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25.2.2013 Mathias Heerwagen 7. Teil: Mit Windstärke 11 ans Ziel - letzter Teil der Panamericana 2012 von Alaska nach Feuerland

56.000 km fuhr Mathias Heerwagen in 8 Monaten mit der XT1200Z Super Ténéré ABS von Alaska nach Feuerland.

2013-02-25-Mathias Heerwagen-Portrait-Ende der Reise.jpg Das ist garantiert der längste Eintrag bisher, aber es ist auch der letzte. Meinen Traum: Die Panamericana von Alaska nach Feuerland zu fahren - habe ich mir erfüllt.

Sonntag, 13. Januar 2013 
 
In einiger Entfernung steigt zwischen den Bäumen eine gewaltige Staubwolke auf und kommt schnell näher, plötzlich bricht eine bunt beklebte Schrankwand mit Scheinwerferbatterie auf dem Dach aus dem Feldweg. Der Fahrer bleibt anscheinend auf dem Gas, driftet mit seinem Truck vom Schotter auf den Asphalt, zieht eine gewaltige Staubwolke hinter sich her und verschwindet laut röhrend zur nächsten Kurve.

Um von einer Piste zur nächsten zu kommen, fahren die Renn-Trucks auch kurze Stücke auf der Straße.

Unser erster Kontakt mit der Rallye Dakar ist beeindruckend, auch weil wir Zuschauer relativ dicht an die Strecke dürfen. Ein Renntruck nach dem anderen kommt angerast und je nach Geschwindigkeit, Fahrkönnen und Mut des Piloten sieht es mal mehr und mal weniger spektakulär aus, wenn sie Kurve nehmen und die Zuschauer einstauben.

Nach einer halben Stunde haben wir genug von den Trucks und wollen zum nächsten Standort, an dem wir die Motorräder sehen können. Dafür müssen wir auf der Straße fahren, auf der gerade auch die Trucks ein paar hundert Meter unterwegs sind, bevor sie auf den nächsten Schotterweg einbiegen. Ich frage einen Polizisten, ob das wirklich richtig sei und er meint nur, jaja, das passt schon. Na hoffentlich. Tatsächlich fahren Alex und ich kurz mit einem der Trucks während der Wertungsetappe auf der Straße. In den Pausen, in denen kein Truck zu sehen ist, lassen die Polizisten Privatautos passieren, weil es sonst kaum andere Straßen dort gibt und die nicht einen Tag lang komplett gesperrt werden können.

Jetzt also Motorräder. Ich weiß nicht, wer von den Organisatoren diesen Platz für Zuschauer ausgesucht hat, aber wahrscheinlich wollte er uns alle ärgern. Relativ hohe Büsche versperren die Sicht auf die Piste, nur an wenigen Stellen kommt man direkt ran. An den wenigen freien Zugängen drängen sich Zuschauer dicht an dicht, so macht das keinen Spaß. Wir gehen etwas an der Strecke entlang und entdecken eine Gruppe betrunkener argentinischer Jugendliche, die anscheinend ganz lustig drauf sind. Und sie haben einen super Platz direkt an der Piste! Da müssen wir hin.  Es dauert nicht lange und sie rufen und prosten uns zu, und in weniger als einer Minute kennen wir alle, haben Fleisch vom Grill in der Hand und in den nächsten zwei Stunden eine gute Zeit mit den Jungs. Es sind übrigens Brüder mit dem ziemlich deutschen Namen „Werner“. Natürlich stehen gerade an unserem Platz ein paar Polizisten, die uns aber in Ruhe lassen und sogar mitjubeln.  Die Fahrer brettern keine anderthalb Meter von uns entfernt vorbei, jeder wird lautstark gefeiert, wenn er eine Sekunde Zeit findet und die Zuschauer grüßt. Lautstarke Flüche gelten denen, die nicht winken. Die Sonne brennt, es ist sehr heiß und staubig, kein Schatten. Manche Fahrer winken sogar während der Wertungsetappen – und ernten großen Jubel. 
Selbst auf diesem vermeintlich einfachen Streckenabschnitt können wir das unterschiedliche Fahrkönnen der Rallye-Teilnehmer erkennen. Rechts von uns in etwa 70 Meter Entfernung mündet eine leichte Kurve auf das gerade Stück, an dem wir stehen. Klar, das sind alles Profis, aber manche kommen doch deutlich schneller durch die Kurve geflogen und gehen noch früher ans Gas als andere. 
Noch einmal fahren Alex und ich zu einem anderen Streckenabschnitt und schauen auch dort noch eine Stunde zu. Die Rallye-Autos kommen von rechts auf einem geraden und schnellen Stück, dann gabelt sich die Straße nach links und rechts, genau in der Mitte steht ein Baum, die Piloten sollen scharf rechts abbiegen. 
Links befindet sich eine mit Flatterband abgesperrte Auslaufzone, in der keine Zuschauer stehen dürfen. Und plötzlich sehen wir die wahrscheinlich schnellsten Polizeibeamten Argentiniens: Einer der Fahrer macht einen Fehler, biegt links statt rechts ab und steuert einen Bruchteil einer Sekunde lang auf die gesperrte Auslaufzone zu – in der die Cops stehen und fotografieren. So schnell laufende Polizisten haben die Zuschauer hier noch nie gesehen, denn alle lachen, grölen und freuen sich, dass den Beamten mal ein gehöriger Schreck eingejagt wurde. Der Pilot hat seinen Fehler schnell bemerkt, mit einem gekonnten Manöver rasant gewendet und ist mit Vollags in die richtige Richtung verschwunden. 
 
