit den Lampen. Ihr solltet bei Google „diving dos ojos“ eingeben und euch die Bilder anzeigen lassen.

So, das soll es erst einmal wieder gewesen sein. Viele Grüße aus Belize! 


Veröffentlicht von panamericana am 24. September 2012

Topes, Öl und Maya-Ruinen

Aus wir wird wieder ich, ab heute geht’s für mich wieder alleine weiter. Das heißt auch, dass ich wieder früher aufstehe bzw. früher losfahre. Schon gegen 8 Uhr bin ich unterwegs, will heute ein bisschen Strecke machen. In den letzten Tagen hatte ich immer im Hinterkopf, etwas langsam unterwegs zu sein. Was an sich ideal ist und mir auch Spaß macht, allerdings habe ich einen fixen Termin, an dem ich in Santiago de Chile sein muss. Bis dahin liegt noch ein weiter Weg, aber nur noch drei Monate vor mir.

Montag, 17. September

Zunächst fahre ich auf kleinen Landstraßen Richtung Südosten, dem Meer entgegen. In kleinen Dörfern verkaufen Einheimische Produkte aus Holz. Möbel,  Spielzeug, Küchenzubehör, sogar ganze Türen und Fensterrahmen stehen am Straßenrand und warten auf Käufer. Die Frauen sehen aus, wie ich es erst für Bolivien oder generell Südamerika erwartet hatte: sehr bunte, traditionelle Röcke und Blusen, bunter Schmuck an Hals und Handgelenken, lange schwarze Haare, von harter Arbeit zermürbte Gesichter. In unserer Vorstellung tragen die Mexikaner einen Oberlippenbart, stimmt‘s? So ist es auch. Fast jeder Mann, sogar die jungen, trägt Schnauzer. Und Hut, keinen Sombrero, sondern einen klassischen Cowboyhut. Dazu sind die meisten gut beleibt, in Mexiko sollen nach den USA die meisten übergewichtigen Menschen leben. Also: dicker Bauch, Schnauzer, Cowboyhut – kein Vorurteil, sondern Realität.

Die Landstraßen sind relativ gut, die Umgebung schön, nur leider komme ich relativ langsam voran. Auf einem passenden Stück wechsle ich auf die Mautstraße. Zwei Spuren in jede Richtung, Tempolimit offiziell 110, kaum Verkehr. Hier komme ich gut voran, zahle dafür aber umgerechnet 20 Euro, was in Mexiko nicht wenig ist.


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Es regnet oft, dementsprechend häufig sind Felder überschwemmt.

 
Zur Abwechslung nehme ich wieder ein Stück Landstraße und werde bei einer Militär-Kontrolle angehalten. Ich stelle mich wieder dumm, muss aber trotzdem kurz meinen Packsack öffnen. Alles in Ordnung, weiter geht’s. Nach stundenlanger Fahrt erreiche ich endlich das Meer, und fahre noch ein gutes Stück weiter. Es geht durch Acapulco und die Stadt ist mir auf Anhieb unsympathisch. Dreckig, laut, unglaublich schlechte Straßen, die zudem nur verstopft sind – hier hält mich nichts. Mag ja sein, dass es hier einen langen und tollen Strand gibt, aber den finde ich woanders auch, also weiter.

Ich halte in Ixtapa, und das muss so etwas wie Nizza, Cannes oder St. Tropez für uns sein, jedenfalls stehen hier nur große teure Hotels, bis zur nächsten Stadt ist es jedoch zu weit für heute. Ich drehe um und parke am Straßenrand, um mich mal umzusehen. Keine zehn Sekunden später hält neben mir ein Motorroller und der Fahrer fragt, ob ich ein Hotel suche. Er scheint das schon zu kennen. Ich sage ja, aber ein billiges – was kostet es denn hier so? 1000 Pesos sagt er. 200 sage ich. 500 sagt er und ich erhöhe mein letztes Angebot auf 250 Pesos. Er nickt und meint, ich solle ihm folgen. Das Hotel ist gleich hinter der Straße, nicht weit vom Strand entfernt. Er spricht mit der jungen attraktiven Dame an der Rezeption, ich stehe daneben. 250 sind ihr zu wenig, 300 müssten es schon sein. Mir geht es nicht um die 50 Pesos, also umgerechnet nicht mal 3 Euro, sondern ums Prinzip. Denn ich weiß mittlerweile, dass es für das Geld in Mexiko immer Zimmer gibt. Sie lässt sich nicht erweichen, ich gehe schon zum Motorrad zurück, setze meinen Helm auf, da kommt aus dem Nachbareingang ein etwas besser angezogener Mann. Der Schlepper mit dem Motorroller sagt, dass sei der Boss, und nun spricht er mit ihm und etwas widerwillig gibt der Chef sein Ok, ich kann bleiben. Das Zimmer ist auch definitiv nicht mehr wert als 250 Pesos, aber es ist akzeptabel. Ich drücke meinem Vermittler ein paar Münzen in die Hand und alle sind glücklich.

Den kurzen Rest des Tages lege ich mich an den Strand, auf die Liegen der teuren Hotels und trinke eine teure, aber schlechte Margarita. Ich schreibe oft, dass es hier teuer und schlecht ist –  leider ist es wirklich so. Und ich habe hier bestimmt keine hohen Ansprüche.

Mittwoch, 19. September

Langsam, sehr langsam geht es voran auf der MEX200, der Straße, die an der Südküste entlang führt. Leider führt sie nicht direkt am Meer entlang, sondern immer fünf bis 20 Kilometer im Landesinneren. Und dort sieht es fast überall gleich aus. Dichter grüner Wald, fast ein Dschungel, hin und wieder Palmenplantangen, Brücken über breite Flüsse, überschwemmte Wiesen. Klingt gut, aber nach etlichen Stunden wird es zunehmend öde.

Mein Tagesziel Puerto Angel liegt nur 250 Kilometer entfernt, trotzdem brauche ich mehr als vier Stunden. Aber es lohnt sich. Ich war noch nie im indischen Goa, aber ungefähr wie hier muss es dort auch sein. Zumindest stelle ich es mir so vor.


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Strand in Puerto Angel.


Ein langer Strand, direkt daneben Hütten und kleine Hotels vor denen überall Hängematten baumeln. Junge Leute spazieren am Strand umher, überall wird gekifft, die Frauen – auch Einheimische – laufen oben-ohne rum. Nett hier. Im „Posada Mexiko“ zeigt mir die Vermieterin eine Art Turmzimmer: rund, zweiter Stock, Palmdach, eigenes kleines Bad, alles schön eingerichtet, drei Betten. 350 Pesos sind dafür ein Schnäppchen, aber was soll ich mit drei Betten? Ich nehme ein kleineres, günstigeres Zimmer, keine 20 Meter vom Strand entfernt, in dem ich Brandung rauschen höre.

Stundenlang sitze ich am Strand, lese, sonne mich und ruhe mich aus. Hier könnte ich es durchaus noch etwas aushalten.

Donnerstag, 20. September

Ohne richtiges Ziel für heute starte ich nach dem Frühstück Richtung Osten, es geht wieder am Meer entlang. Noch vor wenigen Tagen habe ich im letzten Blogeintrag die Yamaha so sehr gelobt, weil sie bis dato absolut problemlos alles mitmacht. Bis heute. An einer Tankstelle setze ich mich auf den Bordstein, um etwas zu trinken, und dabei sehe ich, dass der rechte Gabelholm Öl verliert. Das muss erst vor kurzem passiert sein, denn beim letzten Rundgang vor ein paar Tagen war alles in Ordnung.  Eigentlich kann es nur an den hunderten oder gar tausenden „Topes“ liegen, die ich hier in Mexiko bislang überqueren musste. Topes sind Temposchwellen aus Beton, die überall im ganzen Land an sinnvollen und sinnlosen Stellen den Verkehr ausbremsen. Eigentlich eine gute Sache, denn ansonsten würden die Mexikaner mit Tempo 100 durch die Dörfer fahren. Es gibt offizielle Topes, die weiß-gelb markiert, schön breit, relativ flach und harmlos sind. Oft stehen sogar Warnschilder in ausreichendem Abstand, damit man rechtzeitig bremsen kann. Und dann gibt es die Topes, bei denen es mir so vorkommt, als wenn sie ein Ladenbesitzer mitten in der Nacht vor seinem Geschäft auf die Straße gegossen hat, damit alle möglichst langsam an seinem Laden vorbeifahren, gucken und vielleicht etwas kaufen. Bis zu 20 Zentimeter hoch, nicht markiert, an nicht einsehbaren Stellen, oft mehrere hintereinander – sie rauben mir die Nerven. Die Mexikaner fahren teilweise so langsam darüber, dass ich ein Fuß von der Raste nehmen muss, wenn ich dahinter bin. Und es gibt sie wirklich in Massen und überall; außer auf den Mautstraßen. Ich weiß nicht, ob es wirklich an den Schwellen liegt, denn eigentlich sollte ein Motorrad wie die XT1200Z sowas wegstecken, jedenfalls wollte der Gabel-Simmerring nicht mehr dichthalten.

Aber hin und wieder gibt’s im Leben riesige Zufälle. In Tuxtla Gutierrez halte ich am McDonald‘s, um mir im Internet ein Hostel zu suchen. In einer Ecke sitzt ein Mann mit einem Yamaha-Hemd. Während ich esse geht er vorbei, sieht meine Motorradklamotten und fragt in gutem Englisch, was ich für ein Motorrad fahre. Es stellt sich heraus, dass er Yamaha-Händler ist und sein Laden keinen Kilometer entfernt liegt.


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Durchsicht in Tuxtla Gutierrez.


Die 30.000er-Durchsicht steht demnächst an, und wo ich ihn jetzt schon mal kenne, er einen seriösen Eindruck macht und sein Laden und die Werkstatt auch passabel aussehen, lasse ich sie gleich bei ihm machen. Leider waschen die Jungs die Maschine mehr als mir lieb ist, jetzt sieht sie gleich wieder viel neuer und teurer aus. Das Beste: Der Händler hat die Gabel-Simmerringe auf Lager! Doch das wechseln würde Stunden dauern und es ist bereits 18 Uhr; und ich will heute noch nach San Cristobal de las Casas – auf Empfehlung des Händlers. Es soll eine schöne, ruhige Stadt sein und ich würde nur 30 Minuten brauchen.