Montag, 14. Januar 
 
Wenn ich das noch wüsste… 
 
Dienstag, 15. Januar 
 
Abgeschleppt 
Wir stehen pünktlich an der Strecke, aber wieder dauert es gut eine Stunde, bis die ersten Motorräder vorbeigeprügelt kommen. Wobei, nicht jeder Fahrer ist auf diesem Abschnitt schnell unterwegs, hier sind die Unterschiede noch deutlicher zu erkennen als gestern.  
Vor uns liegt ein Teilstück mit sehr weichem Sand, mit groben Buckeln und Hügeln, dazwischen überall Büsche. Die Piloten kommen von einem schnellen Abschnitt von links, manche werden kaum langsamer als sie in den Sand kommen, lassen scheinbar das Gas stehen und fliegen förmlich über die Hügel. Andere werden deutlich langsamer, nehmen jeden Buckel einzeln, straucheln und manch einer stürzt sogar. Ein Fahrer kippt mit seinem Bike etwa 20 Meter von der Streckenabsperrung entfernt um und versucht verzweifelt, es wieder aufzurichten. Er schafft es nicht und schreit Richtung Zuschauer um Hilfe. Ich sehe einen Polizisten fragend an, aber der schüttelt nur mit dem Kopf: Es darf niemand auf die Strecke. Eigentlich verständlich, denn tatsächlich fahren ständig andere Piloten vorbei und da machen sich Zuschauer auf der Rennstrecke etwas schlecht.  
Der Pilot versucht es immer wieder, erfolglos. Er schreit noch lauter und nun schlüpft ein Junge unter der Absperrung hindurch, rennt zu ihm, gefolgt von drei Erwachsenen, und gemeinsam ziehen sie das Motorrad aus dem Sand und bringen den Fahrer wieder auf Kurs.  Wieder ist es unglaublich heiß, die Polizisten wechseln sich alle halbe Stunde ab mit dem Dienst an der Strecke. Die Kollegen dürfen solange im Schatten abkühlen. Als Alex und ich durchgebraten sind wollen wir los, aber die Africa Twin springt natürlich mal wieder nicht an. Aber hier sind ja genügend willige Helfer, die die Honda gerne den kleinen Hügel zur Straße hochschieben.  Wir fahren nach La Rioja und haben das Glück, mit den Profis gemeinsam auf der Straße zu fahren. Nach den harten Wertungsetappen stehen jeden Tag noch „Überführungsetappen“ zum nächsten Biwak an, teilweise mehrere hundert Kilometer auf normalen Straßen. Die Piloten fahren vergleichsweise langsam, zwischen 100 und 130 km/h; Alex und ich vermuten, dass es eine Mindestzeit gibt, die die Fahrer einhalten müssen, damit sie nicht zu schnell fahren. Ein Fahrer nähert sich von hinten, ich halte meine GoPro zur Seite raus und er kommt so nah ran, dass ich ihn anfassen könnte. 
Alex fährt hinter mir und meinte später, der Pilot hätte fast an meinem Koffer gelehnt. Rechts und links der Straße stehen und sitzen tausende Fans, die jedem zuwinken und auch uns sehr oft fotografieren, weil sie denken, wir würden die Dakar mitfahren. Dass wir doch etwas anders aussehen und mit Koffern und Gepäckrolle unterwegs sind, scheint sie nicht zu stören. Wir winken immer zurück und schauen in freundliche, lachende Gesichter. An der Tanke fliegt der Schwindel natürlich auf, obwohl uns auch dort Fans umringen und fotografieren. Hunderte Argentinier belagern die echten Rallye-Fahrer, die erschöpft und hungrig dort ankommen, tanken, etwas essen und dann noch einmal 100 Kilometer bis zum Biwak vor sich haben. 
Ich spreche einen kleinen Spanier an, der kaum größer als die Front seines Motorrades hoch ist, und möchte ein paar Daten wissen. 30 Liter Sprit schwappen in den Tanks, unter dem Motorschutz befinden sich zwei Liter Trinkwasser als Notration in einem Extra-Tank, rennfertig wiegt sein Motorrad rund 200 Kilogramm, was ich relativ schwer finde.

Wir fahren weiter durch die Hitze, vor uns ein Begleit-Truck irgendeines Teams. Plötzlich ein lauter Knall, schwarze Gummistücke kommen mir entgegengeflogen, Staub wirbelt vom rechten Fahrbahnrand auf. Ich bremse stark ab und lenke gleichzeitig nach links auf die Gegenfahrbahn. Das Team wird wohl die nächste Stunde damit beschäftigt sein, in der Bullenhitze ihren geplatzten Reifen an der Hinterachse zu wechseln. Das hätte auch ins Auge gehen können, denn ein LKW-Reifen wiegt an die 100 Kilogramm – und wenn einen dann ein größeres Gummistück mit Stahldrähten erwischt…

Je weiter wir uns La Rioja nähern, desto mehr Fans stehen an der Strecke. In der Stadt selbst sind die Straßen gesäumt mit Zuschauern und ich wäre reich, wenn ich einen Euro für jedes Foto bekommen würde, dass sie von mir machen. Ich fahre vor, doch plötzlich sehe ich Alex nicht mehr im Spiegel. Am nächsten Kreisverkehr halte ich und warte, doch er kommt nicht. Wieder ist seine Karre verreckt, und diesmal geht wirklich gar nichts mehr. Selbst Anschieben hilft nicht. Mittlerweile hat sich eine Menschentraube um uns versammelt, jeder gibt schlaue Kommentare ab und nun wird es uns zu bunt. Jetzt kommen zum ersten Mal meine Spanngurte zum Einsatz. Angeblich sind es bis zum Biwak nur noch vier Kilometer, das kurze Stück will ich Alex abschleppen. Eine Schlaufe um meinen Kofferträger, einen um Alex‘ Sturzbügel, Warnblinker an, Tempo 50 ganz rechts – klappt ziemlich gut. Wie wir da so lang zuckeln werden wir genauso gefeiert, wie die Rallye-Fahrer, Alex sagt später, ein Fahrer vom Honda-Werksteam hat beim Überholen mit den Schultern gezuckt als wolle er sagen: „Sowas kommt halt vor!“.

Als wir am Biwak ankommen sind wir völlig fertig. Komplett durchgeschwitzt, hungrig, durstig, lustlos. In das abgesperrte Gelände kommt außer den Mitgliedern der Dakar-Teams niemand rein, wir fragen zwar am Eingang, aber da ist leider nichts zu machen. Es sei denn, wir würden jemanden drinnen kennen…

2013-02-25-Mathias Heerwagen-Galerie-Dakar.jpg

Dakar 2013
Direkt gegenüber ist ein Campingplatz, dort stellen wir die Bikes ab und gehen noch einmal zur Straße. Immer noch kommen Nachzügler an. Plötzlich sehe ich einen Team-BMW mit deutschem Kennzeichen, Alex und ich stoppen ihn und unterhalten uns etwas mit den jungen Fahrern. Das X-Raid-Team ist mit rund 100 Personen vor Ort – ein gewaltiger logistischer Aufwand. Ob sie uns nicht mal kurz mit reinnehmen können? Nix da. In Peru wurde wohl aus dem Camp einiges geklaut, weil irgendwer irgendwelche Leute mitgebracht hat. Seitdem gibt es strengere Kontrollen.