In San C.de la C. fahre ich zum Hostel, das ich mir im McDonald’s herausgesucht habe. Leider ist es voll, doch wenn es eines hier gibt, dann Hotels und Hostels. Ich bin müde und halte am erstbesten Hostel. Das „Planet Hostel“ in San Cristobal de las Casas ist eher eine Absteige. Kaum Gäste, muffige dunkle Zimmer, das Bettzeug… naja, reden wir nicht drüber. Für eine Nacht ist es okay und nach zehn Uhr abends kann ich das Motorrad direkt ins Hostel fahren und parke unmittelbar neben dem Tisch der Rezeption und den Computern.

Freitag, 21. September

Gleich morgens ziehe ich ein anderes, deutlich schöneres Hostel um. Den Rest des Tages ruhe ich mich aus, wasche meine Wäsche und erstmals seit drei Monaten auch das Innenfutter des Helms. In einem kleinen Heimwerkerladen kaufe ich Klebstoff und repariere den Klettverschluss, mit dem ich das Telefon auf dem Tankrucksack befestige. Dinge des Alltags eben. Mehrmals spaziere ich durch die schöne Altstadt, gehe essen und lasse es mir gut gehen.

Samstag, 22. September

Wer in einem Zimmer mit sechs oder mehr anderen Leuten schläft, braucht keinen Wecker zu stellen. Es gibt immer jemanden, der früher raus muss als man selbst. Gegen 6 Uhr geht das Gepolter los, wenn einer fertig ist, fängt der nächste an zu kramen.

Kurz nach 8 Uhr bin ich unterwegs auf dem Weg nach Palenque. Die Ruinen der Maya liegen zwar nur rund 200 Kilometer entfernt, aber die Straße ist kurvig, eng und bei Nässe rutschig. Busse brauchen fünf Stunden, ich rechne mit vier. Es geht tatsächlich unglaublich langsam voran, Dorf an Dorf, Temposchwelle an Temposchwelle. Zwar regnet es nicht mehr, an vielen Stellen läuft aber immer noch Wasser über die Straße. In einer nassen Linkskurve mit schmutziger Fahrbahn merke ich, wie das Hinterrad gefühlt zwei Meter weit nach außen wegschmiert. Das war knapp, dabei war ich schon recht langsam unterwegs. Die Strecke ist eher unspektakulär: wie immer in den letzten Tagen gibt’s rechts und links nur dichten Wald zu sehen.

Oft denke ich an Kanada, Montana und Wyoming mit ihren abwechslungsreichen Strecken durch wahnsinnig schöne Landschaften. Das fehlt mir im Moment etwas. An einem Militär-Posten werden alle Autos durch- und ich natürlich raus gewunken. Was sonst. Wieder mal soll ich meinen rechten Koffer aufmachen, ich hebe meine Socken und Schuhe hoch, zeige dem jungen Soldaten mein Buch und den Kochtopf, auf dem er ein bisschen herumklopft und sich freut. Dann wollen er und sein älterer Chef, der ein paar Wörter Englisch spricht, wissen, was das Motorrad kostet. Ich lächle, lenke ab und erkläre, dass ich das Motorrad von Deutschland aus nach Alaska gebracht habe. Keine weiteren Fragen.

War ich gestern noch auf rund 2400 Meter Höhe, sind es heute nur noch 200. Und gleich wieder zehn Grad Celsius mehr. Mein T-Shirt ist komplett durchgeschwitzt als ich in Palenque ankomme. Auch hier gibt’s viele Hotels, bei dreien frage ich nach dem Preis, sie sind mir jedoch zu teuer. Eines ist günstig, hat aber kein Internet, und weil ich heute meinen Blog updaten will fahre ich weiter. Ich finde ein schönes Hotel, nehme ein großes, sauberes Doppelzimmer mit Ventilator und Fernseher (den ich nie brauche) für umgerechnet 11 Euro. Gestern in San Cristobal de las Casas habe ich für das Mehrbettzimmer knapp fünf Euro bezahlt, und auch das war völlig okay.

Wo ich gerade dabei bin, ein paar Worte zum Geld. Für um die zehn Euro bekommt man hier in Mexiko fast überall relativ gute Zimmer. Daher werde ich hier auch nicht zelten, selbst wenn es umsonst wäre. Eine Tankfüllung kostet umgerechnet ebenfalls knapp zehn Euro, und wenn ich am Tag nochmal zehn Euro für Essen ausgebe habe ich wirklich gut gelebt. Je nachdem wo ich mit wem bin kommen vielleicht nochmal zehn Euro für Bier und Margaritas hinzu. Im Schnitt gebe ich hier also 30 Euro pro Tag aus – absolut in Ordnung. Und vermutlich wird es in Mittel- und Südamerika noch deutlich günstiger.

Duschen, eine Stunde ausruhen, dann ab zu den Ruinen, wegen denen ich eigentlich hier bin. Ich fahre bis unmittelbar vor den Eingang und wie vor jeder Touristenattraktion weltweit warten auch hier Dutzende, nein Hunderte Händler auf Kundschaft.


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Maya-Ruinen in Palenque.


Einheimische versuchen, sich als Tourguide anzubieten, ich wimmele sie freundlich aber bestimmt ab. Tja, die Ruinen. Vielleicht bin ich ein Kunst- und Kulturbanause, vielleicht habe ich etwas anderes erwartet. Es sind halt Ruinen, seit zweitausend Jahren verlassen, nichts außer den Steinen ist geblieben. Es fällt schwer, sich vorzustellen, wie die Maya hier einst lebten. Sie müssen lange Beine gehabt haben, denn die Stufen nach oben sind teilweise gut 40 Zentimeter hoch. Jetzt ist auch mein zweites T-Shirt durchgeschwitzt, die hohe Luftfeuchtigkeit tut ihr übriges. Immer wieder beeindruckend finde ich den Gedanken, wie solche Bauten damals entstanden sind. Ohne Kran, ohne LKW, ohne Strom, ohne Hilti-Bohrhammer  , und das ganze mitten im Dschungel. Irgendwo habe ich gelesen, vielleicht war es bei Wikipedia, dass bislang lediglich fünf Prozent der gesamten Anlage freigelegt sind. Und das ist nun noch beeindruckender, denn selbst die offenen Ruinen sind ziemlich großzügig.

Nur wenige Touristen sind heute hier, fast alle in Gruppen mit Reiseführern. Auch in der Anlage versuchen Händler runde Steinplatten mit Motiven, traditionelle Kleidung und andere Souvenirs zu verkaufen.

No gracias. Ich mache ein paar Fotos, gehe etwas umher und nach nicht mal einer Stunde fahre ich zurück, nachdem ich die Händler am Ausgang überzeugt habe, dass ich heute ausnahmsweise keinen Holzbogen und Pfeile oder eine weiße Toga brauche.


Veröffentlicht von panamericana am 17. September 2012

Von Topolobampo über Zacatecas nach Guadalajara 

Montag, 10. September

Während der Fahrt von Cabo San Lucas nach La Paz regnet es hin und wieder kräftig, wir freuen uns, dass es endlich weniger als 33 Grad Celsius hat. In den Bergen fällt das Thermometer auf angenehme 25 Grad. Wir brauchen rund drei Stunden bis nach La Paz, das Navi leitet uns zum Fährhafen, etwa 15 Kilometer außerhalb der Stadt. Wir haben uns extra beeilt und sind früh losgefahren, um heute noch den nötigen Papierkram für die Motorräder zu erledigen. Es ist 16 Uhr, leider ist das Büro schon seit einer Stunde geschlossen. Nicht schlimm, die Fähre geht morgen erst 14.30 Uhr, davor bleibt genug Zeit. Ganz in der Nähe des Fährhafens, keine 500 Meter entfernt, gibt es ein Hotel, das von außen so aussieht, als wäre es nicht in unserer Preisklasse. Wir haben keine Lust, in die Stadt zurück zu fahren, außerdem wäre es äußerst bequem, gleich morgen früh für den Papierkram ohne Gepäck vom Hotel zum Büro zu fahren.

Mark fragt nach dem Preis und mit umgerechnet 20 Dollar pro Person ist es deutlich günstiger als erwartet. Das Club-Hotel Cantamar ist hauptsächlich Ausgangspunkt für Tauch- und Angeltouren, dementsprechend sind auch einige amerikanische Angler hier mit denen wir uns abends etwas unterhalten. Der größte Marlin den sie heute gefangen haben wog 150 Kilogramm, die Filets nehmen sie mit nach Hause nach Texas. Wir trinken Bier an der Poolbar, essen auf der Terrasse über dem Meer – der letzte Abend auf der Baja ist noch einmal richtig schön.

Dienstag, 11. September

Bereits um 8.30 Uhr stehen wir am Schalter, um unsere Motorräder nun offiziell vorübergehend nach Mexiko zu importieren. Für die Baja California war das nicht nötig, also machen wir es hier. Die junge Frau hinter dem Schalter spricht etwas Englisch, sagt uns, welche Papiere sie braucht und dass wir gleich nebenan ein paar Kopien davon machen sollen. Reisepass, Touristenkarte, Fahrzeugschein – mehr braucht sie nicht. Alles geht recht schnell, sie hackt die Daten in ihren Computer, kassiert 44 Dollar und bemerkt sogar, dass die Yamaha nicht auf mich zugelassen ist. Ich zücke die in Spanisch übersetzte Vollmacht, mache davon noch eine Kopie und sie ist zufrieden. Für Fahrzeuge die jünger sind als Baujahr 2007 wird eine Art Kaution in Höhe von 400 US-Dollar fällig, die per Kreditkarte hinterlegt wird. Bei älteren Fahrzeugen sind es 300 bzw. 200 Dollar, je nach Baujahr. Bei der Ausreise aus Mexiko wird das Fahrzeug „ausgestempelt“ und die Kaution wieder gutgeschrieben. Bei der Gelegenheit noch ein Tipp: Vor längeren Auslandsreisen sollte das Kreditkartenlimit angehoben werden! Ich hatte das vergessen und da ich mein relativ niedriges Limit diesen Monat beinahe ausgeschöpft hatte, konnte ich die Kaution nicht mit meiner Kreditkarte von der Sparkasse hinterlegen – obwohl genug Geld auf dem Konto ist.  Mit der DKB-Karte ging es zum Glück problemlos, auch ein Grund, lieber zwei Kreditkarten dabei zu haben.