Vor dem Tor wimmelt es immer noch von Fans und wir werden oft gefragt, ob wir auch Dakar-Fahrer seien. Schließlich sehen wir ein bisschen so aus: Alex mit Stiefeln, dreckiger Motorradhose, dreckigem löchrigen T-Shirt, Halstuch und Basecap; ich sehe nicht viel besser aus, beide haben wir lange Bärte. Ein junges Mädel fragt, ob wir sie mit ins Camp nehmen können. Würden wir gerne machen, nur leider kommen wir selbst nicht rein. Als spanisch sprechender europäischer Single, der aussieht wie ein Dakar-Fahrer, hätte man heute vermutlich gute Chancen, nicht allein ins Zelt gehen zu müssen.

Später, als es schon dunkel ist, sagt Alex spaßeshalber, ich könnte an der Yamaha die Koffer abmachen und einfach auf ein anderes Tor zu- und dann wahrscheinlich sofort durchfahren. Einen Dakar-Aufkleber habe ich schon an der Scheibe… Es ist immer noch heiß, wir sind völlig lustlos, wollen kein Zelt aufbauen und sitzen einfach nur auf einer Bank und trinken alkoholfreies Bier, das Alex aus Versehen gekauft hat.

Der Zeltplatz steht offen für jedermann und das ist ein wenig lästig, denn ständig kommen Leute und wollen Fotos von uns und den Bikes machen. Wenn die wüssten. Wir sagen schon immer, dass wir nur Touristen sind und keine Rally-Fahrer, manchmal ziehen kleine Jungs dann schnell die Mützen wieder zurück, auf denen wir gerade noch unterschreiben sollten. Je später, desto lästiger. Einige Leute verstehen nicht, dass wir sie nicht immer verstehen. Wenn sie zehnmal exakt den gleichen Satz sagen und wir immer achselzuckend den Kopf schütteln, wird es auch nicht besser.

Neben uns steht ein kleines Privatteam des Argentiniers Sergio Petrone. Ein Motorrad, zwei Begleitautos mit Anhänger. Unfall. Motorrad kaputt. Dakar beendet. 
 
Mittwoch, 16. Januar 2013 
 
Alex‘ Honda springt schon wieder bzw. immer noch nicht an. Wir tauschen wieder die Batterien, dann geht’s. Jetzt wollen wir endlich genau wissen, was das Problem ist. Alex fragt beim Team unseres Nachbarn, ob sich der Renn-Mechaniker nicht mal seine 23 Jahre alte Honda ansehen kann. Der Mechaniker zieht ein paar Stecker auseinander, misst hier und da und bestätigt dann unseren Verdacht: der Regler ist kaputt. Das hatten wir schon vermutet, aber weder ich noch Alex haben gewusst, wo wir genau hätten messen sollen. 
 
Donnerstag, 17. Januar 2013 
 
Die Dakar macht in den nächsten Tagen einen großen Schlenker nach Norden, um dann in ein paar Tagen wieder in Chile nach Süden zu fahren. Alex und ich nehmen eine Abkürzung, wir wollen direkt nach Westen über einen Anden-Pass und in La Serena wieder auf Fahrer warten.

Irgendwann suchen wir uns irgendwo am Abend einen kostenlosen Campingplatz, werden jedoch um kurz vor 5 Uhr in der Früh von halbstarken jugendlichen Deppen geweckt, die meinen, 50 Meter neben uns lautstark eine Stehparty feiern zu müssen – natürlich mit voll aufgedrehter Musik aus dem Auto.

Nachts hat es geregnet, der Boden ist schlammig und weich. Die Zelte sind von unten saudreckig, wir müssen sie trotzdem einpacken. 
 