Nach einer Stunde hat jeder von uns seine Dokumente und das Fährticket in der Tasche. Von La Paz aus geht es entweder nach Topolobampo oder Mazatlan. Da wir keine Lust haben, 16 Stunden auf der Fähre nach Mazatlan zu verbringen und lieber etwas länger Motorrad fahren, buchen wir die Etappe nach Topolobampo – das sind nur sechs Stunden Fahrt.


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Warten auf die Abfertigung vor der Fähre


Wir lesen, lungern herum und warten auf die Abfahrt. Ich bestaune die Hafen-Arbeiter, die mit ihren Rangier-Zugmaschinen die LKW-Auflieger mit einem Affenzahn rückwärts eine steile Rampe hochrangieren und zwischen den einzelnen Aufliegern keine 30 Zentimeter Platz lassen. Wirklich beeindruckend.

Für die nächsten sechs bis acht Stunden ist die ziemlich modern aussehende „California Star“ unser Schiff. Nur wenige Passagiere fahren mit, die meisten sind LKW-Fahrer. Zu Beginn quält uns eine der Mitarbeiterinnen mit einer etwa einstündigen, sehr lauten und nicht besonders guten Karaoke-Einlage. Ich schreibe meinen Blog bis der Laptop-Akku schlapp macht, lese danach Charles Bukowski, höre zwischendurch Musik – irgendwie vertreiben wir uns die Zeit. In Topolobampo müssen wir warten, bis alle LKW das Schiff verlassen haben. Das dauert fast eine Stunde, mittlerweile ist es dunkel, wir sind müde und wollen so schnell wie möglich in ein Hotel. Wir finden eins ganz in der Nähe und fallen erschöpft in die Betten.

Mittwoch, 12. September

Mark Atley macht sich heute allein auf den Weg nach Guadalajara, seine Freundin wartet dort auf ihn und er möchte ein paar Tage mit ihr verbringen. Matt, Ferg und ich werden eine andere Route durch die Berge nehmen und in ein paar Tagen in Guadalajara ankommen. Auf relativ guten Straßen geht es Richtung Mazatlan, das knapp 400 Kilometer südlich von uns liegt. Es ist noch immer sehr warm, aber schon deutlich angenehmer als auf der Baja. Endlich sehen wir wieder sattes Grün, die üppige Vegetation rechts und links der Straße sieht so aus, als wenn es hier häufig regnet. Hin und wieder passieren wir Militär-Kontrollen, bei denen uns die gelangweilten, sehr jungen Soldaten aber einfach immer durchwinken. An dieser Stelle ein paar Worte zum Verkehr in Mexiko. Individualverkehr trifft es wohl am besten, im Sinne von: jeder fährt, wie er will. Geschwindigkeitsbegrenzungen werden natürlich missachtet und nicht selten um mehr als das Doppelte überschritten. Auf einem Abschnitt fahre ich in einer 50er-Zone knapp 90 – und werde von der Polizei überholt, die noch deutlich schneller unterwegs ist! Ohne Blaulicht, also wohl nicht im Einsatz. Dazu muss ich sagen, dass die meisten Geschwindigkeitsvorgaben völlig sinnlos sind. Viele 60-Zonen, sogar 40-Zonen gibt’s oft, sogar auf Landstraßen. Wenn wir uns daran halten würden, wäre es deutlich gefährlicher für uns, da alle anderen waghalsig überholen würden. Also passen wir uns dem mexikanischen Fahrstil an. Zwar stehen in regelmäßigen Abständen große Schilder am Straßenrand, die auf die Gurtpflicht hinweisen, trotzdem schnallen sich bestimmt 90 Prozent der Mexikaner nicht an.

Wie die Fahrer so die Autos. Fehlende oder abgerissene Radbolzen, keine Bremslichter, kaputte oder fehlende Rücklichter – völlig normal hier. Ich staune nicht schlecht, als ich an der Tankstelle einen LKW mit dreiachsigem Auflieger sehe, an dem rechts aber nur zwei Räder montiert sind. Das dritte fehlt.

Am frühen Abend suchen wir uns ein Hotel, das schlecht, aber trotzdem nicht günstig ist.

Donnerstag, 13. September

Matt hat gestern Abend mit ein paar Mexikanern Bier getrunken, und alle haben ihm empfohlen, von Mazatlan nach Durango zu fahren. Wir sehen uns auf dem Navi die Strecke an und wissen warum: Die Linie geht kaum ein Stück geradeaus, überall sind Kurven und scharfe Zacken auf der Route. Perfekt. Die Strecke entpuppt sich tatsächlich als eine der schönsten, die ich bislang während der Tour gefahren bin. Von Meereshöhe in Mazatlan windet sich die Straße bis auf über 2800 Meter in die Höhe. Bestimmt hundert Kilometer lang reiht sich eine Kurve an die andere. Die Straße ist eng und nicht ganz ungefährlich. Viele LKW quälen sich langsam den Berg herauf, überholen ist heikel, denn eine Kurve folgt der nächsten und wir sehen kaum, was sich hinter der nächsten verbirgt. Oft sind die Kurven so eng, dass die Trucker davor weit ausholen und die Gegenfahrbahn mitbenutzen. Mehr als einmal wird es etwas eng; als ich die GoPro-Kamera von Matt an meinem Helm habe, filme ich auch, wie mir ein Kleintransporter auf meiner Spur ziemlich zügig entgegenkommt. Klingt aber alles schlimmer als es ist. Hin und wieder halten wir an kleinen Aussichtsplätzen und genießen den Blick über die dicht bewachsenen Täler, über denen die Wolken hängen. Bei einem der Stopps sieht Matt eine Schlange im Gras verschwinden, und ich, wie ein Mexikaner aus seiner Hütte kommt, seine Pistole durchlädt und sich in die Jacke steckt.

Nicht nur die Landschaft ist wunderschön, bei etwa 20 Grad Celsius müssen wir endlich nicht mehr schwitzen und können viel entspannter fahren. Gegen Abend erreichen wir La Ciudad, ein Dorf mit zerfallenen Häusern und ein paar Hütten. Aus fast jedem Schornstein steigt Rauch auf, wir sehen viele Mexikaner mit Wurzeln oder Ästen auf dem Arm – hier wird noch komplett mit Holz geheizt und gekocht. Und das riecht man. Der Geruch und die Rauchschwaden der Holzfeuer liegen über dem ganzen Dorf, die Sonne scheint ab und zu durch die Wolken und verleiht der Szenerie etwas Gespenstisches. Wir fragen ein paar Jugendliche nach einem Hotel, können es aber nicht finden und fragen ein paar Erwachsene die an einer Mauer lehnen und rauchen. Einer deutet mit dem Finger auf die andere Straßenseite und ich kann erst kaum glauben, dass das ein Hotel sei soll. Ein heruntergekommenes Holzhaus, die weiße und blaue Farbe bröselt von den Balken, vergitterte Fenster – alles nicht sehr einladend. Matt sieht sich die Sache an, kommt zurück und sieht nicht begeistert aus. Er sagt nur „Bottom“, schlechter geht’s also nicht. Doch wir haben kaum eine Wahl, es wird langsam dunkel und bis zur nächstgrößeren Stadt ist es weit. Also zahlen wir, ich sehe mein Zimmer und bin nicht begeistert, aber auch nicht wirklich schockiert.


Ein Bett, ein kleiner Tisch, davor ein Klappstuhl, die Tapete ist an die Decke genagelt, von den Wänden bröckelt die Farbe, der Vorhang ist schmutzig und hängt an einer Wäscheleine. Naja, ist ja nur für eine Nacht.

Das Gepäck ist abgeladen, wir sind umgezogen und gehen noch etwas durchs Dorf. Auffallend viele Kinder und Jugendliche spielen draußen, ein paar der Älteren reiten auf drei Pferden umher, alle lachen und sehen glücklich aus. Wir sind garantiert nicht die ersten Weißen, den die Kinder hier sehen, aber Touristen dürften sich eher selten in  dieses Bergdorf verirren. Dementsprechend werden wir angestarrt, die Kinder lachen und tuscheln, manchen winken. Alles harmlos und wir fühlen uns recht sicher.

In einem der beiden kleinen Läden kaufen wir Bier und setzen uns auf den „Balkon“ unseres Gefäng…, pardon Hotels. Vier Äpfel, sechs Bananen, eine Dose Spam-Frühstücksfleisch und ein paar Waffeln – unsere letzten Reste und unser Abendessen.

Freitag, 14. September

Zehn Grad Celsius, über dem Dorf schwebt noch immer oder schon wieder Rauch, ich hole mir einen Kaffee aus einer Hütte am Straßenrand. Das ist also das „echte“ Mexiko. Der Hotelbesitzer verabschiedet uns freundlich, sagt, dass das nächste Stück nicht mehr so kurvig sei und wir dementsprechend gut vorankommen werden.

Nach einer Weile rollen wir wieder mal auf einen Militär-Posten zu, werden langsamer, und während Ferg durchfährt, werden Matt und ich raus gewunken. Während wir versuchen, mit den normalen Mexikanern so viel Spanisch zu sprechen wie irgend möglich und bestmöglich mit ihnen zu kommunizieren, stellen wir uns bei den Kontrollen dumm. Patrick und Joe, die wir in Loreto kennengelernt hatten, haben uns empfohlen, einfach gar nichts zu sagen und so zu tun, als wenn man überhaupt nichts versteht. Bislang fahren wir damit ziemlich gut. Wir schauen uns nur fragend an, heben die Augenbrauen, zucken mit den Schultern, schütteln den Kopf – und meist werden wir dann auch schon durch gewunken. Der etwa 19-jährige Soldat hat scheinbar gerade Langeweile, denn er deutet auf meinen rechten Seitenkoffer, ich soll ihn aufmachen. Ich nicke, steige betont langsam ab, lasse mir Zeit und gerade als ich meinen randvoll mit Drogen, Waffen, Bargeld, falschen Reisepässen und anklebbaren Schnauzbärten gefüllten Koffer öffnen will, kommt sein vielleicht 21-jähriger Kollege und winkt ab. Wir sollen einfach weiterfahren. Geht doch, als wenn Touristen hier irgendetwas Illegales bei sich tragen würden. Bock auf den mexikanischen Knast dürfte niemand haben.

In Zacatecas steuern wir als erstes einen McDonald‘s an, um kostenlos W-Lan zu haben und so nach einem Hostel zu suchen. Wir finden ein schönes, das direkt in der historischen Altstadt liegt. Wir haben Glück und bekommen zwei Zimmer, eines mit einer grandiosen Aussicht über die Stadt. Die Zimmer sind klein, aber gemütlich, Holzmöbel, bequeme und ordentliche Betten, das alles für nur etwas mehr als zehn Dollar. Wir setzen uns zu ein paar Leuten auf der Dachterrasse, die bereits Bier und Tequila auf dem Tisch haben.
Innerhalb einer Stunde kommen bestimmt zehn Leute dazu aus mindestens zehn Ländern. Mexikaner, Italiener, Franzosen, Australier, Deutsche, Honduraner, Holländer – vielleicht auch nur aus sieben Ländern. Die Terrasse ist in unserer Hand, wir trinken, einige spielen Gitarre, alle sprechen einen lustigen Spanisch-Englisch-Mix. Was wir nicht wussten: morgen feiert Mexiko seine Unabhängigkeit von den Spaniern und schon seit Tagen gibt’s hier in Zacatecas ein riesiges Fest (wie überall in Mexiko). Taxi fahren ist billig und für jeweils weniger als drei Dollar bringen uns wenig später vier Taxen zur Party. Eine Stimmung wie auf dem Oktoberfest beschreibt es ziemlich gut. Überall Menschen, Taco-Buden, hunderte Musiker und dutzende Mariachi-Bands – eine bunte Mischung, alle haben Spaß. In einer riesigen Halle stehen die Menschen dicht gedrängt, der Lärm der Bands ist unbeschreiblich, alle trommeln und trompeten gleichzeitig. Einige Biere später gehen wir ins „Cesars“, eine Großraum-Disko, die auch in Deutschland stehen könnte, so modern sieht sie aus. Ehe wir uns versehen, stehen wir auf einer separaten Fläche, etwas oberhalb und neben der Tanzfläche. Also da, wo man normalerweise nicht hinkommt, wenn man nicht Russe ist und Champagner für hunderte Dollar spendiert. Auf vielleicht 40 Quadratmetern stehen schicke Sessel, auf den Tischen mit Eis und Bierflaschen gefüllte Eimer. Neben uns tanzen und trinken noch ein paar mexikanische Paare auf der Terrasse und es dauert nicht lange, da sind wir umgeben von einigen wunderschönen jungen Frauen, die alle nur unser Bestes wollen. Nämlich unser Geld. Einige von uns unterhalten sich mit ihnen und es ist offensichtlich, dass Mann sie bei Bedarf kaufen könnte. Mir fallen ein paar junge Mexikaner mit vermutlich maßgeschneiderten Hemden auf, die hin und wieder eines der Mädels gezielt zu einem von uns schicken. Mein Ring am Finger rettet mich mehr als einmal vor allzu aufdringlichen Anmachen. Die Stimmung ist ausgelassen, wir, die mexikanischen Mädels und ihre Chefs feiern zusammen, und keiner von uns fühlt sich irgendwie unsicher. Ein paar lustige Transvestiten sind auch unterwegs und jeder muss sich mit ihnen fotografieren lassen, ob wir wollen oder nicht. Leider stelle ich zu spät fest, dass ich für das Bier in den Eimern auf unserer Terrasse nicht mal hätte bezahlen müssen. Egal. Gegen fünf Uhr morgens fahre ich mit Matt und einer Begleitung (keine käufliche) zurück zum Hotel. Später erzählt uns Ferg, dass die Rechnung am Ende um die 6000 Pesos betrug und ein junger reicher Mexikaner ohne mit der Wimper zu zucken bezahlt hat. Wahrscheinlich ein Zuhälter.  6000 Pesos sind nicht ganz 500 US-Dollar, was zunächst nicht viel klingt, aber bei einem Bierpreis von zwei Dollar doch ganz anständig ist. Zumal wir in Mexiko sind.

Samstag, 15. September

Zacatecas ist wirklich schön, und gerne würden wir noch bleiben, aber Matt und Ferg müssen morgen in Guadalajara sein und auch ich hänge meinem selbst gesteckten Zeitplan etwas hinterher. Knapp 320 Kilometer langweilige Schnellstraßen-Kilometer liegen vor uns, leider auch viele Maut-Stationen an denen wir jeder umgerechnet 30 Dollar lassen, unverschämt viel, wie wir finden. Ich sage nicht, dass ich von Anfang an eine andere und sogar kürzere Strecke vorgeschlagen habe. Auch das gehört dazu, wenn man mit mehreren Leuten reist. Wir hängen ziemlich durch, machen viele Pausen und sind müde. In Guadalajara führt der erste Weg, na klar, zu McDonalds – Mails checken. Mark Atley ist schon seit ein paar Tagen hier und hat glücklicherweise ein Hostel für uns gebucht, das passenderweise „Tequila“ heißt. Wir müssen uns also nicht noch um eine Unterkunft kümmern und vertrödeln etwa 20 Minuten bei McDonalds. Das war ein Fehler.

Schon seit langem war der Himmel stark bewölkt, und keine fünf Minuten nach Abfahrt fängt es so stark an zu regnen, wie ich es während der Tour und auch in Deutschland selten erlebt habe. Das Problem: Für die letzten Kilometer zum Hostel habe ich meine Jacke nicht zugemacht, da nützt das beste wasserdichte Zeug nichts. Matt und Ferg trifft es noch schlimmer, denn die stecken in ihren Sommerklamotten aus Mesh und sind nach wenigen Minuten komplett durchgeweicht. Ein weiteres Problem: Wir fahren auf einer Art Schnellstraße durch die Stadt, zwar nicht schnell, aber wir können nirgendwo halten. Ich habe Angst, dass mein Tankrucksack durchweicht, in dem die Kamera liegt. Ferg hat kein Navi, also fährt er als zweiter zwischen Matt und mir. Leider sieht er schlecht, bei Regen und Dunkelheit noch viel weniger und schon bald ist Matt im Verkehr verschwunden. Ferg klemmt sich hinter mich, wir fahren im Starkregen durch Guadalajara, an einer Ampel gucken wir uns nur an und ich muss lachen als Ferg seinen Arm nach unten bewegt und ein Schwall Wasser herausläuft.

Im Hostel stellen wir unsere Stiefel zusammen, hängen die Socken hinein und legen den Stand-Ventilator aus dem Zimmer einfach oben auf die Stiefel. Duschen, umziehen, feiern. Im Hostel ist nicht gerade die Hölle los, aber auf der überdachten Veranda stellt das Personal Tische und Bänke auf und nach und nach kommen immer mehr Mexikaner, die ihren Unabhängigkeitstag feiern wollen. Der Tequila fließt in Strömen, besonders viel und gratis für diejenigen, die sich in die Mitte der Mexikaner setzen, einen riesigen roten Sombrero aufsetzen und aus vollem Halse „Viva Mexiko!“ brüllen. Ratet, was wir machen 

Sonntag, 16. September

Nach mehr als zwei Wochen, die wir zusammen unterwegs waren, verabschieden sich Matt und Ferg von mir. Sie bleiben einen Monat hier, lernen Spanisch in einer Schule und wohnen in Gastfamilien – der wahrscheinlich beste Weg, Spanisch zu lernen. Ich hatte vor, einen Kurs in Guatemala oder Honduras zu besuchen, mal sehen, ob daraus noch was wird. Den Rest des Tages liege ich am Pool, schreibe den Blog, relaxe und plane meine weitere Route.


Veröffentlicht von panamericana am 7. September 2012

Vier gegen die Baja


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So, dieser Text ist vermutlich noch länger als der letzte, aber es zwingt euch ja keiner, ihn zu lesen. 

Nun ja, die Party in Loreto (keine Party, sondern ein kirchliches Fest – und wir haben keine Ahnung, um was es ging) entpuppt sich als irgendeine religiöse Zeremonie und auch nach 15 Minuten wissen wir nicht genau, worum es geht und verlassen den Platz.


Wir gehen die staubige, gelb beleuchtete Hauptstraße entlang und sehen an einem Baum zwei junge Männer stehen, die Dosenbier trinken. Wir fragen mit unserem gebrochenen Spanisch, wo man hier ein bisschen feiern kann bzw. wo was los ist. Die beiden wollen uns zunächst in einen Strip-Schuppen locken, wir ziehen eine normale Bar vor – aus Sicherheitsgründen.


Kneipenbummel mit Einheimischen. Zugegeben, der rechte sieht nicht ganz so vertrauenserweckend aus – und ihr könnt nicht mal seine roten Augen sehen…
Mit ihren paar Wörtern Englisch und unserem leidlichen Spanisch kommen wir ganz gut über die Runden, wir wissen meistens, was sie meinen und umgekehrt. Die Bar ist etwas langweilig, wir ziehen um in eine Hotelbar mit Billardtisch, der italienische Barkeeper dort kennt die Jungs. Einige Runden Billard und viele Drinks später haben wir alle genug. Die Rechnung beläuft sich auf 1260 Pesos, grob überschlagen 120 US-Dollar. Nicht viel, aber wir müssen trotzdem alle unsere letzten Scheine zusammenkratzen, damit wir die Zeche zahlen können, natürlich auch für die Jungs. Salud!
Keiner von uns hat hier viel Geld in der Tasche – wieder aus Sicherheitsgründen. Dazu muss ich sagen, dass uns Loreto sehr sicher erschien und wir zu viert eigentlich auch niemanden fürchten müssen. Allein würde ich hier Nachts trotzdem nicht am Strand entlang gehen.

Donnerstag, 6. September 2012

Jeder verbringt den Ruhetag auf seine Weise. Wir lesen, schreiben unsere Blogs und gehen am Nachmittag zum Strand.