Freitag, 18. Januar 2013 
 
Vom Zoll erwischt!
Wir sind noch keine fünf Kilometer unterwegs, da müssen wir schon wieder unfreiwillig halten. Nein, diesmal ist nicht Alex‘ Africa Twin Schuld. Vor uns eine Autoschlange, wir halten und fragen die Frau vor uns, was los ist. So genau weiß sie das auch nicht, aber die Straße sei gesperrt, angeblich noch bis Mittag. Jetzt ist es neun Uhr morgens. Wir haben keine Wahl und warten. Einer der Polizisten erzählt uns etwas später, dass es weiter oben auf der Strecke drei Erdrutsche gegeben hat und die Piste erst umständlich geräumt werden muss. Er bestätigt, dass es Mittag weitergeht. Eventuell.

Kurz nach 12 Uhr: es geht weiter! Nach wenigen Kilometern endet der Asphalt und wieder einmal beginnt eine schlimme Piste. Aufgeweicht, matschig, rutschig und nicht ungefährlich.
Ein Bauarbeiter steht auf der Piste und schwenkt Fahnen, 20 Meter weiter hinten steht eine große Planierraupe und schiebt Geröllmassen von der Fahrbahn nach rechts einen Abhang hinunter. Von oben läuft ständig Geröll nach, es dauert eine Weile, bis die Fahrspur geräumt ist. Unsere Hinterreifen sind schon mächtig abgefahren, wir haben beide kein richtiges Vertrauen mehr und tasten uns vorsichtig nach oben, die Lampe der Traktionskontrolle flackert oft. Wir schrauben uns immer weiter zum 4778 Meter hohen Agua-Negra-Pass hinauf, und zum Glück lassen wir bald die Wolken hinter uns, die Piste trocknet ab und wird etwas glatter. Jetzt können wir es laufen lassen und sind fast dreistellig unterwegs.  
Endlich an der Grenze. Natürlich habe ich nichts Verbotenes dabei und mache auf dem Formular mein Kreuzchen bei „No“. Wie Alex muss auch ich meinen Seitenkoffer öffnen, der Beamte wühlt darin rum und holt plötzlich einen Beutel mit zwei Avocados raus. Verdammt, die hatten wir ja auch noch! Ich beteuere, dass ich sie vergessen hätte und muss das Formular nochmal neu ausfüllen und diesmal „Si“ ankreuzen, dann darf ich weiter. Ohne Avocados. Denn natürlich darf ich sie nicht behalten, und bei einem chilenischen Zöllner gab es zum Abendessen wahrscheinlich Brot mit Avocadocreme.  In La Serena an der Küste steuern wir einen Supermarkt an und wie überall werden wir und die Bikes ständig fotografiert. Warum auch nicht. Die Leute kommen und fragen, ob sie sich daneben stellen dürfen (klar) oder sich vielleicht mal raufsetzen können (nur, wenn die Frauen gut aussehen ). Ein Deutscher Tourist geht mit seinem kleinen Sohn vorbei und sagt zu ihm: „Siehst du, die sehen auch aus, als wären sie gerade durch die Wüste gefahren.“ Er hat nicht gesehen, dass wir aus Deutschland kommen und ich sage: „Sind wir ja auch! Naja, fast…“ Wir erzählen etwas, machen Fotos und suchen uns dann ein günstiges Hostel in der Nähe. Feierabend. 430 Kilometer auf dem Tacho, nicht viel, aber anstrengend.

Freitag, 18. Januar
Mit der Zahnbürste auf der Autobahn

2013-02-25-Mathias Heerwagen-Y-Pilot-Dakar.jpgYamaha-Pilot bei der Einfahrt zum Biwak.

Wir fahren zum Dakar-Biwak, das einige Kilometer außerhalb der Stadt liegt. Wahnsinn, wie viele Besucher hier schon rumlaufen! Der staubige Parkplatz steht voll mit Autos, an den Zäunen zum Biwak drängen sich Schaulustige. Wir stellen uns dazu, sehen uns um, machen Fotos und warten auf die ersten Ankömmlinge der Rallye.

Von Anfang an wollten Alex und ich jeweils ein Dakar-T-Shirt kaufen, haben aber bislang keines gefunden. Hier laufen überall fliegende Händler rum, die Shirts, Fahnen, Aufkleber und andere Dakar-Souvenirs verkaufen. Ich kaufe zwei Aufkleber, aber zunächst kein Shirt, da die Qualität doch eher bescheiden ist. Später finden wir den „offiziellen“ Stand. Leider gibt’s mein gewünschtes T-Shirt nicht mehr in M, sondern nur noch in L (hängt wie ein Sack) oder S (ziemlich körperbetont). Naja, S muss gehen.

Ein paar Stunden sehen wir uns das Schauspiel an, Alex schreibt auf die Rückseite einer Zahnpasta-Pappschachtel „Vendo – 3500 $“, und klebt das Schild an seine Africa Twin. Leider will niemand das Bike kaufen. Zum nächsten Besucherpunkt für den nächsten Tag in Penablanca sind es nur rund 140 Kilometer. In der Stadt winken uns die Menschen wieder zu, wir werden fotografiert und angehupt, ernten viele „Daumen hoch“-Zeichen. Alex zeigt plötzlich „Rechts ran!“, wir halten und er meint, seine Vorderbremse sei plötzlich irgendwie „zugegangen“, genau könne er nicht sagen, was los ist. Aufbocken, Rad drehen, scheint wieder zu gehen. Also erst mal weiterfahren und beobachten. Er beobachtet und fühlt etwa 70 Kilometer, bis auf der Autobahn plötzlich wirklich nichts mehr geht. Die Bremsscheibe ist sauheiß – der Kolben vom Bremssattel wird fest sein. Uns bleibt nichts anderes übrig, als den Sattel abzubauen, versuchen ihn zu reinigen und einigermaßen gängig zu machen. Bei der Gelegenheit schlägt sich Alex zweimal die Hand blutig.

Wir versuchen die festgegammelten Kolben der Africa Twin wieder gängig zu machen – ohne großen Erfolg.

Sattel ab, Beläge raus und schon sehen wir den Dreck: die Kolben des Bremssattels sind ziemlich keimig. Ich opfere meine zweite Zahnbürste, Alex spült mit Wasser den Dreck weg und putzt auch zwischen Zähnen . Sprühöl, Wasserpumpenzange, viel hilft die Operation nicht, aber wir können die Kolben mit einigem Kraftaufwand wieder zurückdrücken. Da muss demnächst dringend was gemacht werden, aber für heute können wir wohl erst einmal weiterfahren.

Die Sonne geht langsam unter, wir haben noch 50 Kilometer vor uns bis Penablanca. Es wird neblig und kalt, richtig ungemütlich. Ich fahre vor, weil Alex sein Licht lieber auslässt – ihr wisst ja: der Lichtmaschinenregler. Ins Navi habe ich die Koordinaten eingegeben, die im offiziellen Dakar-pdf standen. Nur: An der Stelle, wo der Weg sein sollte ist nichts. Ich habe zehn Kilometer vorher ein Schild gesehen mit einem Ortsnamen, der mir bekannt vorkam. Also zehn Kilometer zurück und abbiegen auf einen staubigen Feldweg. Stimmt das? Die Familie im alten Pickup sagt Ja, immer weiter da lang und dann kommen wir schon an. Dann los. Ich fahre links und leuchte den Weg für Alex mit aus, die Piste ist jedoch grob und schlecht, sodass Alex lieber doch mehr Abstand hält und sein eigenes Licht anschaltet – keine Probleme.

Zehn Kilometer später erreichen wir die Zuschauerzone. Etwa zwanzig Autos stehen schon auf dem Acker auf einem kleinen Hügel, Zelte werden aufgebaut, über den Lagerfeuern liegen Roste, darauf Fleisch. Wir suchen uns ein ebenes Plätzchen und bauen unser Zeug auf.

2013-02-25-Mathias Heerwagen-Galerie-Camping an der Strecke.jpg

Camping an der Strecke.

Gleich neben uns steht auch eine XT1200Z Super Ténéré, eine der wenigen, die ich bislang hier unten gesehen habe. Eigentlich komisch, denn Mick aus Santiago (www.ride-chile.com) sagt, dass eine BMW R1200GS hier unten 8000 (!) Dollar teurer ist – aber nicht besser. Und trotzdem sieht man sie öfter. Statt einer neuen GS wird Mick sich dieses Jahr für seinen Verleih vermutlich eine Super Ténéré kaufen.