Loreto ist schön, aber auch etwas touristisch, die Promenade am Strand wird gerade erneuert und Bauarbeiter werkeln an allen Ecken und Enden. Investiert wird hier also, davon zeugen auch ein paar offensichtlich teurere Hotels am Strand. Am Nachmittag sehen wir, dass bei unseren Bikes zwei weitere Motorräder von Fernreisenden stehen, und gegen Abend treffen wir die beiden im Hotel. Joe und Patrick reisen von Panama in die USA, Patrick hat seine BMW F 650 GS Dakar nach Panama fliegen lassen, während Joe schon zehn Monate mit seiner Suzuki DR 650 durch Südamerika gereist ist. Wir unterhalten uns, sie geben uns gute Tipps und schenken uns sogar sehr detaillierte Landkarten von Mittelamerika. Patrick macht etwas, um das wir ihn alle beneiden – er reist mit nur einem einzigen wasserdichten Packsack, der gar nicht mal so groß ist. Keine Seitenkoffer, kein Tankrucksack, noch nicht mal ein kleiner Rucksack auf dem Rücken. Tja, wer so unterwegs ist muss viel Geld haben. Denn kein Zelt dabei und keine Ausrüstung zum kochen heißt: Jede Nacht im Hotel absteigen. Wie langweilig, und wie gesagt, eben auch teuer. Allerdings kann er mit seinem leichten Bike das machen, was wir auch gerne machen würden, und es am nächsten Tag – trotz unserer sackschweren Bikes – auch probieren wollen: Die Baja California offroad erleben.

Freitag, 7. September 2012

Am Morgen ist die Welt noch in Ordnung, wenn auch verdammt heiß und das schon um 9 Uhr. Wir satteln auf und fahren schwitzend etwa 150 Kilometer auf der unspektakulären MEX 1 immer Richtung Süden, bevor wir uns dem Punkt näher, an dem wir nach Westen von der Straße auf eine Piste abbiegen. Guter Schotter, nicht schwierig, nur selten ein paar Sandfelder. Matt gefällt die Sache trotzdem nicht, nach ein paar Kilometer halten wir und beratschlagen uns. Wir sind uns nicht ganz einig, ich würde weiterfahren, Matt ist sich nicht sicher, die beiden Marks auch nicht so recht, obwohl sie schon gerne weiterfahren würden – das Abenteuer liegt halt nicht auf asphaltierten Hauptstraßen.

Die habe ich in Deutschland und sie in Australien auch. Nach ein paar Minuten werfen wir eine Münze. Der erste Wurf geht schief, weil die mexikanische 10-Pesos-Münze nicht wirklich Kopf und Zahl zeigt, sondern auf beiden Seiten ein Motiv. Wir einigen uns auf eine Seite, Adler mit Schlange im Maul (oder was auch immer auf der Münze ist) heißt: weiter ins Abenteuer, die andere Seite mit ebenfalls komischen Motiven: zurück zur Langeweile. Mark “Ferg” Ferguson wirft, und es soll zurück zur Straße gehen. Ob irgendjemand damit nicht einverstanden ist? Naja, ich würde schon gerne weiterfahren, aber die Münze hat gesprochen, also lasst uns umdrehen. Jetzt sind die anderen anscheinend auch heiß drauf, ein bisschen was zu erleben und innerhalb weniger Augenblicke ist entschieden: wir fahren weiter und folgen der Piste.

Es geht gut weiter mit Schotter, nur vereinzelt liegen Sandfelder vor uns, in einigen tiefen Spuren steht Wasser – es hat letzte Woche heftig geregnet. Natürlich bleibt es nicht so. Weniger Schotter, mehr Sand, mehr Schweiß, weniger Lust weiterzufahren.Aber wir wollten es so, also durch da. Wir quälen uns voran, wenn auch recht langsam. Immer wieder strauchelt einer von uns, kann seine Maschine gerade noch so abfangen. Das bleibt nicht so. Ich weiß nicht, wer als erster in den Sand fiel, es spielt auch keine Rolle, denn früher oder später sind wir alle dran. Der Schweiß läuft mir in die Augen, den Rücken runter, in Jacke und Hose, überall hin, im Handschuh ist Sand und auch unter der Uhr kratzt es. Der Schotter ist fast vollständig weichem Sand gewichen. Und wir haben gerade mal 10 Kilometer hinter uns! Irgendwann stehen wir an einer „Kreuzung“, rechts ein Zaun mit offenem Gatter, dahinter ein kahles Feld mit losem Sand. Rechts ein etwas besserer Weg, ein paar hundert Meter weiter können wir kleine Hütten erkennen. Also hin da und den hinkenden Bauern gefragt, wo es lang geht. Er deutet zum Zaun, ja, da geht es lang, bis zu einem steilen Berg und dann immer weiter. Aha. Wir fahren über das Feld, nach einem Kilometer stehen wir vor einem steilen Anstieg, vielleicht etwas mehr als hundert Meter lang.  Die sandige Spur in der Mitte misst keinen Meter in der Breite, rechts und links daneben Auswaschungen vom letzten Regen. Das obere Ende ist nicht zu sehen, also kraxle ich zu Fuß hoch, um zu sehen, wie es dahinter weiter geht. Könnte gehen. Mark “Atley” Atley traut sich als erster, trifft die Spur ziemlich mittig und schafft es langsam aber stetig nach oben. Nicht vergessen: wir alle sind schwer bepackt, die Gepäckrollen und bei Ferg zusätzlich ein Reifen sorgen für einen hohen Schwerpunkt. Die KLRs der Jungs sind 90 (!) Kilogramm leichter als die XT1200Z. Matt geht’s als nächster an, danach Ferg, der links in die Rinne gerät und stecken bleibt. Ich schiebe und mit vereinten Kräften schafft auch er es nach oben. Ich bin an der Reihe, bringe die schwere Fuhre fast nach oben, als auch ich in eine der Rinnen gerate, langsamer werde und irgendwann irgendwie – eigentlich schon im Stand – das Bike langsam nach rechts ablege. Mist, fast hätte ich es geschafft. Egal, Schäden am Bike gibt’s keine, die Jungs packen mit an, und kurze Zeit später bin auch ich oben.


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Pause mit Aussicht


Vor uns breitet sich eine trostlose, öde Ebene aus. Soweit das Auge reicht nur Sand, Geröll und Kakteen.

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Am Horizont sehen wir einen Hügel und können die Piste sehen. Da müssen wir also hin. Hin und wieder hängen kleine weiße Plastikschilder an großen Kakteen, darauf schwarze Pfeile, die uns die Richtung weisen. Drei Meter breit, sandig, rechts und links eine kleine Böschung, dahinter Wüste – mehr sehen wir in den nächsten Stunden nicht. Wir suchen die optimale Geschwindigkeit, mehr als einmal gehen wir alle im weichen Sand zu Boden, immer langsam, ohne Verletzungen und wir können alle noch darüber lachen. Jeder hilft jedem und unsere GoPro-Kameras  dürften gutes Material aufgenommen haben. Ferg gerät in sehr weichen Sand, hält an, gibt etwas zu viel Gas und hat sich in Null Komma nix bis zum Nummernschild eingegraben. Wir ziehen und schieben ihn wieder raus.

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An einigen Wasserlöchern mitten auf der Piste stehen Kühe, hin und wieder auch Esel und sogar Wildpferde. Ich nehme an, dass sie wild sind, denn ich kann mir nicht vorstellen, wie man sie hier in der scheinbar endlosen Weite jemals wieder einfangen will.

Es ist schön spät, wir haben gerade mal 20 Kilometer geschafft und sind langsam alle völlig erschöpft. Natürlich zeigt das Navi hier nichts an, außer einem dünnen hellblauen Strich – unsere gefahrene Route.


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Mein “Arbeitsplatz”


Die nähert sich immerhin langsam dem Meer, und wir wünschen uns nichts sehnlicher, als vom Bike abzusteigen, die durchgeschwitzten Klamotten abzuwerfen und mit Anlauf in den Pazifik zu springen. Zehn Kilometer später machen wir genau das, nachdem wir rechts neben uns ein paar hundert Meter entfernt das Meer sehen. Der Weg dorthin ist noch einmal sandig, was sonst, aber wir schaffen es. 30 Kilometer in vier Stunden. Mit kurzen Pausen. Ausziehen, ab ins Meer, abkühlen. Wahrscheinlich haben wir rechts und links jeweils 20 Kilometer Strand für uns allein, die Wellen sind hoch, die Strömung kräftig. Ich kann mich nicht erinnern, mich während der Reise schon mal so auf ein Bad im Meer gefreut zu haben.


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Camping hinter den Dünen


Zelt hinter den Dünen aufbauen, kochen, schlafen – wir sind fix und fertig, aber stolz.

Sonnabend, 8. September 2012

Der Nachteil, wenn man mit mehreren Personen reist, ist, dass mindestens einer immer auf mindestens einen anderen warten muss. Meist bin ich der, der wartet, weil ich wenig Lust habe, in der Wüste erst gegen zehn Uhr morgens los zu fahren. Wie dem auch sei, wir sind einigermaßen erholt und machen unsere Sache besser als gestern. Die Piste bessert sich langsam, bleibt aber anspruchsvoll – der Dalton Highway nach Prudhoe Bay in Alaska ist eine Autobahn dagegen. Nach einer Weile sehen wir eine Hütte und freuen uns schon, die Kreuzung zur MEX 1 gefunden zu haben. Wir fragen vorsichtshalber trotzdem nach der Richtung. Als wir die Helme abnehmen, müssen wir ziemlich fertig aussehen, denn der Mann, der aus seiner Hütte kommt holt einen großen Krug mit Wasser und Gläser für uns – das tut gut. Kaum haben wir das erste Glas leer, sehen wir, wie seine Frau an einem Brunnen steht und Eimer nach oben kurbelt. Egal, wird schon alles sauber sein, gefiltert durch mehrere Meter Sand. Er kann ein bisschen Englisch, wir ein bisschen Spanisch und so unterhalten wir uns – wenn auch eingeschränkt – bestimmt eine Viertelstunde lang. Er habe einige Jahre in Los Angeles als KFZ-Mechaniker gearbeitet, aber seine amerikanischen Chefs hatten an seiner Arbeit immer etwas auszusetzen, vielmehr daran, dass er Mexikaner ist. Irgendwann reichte es ihm, er ging zurück und ist nun Fischer. Viel zu holen ist hier allerdings nicht mehr, sagt er. Auf seinem Hof stehen ein paar Esel und Pferde, einige Hunde laufen umher. Strom? Nada. Zumindest nicht von einer Überlandleitung. Auf dem Dach liegen ein paar Solarzellen, damit haben er und seine Frau immerhin Licht. Eine Sat-Schüssel haben sie auch, aber zum Fernsehen muss der Generator laufen. Ich spreche ihn auf sein T-Shirt an, darauf zu sehen: ein Rallye-Truck, natürlich von der „Baja mil“, der berühmten Rallye Baja 1000, die hier auf der Halbinsel ausgetragen wird. Als er uns sagt, dass die Rallye-Strecke hier an seiner Hütte vorbeiführt und wir genau darauf fahren, macht uns das schon ein bisschen stolz. Als er uns aber sagt, dass die Renn-Profis hier mit rund 160 km/h langbrettern, sehen wir ganz schön alt aus, obwohl ich nicht weiß, ob er die Auto- oder Motorradfahrer meint. Fakt ist: wir sind noch nicht an der Kreuzung angekommen, aber der Fischer meint, es seien nur noch sieben Kilometer. Nach elf erreichen wir endlich die Haupt-Piste, so möchte ich es mal nennen.


Breiter, fester, weniger sandig – wir kommen gut voran und auf einem besonders schönen Schotterstück beschleunige ich kurz auf 90, bevor ich mir denke: Ich möchte hier lieber nicht im Kaktus landen, zumal wir seit gestern früh kein Handynetz mehr haben. Also gesittet weiter. Ein paar Fotostopps später zeigt das Navi nur noch wenige Kilometer bis zur MEX 1 an. Wir heben die Fäuste, freuen uns, es geschafft zu haben, freuen uns, mal auf der Originalstrecke der Baja 1000 gefahren zu sein, und freuen uns, endlich wieder Asphalt unter den Reifen zu haben. 80 Kilometer Offroad – das meiste davon im weichen Sand, unser Bedarf ist erst einmal gedeckt.

Es geht nach Süden, nach Cabo San Lucas, einer Hochburg für amerikanische Touristen, vornehmlich Reiche. Eigentlich nichts für uns, aber wir wollen die Baja an der Südspitze umrunden, zudem soll es dort ganz nett sein. Wieder gart uns die Sonne ordentlich durch, und als wir in Cabo ankommen ist es bereits früher Abend und wir sind müde und durstig. Offensichtlich teure Bettenburgen steuern wir erst gar nicht an, aber es ist nicht leicht, etwas für uns passendes zu finden. Nach einem Tipp fahren wir zu einem Hotel, etwa 15 Kilometer außerhalb von Cabo. Leider ist auch das zu teuer. Immerhin hat es ein offenes W-Lan-Netz und wir checken auf den Stufen der Rezeption, wo wir günstiger unterkommen können. Mark II findet ein Hostel mitten in der Stadt. Mir macht die Hitze schwer zu schaffen, ich schwitze ohne Ende und jede Minute im Stand wird zu Qual. Wieder zurück in Cabo entpuppt sich das Hostel Cabo Inn wirklich als kleine, günstige Oase mitten in der Stadt. Für umgerechnet 20 Euro pro Nase gibt’s Doppelzimmer mit Klimaanlage, einen kleinen Pool auf dem Dach, eine schöne Lounge-Ecke zum rumgammeln, einen schön bepflanzten Innenhof, in den wir sogar unsere Bikes schieben dürfen, die nun vor den Eingangstüren der anderen Zimmer und direkt neben dem Gemeinschafts-Küchentisch stehen.  Perfekt. Und wirklich empfehlenswert.

Wir zahlen gleich für zwei Nächte, denn die Jungs haben ein paar Dinge an ihren Bikes zu erledigen, außerdem brauchen wir nach den Strapazen der letzten zwei Tage mal wieder einen Ruhetag. Die Yamaha ist schön dreckig, und das soll möglichst auch so bleiben. Die Jungs lassen ihre Bikes waschen und als sie wieder im Hostel stehen, fragt einer der Angestellten, ob sie fast neu seien. Genau das will ich vermeiden. In ein paar Tagen geht’s aufs Festland und je weniger die Yamaha dort auffällt, desto besser. Technisch fällt sie seit dem Start der Tour vor nunmehr rund 20.000 Kilometern (ca. 5000 hatte sie bereits drauf, als es losging) überhaupt nicht auf. Sie bringt mich ohne Macken und Probleme überall hin, hat bislang nicht ein einziges Mal Ärger gemacht. Der Schlüssel, der zu Beginn der Reise immer etwas hakig ins Zündschloss und die Kofferschlösser ging, hat seine Widerspenstigkeit schon lange verloren. Vielleicht lag es damals wirklich nur am neuen Schlüssel, der noch ein paar scharfe Kanten hatte. Vor ein paar Tagen habe ich bei Kilometerstand 24000, also 4000 Kilometer nach der letzten Durchsicht, etwas Öl nachgefüllt. Mittlerweile stehen 26000 Kilometer auf dem Tacho und wäre das ein Dauertest der Zeitschrift MOTORRAD, wäre nun die Halbzeit erreicht. Für die weitere Tour bin ich absolut zuversichtlich, dass ich keinerlei Probleme haben werde. Hoffentlich stimmt das.

Während Matt und die beiden Marks an ihren Bikes losvibrierte Schrauben anziehen, lehne ich mich entspannt zurück. Während sie alle 500 Kilometer ihre Ketten schmieren, mache ich nichts. Und an der Tankstelle? Da lache ich, denn wir stellen fest, dass ich nach 250 Kilometern nur exakt 1,1 Liter mehr verbrauche, als Matt mit seiner Kawasaki KLR 650, die knapp ein Drittel der Leistung und etwas mehr als den halben Hubraum der XT1200Z hat. Klar, Äpfel kann man nicht mit Birnen vergleichen, aber das zeigt zum einen, dass eine große Reiseenduro nicht zwangsläufig ein Spritschlucker sein muss. Es zeigt aber auch, dass ich die 110 PS der Yamaha fast niemals abrufe. Das muss ich auch nicht, denn Landstraßen in Alaska, Kalifornien, Mexiko oder Chile sind nicht die A81 in Deutschland. Reisen statt Rasen, Souverän mit jeder Menge Drehmoment im sechsten Gang die geschwungene Bergstraße hochziehen, den langsamen LKW mit einen kurzen Dreh am Gasgriff hinter sich lassen – man braucht die Leistung selten, dennoch schön zu wissen, dass sie da ist. So, genug der Lobhudelei für die XT. Aber ich bin wirklich begeistert.

Sonntag, 9. September

Ruhetag. Keine besonderen Vorkommnisse 


Veröffentlicht von panamericana am 7. September 2012

Tacos, Pesos und drei Australier in Mexico

Fünf Kilometer vor der Grenze nach Mexiko werde ich doch etwas nervös. Stimmt alles mit den Papieren? Muss ich hier schon Spanisch sprechen (was ich bislang leider so gut wie gar nicht kann)? Was erwartet mich direkt hinter der Grenze? Ich reise am kleinen Grenzstädtchen Tecate nach Mexiko ein. Dieser Grenzübergang ist deutlich kleiner und ruhiger als der berüchtigte in Tijuana, etwa eine halbe Stunde westlich von hier. Ich hatte keine Lust auf 20 Spuren Richtung Mexiko, außerdem ist es Freitagmittag und wahrscheinlich sind viele Mexikaner, die in den USA arbeiten (ja, das ist wirklich so) auf dem Weg ins Wochenende und wollen nach Hause.

In Tecate ist nicht viel los. In der Schlange stehen vielleicht 15 Fahrzeuge, also warte ich. Bis ein mexikanischer Offizieller kommt und sagt, dass ich in der Schlange für Gewerbefahrzeuge stehe und die anderen PKW vor mir auch falsch stehen. Ich könne die Spur daneben nehmen und gleich vorfahren. Ich rolle auf die Schranke zu, die Ampel wird grün und schon bin ich in Mexiko. Das war ja einfach. Aber ich brauche eine Touristenkarte für die Einreise und eine Bescheinigung, dass ich das Motorrad wieder aus den USA ausgeführt habe. Die Yamaha stelle ich vor einem Geschäft ab und gehe zu Fuß die 50 Meter zurück zum amerikanischen Zoll. Ich erkläre dem Beamten, dass ich einen Nachweis brauche, dass ich das Motorrad wieder ausgeführt habe – einen Stempel oder irgendetwas anderes. Er versteht nicht ganz, warum ich das brauche, schickt mich dann aber zu einem Kollegen der für Fahrzeuge zuständig ist. Ja, das kann er machen, aber er müsse die Fahrgestellnummer sehen; Mist, das hatte ich vergessen und das Bike steht schon in Mexiko. Kein Problem, ich solle einfach nochmal eine Runde ums Gebäude drehen, wieder in die USA fahren und bei ihm halten. Zum Glück ruft er mir noch zu, dass ich nicht in der Schlange Richtung USA warten muss, sondern gleich vorfahren darf.

Es geht also zurück in die Staaten, ich fahre mit dem Beamten zu einer Halle, erkläre dort nochmal, wofür ich den Stempel brauche und bekomme ihn dann, ohne dass sich einer der Beamten die Fahrgestellnummer ansieht.

Es geht wieder nach Mexiko und ich hole mir die benötigte Touristenkarte von einem Beamten, der sich nur schwer von seinem Fernseher auf dem Schreibtisch trennen kann. Die 24 Dollar für die Karte zahle ich bei der Bank ein, die gleich neben der Einwanderungsbehörde liegt. Klingt schwierig, ist aber einfach, weil man hier noch nicht unbedingt Spanisch sprechen muss und die Mitarbeiter das jeden Tag viele Male machen und sofort wissen, was zu tun ist. Der Beamte nimmt die Quittung und fragt, wie lange ich in Mexiko bleiben will. Eigentlich nur ein paar Wochen, er schreibt mir trotzdem 180 Tage auf – soll mir auch recht sein.

Ich bin nun in Mexiko, der Stempel ist im Pass. Das Motorrad führe ich erst in La Paz im Süden der Baja California offiziell ein, man muss es nicht gleich an der Grenze machen. Das kommt mir sehr gelegen, denn es ist heiß und in den Motorradklamotten läuft mir mittlerweile der Schweiß nur so herunter. Endlich rauf aufs Bike und los, der Fahrtwind macht die 32 Grad einigermaßen erträglich. Mein erstes Ziel ist Ensenada an der Westküste der Baja California, nur etwa 100 Kilometer entfernt. Die Straße dorthin ist schmal, kaum befahren und in relativ gutem Zustand. Leider erinnert mich die Landschaft wieder an Arizona und Utah – Wüste. Leider deshalb, weil ich so langsam genug von Wüste habe und gerne mal wieder länger als ein paar Tage Bäume, grüne Wiesen und Wälder sehen würde. Ich sehne mich nach Montana und Wyoming zurück  zumindest was die Landschaft angeht.

In Ensenada halte ich am Walmart, kaufe Wasser und Bananen. Ein paar Parkplatz-Reihen weiter stehen drei Motorräder. Einer der Fahrer schiebt anscheinend Wache, während seine Freunde einkaufen. Als alle da sind fahre ich zu ihnen rüber und sehe schon das Nummernschild aus Alberta/Kanada – die Jungs (Mark, Matt und Mark – ich passe hervorragend rein  sind also auch auf einer größeren Tour. Wir unterhalten uns etwas und da die drei ungefähr wissen, wo ein gutes Hostel liegt, fahre ich mit ihnen gemeinsam weiter. Knapp 70 Kilometer sind es bis dorthin, doch in der Nähe haben wir Schwierigkeiten, das Hostel zu finden. Matt und Mark sprechen etwas Spanisch und fragen ein paar Mal nach dem Weg. Die Straße führt weg von der großen Mex-1, die sich der Länge nach durch die gesamte Baja California zieht. Zehn Kilometer von der Hauptstraße entfernt wird aus Asphalt Schotter, die Umgebung sieht ganz und gar nicht so aus, als wenn hier ein Hostel stünde. Wir fragen ein paar Amerikaner, die vor ihrer Wochenend-Hütte Bier trinken. Sie erklären uns den Weg und ein paar Minuten später stehen wir tatsächlich vor dem Hostel, das direkt am Meer liegt, etwas oberhalb auf einer Steilküste. Es gibt kaum andere Gäste und so haben wir vier ein großes Zimmer mit Küche für uns allein. Rick, der Besitzer, gibt uns den Tipp, dass man am Strand Muscheln fürs Abendessen suchen kann.

Mark und Mark brauchen eine Weile, kommen dann aber mit einem Dutzend großer Muscheln zurück. Einige von ihnen sind schon offen, wir sortieren sie lieber aus. Reis und frisches Muschelfleisch – das erste Abendessen in Mexiko kann sich sehen lassen. Wir unterhalten uns, trinken Bier und fallen irgendwann erschöpft in die Betten.

Samstag, 1. September 2012

Mein Hinterreifen ist noch der von Carey aus Calgary, und mittlerweile völlig abgefahren, zumindest in der Mitte. Die neuen Heidenau K 60 Scout müssen rauf, Rick vom Hostel erklärt mir den Weg zu einem Reifen-Mechaniker in der Nähe, der sehr gut und günstig sein soll. Ich finde ihn, bin aber zunächst skeptisch, denn sein Laden sieht aus, wie ich mir Werkstätten in Afrika vorstelle. Überall liegen alte Reifen verstreut herum, eine uralte Reifenmontiermaschine steht vor der Hütte auf dem festen Sandboden, ein Kompressor verliert zischend Luft, in einem halbierten LKW-Reifen schwappt Seifenlauge.


 

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Reifenwechsel bei Julio – für 4 Dollar


Aber er wird schon wissen, was er tut. Ich erkläre was ich will (was nicht schwer ist, wenn man zwei Reifen auf dem Gepäckträger hat) und baue das Hinterrad aus. Er nimmt nicht etwa die Maschine, um den Reifen abzuziehen, sondern herkömmliche Montiereisen und die Seifenlauge. Julio ist geschickt, weiß was er tut und innerhalb weniger Minuten kriegen wir zusammen den alten Schlappen von der Felge und den neuen genauso schnell wieder rauf. Gleiches Spiel vorne.


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Julio macht das schon, wenn auch auf die altbekannte Art mit Montiereisen.
Es ist der zweite Tag in Mexiko, ich weiß noch nicht wirklich, wie viele Pesos ein Dollar sind. So ungefähr weiß ich es, und auf dem Rückweg zum Hostel kommen mir die 50 Pesos doch verdammt wenig vor. Nur 4 Dollar für das Wechseln von zwei Reifen? Hostel-Besitzer Rick sagt, das stimmt schon so, manche verlangen 100 Pesos, aber Julio eben nur 50. Ob ich Trinkgeld gegeben habe? Nein, weil ich noch nicht wusste, was und wie viel und überhaupt. Als wir eine halbe Stunde später voll bepackt wieder an der Reifenbude vorbei kommen, halte ich nochmal an und drücke Julio drei US-Dollar in die Hand – Rick meinte, das wäre okay. Das Gewissen beruhigt, alle sind glücklich, niemand fühlt sich abgezockt und ich kann immer noch nicht glauben, wie billig es war.

Die nächsten Kilometer sind langweilig, staubig, trocken und wieder sehr heiß – es hat deutlich über 30 Grad Celsius. Wir halten nur, um ein paar Fotos zu machen, Mittag essen wir in einer typisch mexikanischen Imbissbude. Fleisch-Tacos, dazu Cola – gut und günstig. Nach den zwanzig Dollar, die wir letzte Nacht pro Kopf für das Hostel gezahlt haben ist uns allen nach Gratis-Camping, am besten am Strand.


Irgendwann biegen wir einfach nach rechts von der Straße auf eine Schotter-/Sandpiste ab. Das Navi zeigt eine dünne graue Linie, die zum Meer führt. Wenn der Weg im Navi vermerkt ist, wird er schon nicht so schlimm sein. Denken wir. Zunächst geht es gut voran, auf dem Feldweg haben wir kaum Probleme, auch wenn einige Anstiege schon recht steil und von Auswaschungen zerfressen sind. Immer öfter mischen sich Sandpassagen in den Boden, aber es geht langsam voran. Plötzlich stehe ich auf einer Anhöhe, vor mir breitet sich eine große Ebene aus, der Strand ist schon zu sehen. Aber vorher müssen wir runter, und zwar verdammt steil und steinig. Ich bin vorne und sehe schon, dass es knifflig wird. Vom Weg nach rechts abweichen? Geht nicht, dort ist ein steiler Hügel. Nach links? Auch schlecht, tiefer Sand und Hügel. Tja, ich stehe leider vorn, gebe den anderen ein Zeichen lieber erst mal weiter oben zu warten und eventuell doch einen anderen Weg nach unten zu nehmen. Am liebsten würde auch ich umdrehen, doch der Weg ist sehr schmal. Also runter. Irgendwie. Ich fahre los, versuche, der tiefen Auswaschung in der Mitte des Weges nach links auszuweichen, bremse vorn und hinten, das ABS regelt und ich bin sicher, dass ich ohne schon mit blockiertem Vorderrad am Boden wäre. Ich mache ein paar gewaltige Sätze über die tiefen, sehr nahe beieinander liegenden Bodenwellen und denke: Scheiße, das geht nicht gut mit dem voll beladenen Bike. Doch dann bin ich unten, heil und ohne Sturz, sicher auch mit jeder Menge Glück. Ich stelle die Yamaha ab, kraxle hoch zu Matt und empfehle ihm, lieber einen anderen Weg zu nehmen und prophezeie, dass er vermutlich stürzen wird. Er will es trotzdem versuchen, sieht sich den Weg genau an, macht seine Sache auch ganz gut, aber an den wirklich tiefen Bodenwellen an einer Steilen Stelle erwischt es ihn und er stürzt nach links in den Dreck. Zusammen heben wir sein Bike auf und lassen es nun nach unten rollen, ich halte es mit fest.


Der Abschnitt hinter Matt sieht hier völlig harmlos aus, hatte es aber durchaus in sich mit den voll beladenen Bikes.
Mark stand derweil mit der Kamera unten und die ganze Sache gefilmt. Im Video kann man leider wirklich nicht gut erkennen, wie steil das war. Die beiden Marks entscheiden sich nun doch, lieber einen anderen Weg zu nehmen. Alle schaffen es nach unten und wir stoßen mit einem kühlen Bier an, das wir zuvor in der letzten Ortschaft gekauft haben. Die restlichen Kilometer zum Meer sind kein Problem, wir bauen unsere Zelte hinter den Dünen auf, kochen am Strand und machen am Abend ein großer Lagerfeuer.

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Lagerfeuer, Vollmond, Camping am Strand, Bier und nette Leute – was will man mehr?
Überall am Strand liegt trockenes Treibholz, innerhalb weniger Minuten sammeln wir einen ansehnlichen Berg. Hinter uns geht am Horizont der Vollmond auf.

Sonntag, 2. September

Es geht wieder durch die Hitze bis wir endlich unser Ziel erreichen. Wir erinnern uns an den Tipp vom ersten Hostel-Besitzer, biegen links im ersten Kreisverkehr ab und kommen nach ein paar Kilometern zu einem Strand, an dem ein paar alte Wohnmobile als dauerhafte Behausung stehen, zwei große, neue Fischerboote auf Trailern und ein gemietetes Wohnmobil aus den USA mit einem Paar Mitte 40, das davor Bier trinkt. Sieht nett aus hier, der Strand ist zwar klein aber schön und für fünf US-Dollar pro Person campen wir nur wenige Meter vom Strand entfernt. Zum Abendessen fahren wir ins Dorf, wieder gibt’s Tacos. Warum auch nicht, sie schmecken überall anders und meistens wirklich gut, sind zudem billig und immer frisch.

Während der Nacht sind alle vier Eingänge am Zelt offen, ich lasse sogar die Moskitonetze auf, damit mich wenigstens ein Hauch von Luft etwas abkühlt. Mücken gibt’s hier am Strand kaum.

Montag, 3. September


Pause in der Wüste.
Bis Guerrero Negro sind es knapp 200 Kilometer, auf denen die Landschaft genauso aussieht wie gestern: Sand, Geröll, dazwischen viele Kakteen und flache Büsche. Nichts für verwöhnte Augen.


Rechts und links gibt’s nicht viel zu sehen.
Wir tanken und fragen den Tankwart nach einem guten Hotel. Wir können es schon sehen, fahren rüber und entscheiden uns dann doch lieber für ein anderes – es sah wirklich nicht so gut aus. Für umgerechnet 16 US-Dollar pro Person checken wir dann in einem ordentlichen Hotel ein, und weil der Hinterhof im Schatten liegt und sonst keine Gäste da sind, pflegen wir etwas unsere Motorräder.


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Ich wechsele den Luftfilter der Yamaha, obwohl es laut Wartungsplan noch nicht nötig wäre. Dann kümmere ich mich um meinen Tankrucksack, denn leider ist beim letzten Tanken das dünne Band gerissen, mit dessen Hilfe der Verriegelungs-/Öffnungsmechanismus betätigt wird, um den Rucksack vom Tank zu trennen – mit etwas Geduld und Matts Nagelfeile vom Leatherman konnte ich ihn immerhin noch fürs Tanken abnehmen. Jetzt löse ich den Mechanismus, schraube die ganze Sache mal auseinander und sehe es mir an. Leider kann ich das dünne Band nicht ersetzen, weil keiner von uns etwas Passendes oder Ähnliches dabei hat. Irgendwie schaffe ich es, ein dickeres Band an das kurze Ende vom dünnen Band zu knoten und kann so immerhin den Mechanismus wieder betätigen. Es geht allerdings ziemlich schwer. Ich borge mir Sprühöl von Mark und sprühe die komplette Mechanik und den kleinen Kanal, durch den das Band läuft mehr als reichlich mit Öl ein. Viel besser.

Zum Abendessen gehen wir ein Restaurant, das wirklich gut aussieht – es könnte auch in Deutschland sein. Es ist teuer, das Essen ist okay, aber schon nach wenigen Bissen von meinem gebratenen Hühnchen habe ich ein komisches Gefühl. Nicht im Bauch, das kommt erst später…  Am nächsten Morgen erzählt mir Mark, dass er letzte Nacht drei Kapitel vom „Da Vinci Code“ auf dem Klo gelesen hat. Ich habe nur leichte Probleme, schön ist es trotzdem nicht.

Dienstag, 4. September 2012

Der heutige Eintrag würde dem von gestern ähneln, wenn wir nicht auf einem Campingplatz am Meer gelandet wären. Soweit nicht ungewöhnlich. Jedoch ist auf dem gesamten Platz niemand zu sehen, ein Büro oder etwas Ähnliches gibt es nicht und die meisten Wohnwagen inklusive deren „Vorgärten“ sehen so aus, als wenn in den letzen Tagen niemand hier gewesen ist. Wir parken am äußersten Ende des Platzes, direkt neben einem schönen, großen Wohnwagen mit großer überdachter Terrasse – ja, ihr könnt euch schon denken, was jetzt kommt.


Nein, wir sind natürlich nicht in den Wohnwagen eingebrochen. Seit etwa einer Stunde ist der Himmel hinter uns ziemlich dunkel, dichte Wolken hängen tief über den nahe gelegenen Bergen – es ist nur eine Frage der Zeit, bis es anfängt kräftig zu regnen. Der gesamte Platz ist verwaist und wir hatten von Anfang an die Idee, eventuell auf die Terrasse des Wohnwagens auszuweichen. Ein Nummernschild aus Arizona und die Dekoration lassen auf Amerikaner schließen, die hier regelmäßig ihr Wochenende verbringen. Kurze Zeit später regnet es, wir packen unseren Kram und ziehen auf die etwa 20 Quadratmeter große Terrasse, immer in der Hoffnung, dass der Besitzer nicht doch noch auftaucht. Daher packen wir noch nicht viel aus, die Schlafsäcke bleiben in den wasserdichten Packsäcken auf den Bikes. Aber wir kochen, denn auf der Veranda ist eine offene Sommerküche, sogar das Wasser läuft und der Gasherd ist angeschlossen!

Wir können unser Glück kaum fassen, und haben auch kein schlechtes Gewissen, das wir hier fremdes Eigentum benutzen. Wir sind vorsichtig, lassen alles sauber und die wenigen Milliliter Gas die wir verbrauchen sind nicht der Rede wert. Es gibt Nudeln und Gemüse, anschließend lesen wir im Licht unserer Stirnlampen bis wir sicher sind: Heute kreuzt hier kein Besitzer mehr auf. Wir rücken den Esstisch beiseite, Mark und Mark bauen ihre kleinen Zelte auf der Terrasse auf – natürlich ohne Überwurf, sondern nur das Insektennetz –  Matt und ich schlafen nur auf den Matratzen, ohne Zelt. Ob das gut geht?

Montag, 5. September 2012

(Am 5. Juni ging mein Flieger nach Anchorage, seit genau drei Monaten bin ich heute unterwegs. Dem ursprünglichen Plan nach wäre nun die Halbzeit erreicht. Daraus wird wohl nichts, ich bin sicher, dass ich mindestens einen, wenn nicht sogar zwei Monate länger unterwegs sein werde.)

Die Nacht war furchtbar. Mangels leichtem Bettlaken decke ich mich zur Hälfte mit dem für hier viel zu warmen Schlafsack  zu – und schwitze ohne Ende. Ich wedle ihn auf und ab, um wenigstens etwas Luft an die Haut zu lassen. Zwecklos. Ohne den Schlafsack kommen die Mücken, die schon jetzt um meinen Kopf surren. Ich blicke auf die Uhr, noch nicht mal Mitternacht. Scheiße, wie soll ich es hier stundenlang aushalten? Immer wieder nicke ich ein, werde von der Hitze wieder wach. Gegen 2 Uhr gehe ich im Mondlicht zum Motorrad, hole mein Mückenspray, sprühe mich großflächig ein und schlafe einigermaßen durch. Bis uns morgens um sieben Uhr ein militärischer Trompeten-Song weckt, wie man ihn nur aus schlechten Filmen kennt. Ein paar hundert Meter neben uns ist eine Kaserne und die Soldaten treten wohl gerade zum Morgenappell an. Wir schälen uns aus den Laken bzw. Schlafsäcken, ich koche Kaffee in der „Küche“ und wir beginnen, unsere auf der ganzen Veranda verstreute Ausrüstung wieder auf den Bikes zu verstauen. Plötzlich kommt ein dicker Mann an den Wohnwagen, rot geringeltes Hemd, Schnauzbart, weiße Gummistiefel. Er hält mir einen abgegriffenen Zettelblock hin, auf dem Zahlen in Dollar und Pesos stehen, dahinter die Wörter für Tag, Woche und Monat. Er kassiert 130 Pesos für uns alle zusammen, etwa 10 US-Dollar. Perfekt. Als er weg ist freuen wir uns alle über den Umstand, dass es ihn nicht im Geringsten gestört hat, dass wir auf der Veranda eines fremden Wohnwagens „gezeltet“ haben.

Unser Tagesziel Loreto liegt nur rund 200 Kilometer entfernt, von daher habe ich kein Problem damit, dass wir wieder erst gegen 10 Uhr abfahren. Die konstant 33 Grad sind während der Fahrt einigermaßen zu ertragen, aber bereits nach zwei Minuten im Stand bricht mir bzw. uns der Schweiß aus allen Poren. Die Landschaft verändert sich zusehends. Noch vor zwei Tagen dominierten Sand, Staub, Geröll, flache Büsche und Kakteen das Bild rechts und links der schmalen Straße. Hier, wo es anscheinend öfter regnet, ist es deutlich grüner, die Büsche sind größer, wir sehen einzelne Bäume und je weiter wir nach Süden fahren auch immer mehr Palmen. Flache Gräser in hellem Grün bedecken den Boden – die Wüste lebt. Zumindest nach dem Regen.

Ich klicke die GoPro-Kamera von Matt auf meinen Gepäckträger, fahre voraus und filme die drei hinter mir. Nah ran, weit weg, überholen, in V-Formation hinter mir, durch Kurven zirkelnd – etwa zehn Minuten lang filmen wir schöne Szenen, die Mark heute Abend wieder in einem Video verarbeiten wird.

Wir passieren die Bahia de Concepcion und sehen alle paar Kilometer schöne Buchten mit hellem Sand, darauf alte Hütten aus Bambus. Vor der Küste liegen kleine Inseln, anscheinend unbewohnte Felsen. Auf halbem Wege halten wir an einem kleinen Supermarkt, kaufen Kekse, Joghurt, Süßigkeiten, Getränke – und Tequila. Für heute Abend. Wieder geht es in die Hitze, zum Glück brennt die Sonne heute nicht so sehr wie gestern, Wolken hängen am Himmel.

In Loreto halten wir an einem Straßen-Imbiss zum Mittagessen. Oh. Mein. Gott. Zum Glück steht neben der spanischen Beschreibung auch das englische Wort. Hirn, Augen, Lunge und Fleisch vom Rind, entweder einzeln oder durch den Wolf gedreht im Mix. Mir wird schon von Ansehen der grauen Masse schlecht, die ein bisschen wie Dosen-Thunfisch aussieht und ich lasse den anderen den Vortritt. Sie holen sich den Hirn-Lungen-Augen-Taco-Mix, ich entscheide mich für einen großen, leckeren Nuss-Muffin von der Bäckerei gleich nebenan. Die hatten die anderen nicht gesehen und auch ich erst, als die Jungs schon bestellt hatten. Anscheinend schmecken die Tacos so wie sie klingen, jedenfalls gehen alle direkt nach dem Essen ebenfalls in die Bäckerei und holen sich einen leckeren Nachtisch. Geschmeckt haben die Tacos diesmal nämlich nicht – na sowas aber auch!

In Loreto suchen wir uns ein gutes, günstiges Hotel für etwa 16 Dollar pro Person. Klimaanlage und Internet – mehr brauchen wir für heute Nachmittag nicht. Während ich das schreibe, sitze ich auf der großen Terrasse im zweiten Stock, direkt neben einer größeren Nebenstraße, lausche Cafe del Mar und trinke ein Bier, das Mark im Waschbecken mit einem Beutel Eiswürfeln verdammt kalt bekommen hat.

Nach einer Weile bringt Matt den Tequila, der schön weich ist, wenn auch nicht kalt wie das Bier. Direkt vor mir, etwa 60 Meter entfernt auf der anderen Straßenseite wird offenbar ein kleiner Platz für eine Feier hergerichtet. Arbeiter hängen Lampions auf, dicke Frauen stellen Dutzende weiße Plastikstühle in Reih und Glied vor einer Bühne auf. Flaggen werden über den Platz gespannt, Kinder toben auf der Bühne herum. Hoffentlich steigt hier heute schon die Party und nicht erst morgen. Zur Not bleiben wir halt noch eine Nacht.


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