Als unsere Zelte stehen, kommt ein Junge mit zwei Tassen heißer Suppe, sein Vater hat ihn geschickt. Wir revanchieren uns später mit Weintrauben, die wir heute Nachmittag unterwegs am Straßenrand von einem Weingut geklaut haben. Alex geht später noch rüber und wird mit Steaks vom Grill gefüttert, ich bin müde und lege mich schlafen.

Sonnabend, 19. Januar 2013
Hautnah dabei


Um 7.30 Uhr sollen hier die Motoren brüllen, also schälen wir uns gegen 7 aus den Schlafsäcken. Ein Blick nach oben: Mist, tiefe Wolken, alles grau. Wir warten eine halbe Stunde, eine Stunde, anderthalb Stunden und immer noch kommt kein Rallye-Ass vorbeigeprescht. Von irgendjemandem hören wir, dass die Hubschrauber der Organisation wegen der niedrigen Wolken heute Morgen nicht starten durften. Ein Raunen geht durch die Zuschauer, eine Staubfahne kommt schnell näher. Endlich! Der erste Motorradfahrer kommt angebrettert, nimmt driftend eine leichte Linkskurve, die folgende Rechts auf den Hügel – und wird ganz plötzlich langsamer, tuckert geradezu an uns vorbei.
Die Chilenen verstehen die Welt nicht mehr, zumal der Fahrer ein Chilene ist, die Copec-Aufkleber der staatlichen Mineralölgesellschaft verraten ist. Bestimmt einen halben Kilometer zuckelt er weiter, bevor er das Gas aufreißt und die Chilenen wieder lautstark jubeln. Beim nächsten Fahrer das gleiche Schauspiel und jetzt wird uns bewusst, dass hier eine Zone mit Geschwindigkeitsbegrenzung liegt. Vielleicht, damit die Fahrer nicht auf dem unmittelbar neben der Piste liegenden Friedhof landen.
Es ist wirklich beeindruckend, wie die Piloten angefeuert kommen, je nach Fahrkönnen die Kurven mal mehr oder weniger schnell nehmen. Tolle Drifts, viel Staub, Fanjubel – und das unmittelbar neben der Piste. Der Fahrer sollte hier besser nicht verunglücken, die Zuschauer gehen manchmal dichter ran, als erlaubt.
Anders als gestern ist die Fläche hier ziemlich groß und es gibt nur wenige Polizisten, die nicht alles kontrollieren können. Man kommt wirklich verdammt dicht ran! Viele Motorradpiloten sind durch, nun kommen die Quads. Alex und ich sind uns einig, dass Quads Scheiße sind. Quadfahrer mögen uns verzeihen, aber die Zwischendinger aus Auto und Motorrad lassen uns kalt, und liefern bei weitem keine so gute Show ab wie die Autos. Diese kommen subjektiv am Schnellsten hinter dem Hügel vor, ziehen gewaltige Staubfahnen hinter sich her, driften am schönsten durch die Kurven und klingen je nach Modell am aggressivsten. Geil! Sogar die Renn-Trucks sind interessanter als Quads.
Wenn gerade kein PS-Monster in Sichtweite ist, dürfen die Zuschauer die Piste queren und somit von unterschiedlichen Positionen aus Fotos machen. Viel besser als letztens, wo wir lediglich zwei schlechte Plätze zur Verfügung hatten. Irgendwann haben wir genug gesehen und brechen auf, diesmal durch die Prärie zur nächsten Autobahnauffahrt, denn die Piste, auf der wir gestern Abend gekommen sind, gehört heute zur Rallyestrecke. Was folgt sind mehr als 300 langweilige Kilometer auf der Panamericana. Kurz vor Valparaiso suchen wir einen Campingplatz.

Sonntag, 20. Januar 2013
Sonntags mache ich es kurz: Alex und ich fahren von Valparaiso die 100 Kilometer nach Santiago und irren etwas umher, weil in der Innenstadt viele Straßen gesperrt sind – heute endete hier die Rallye Dakar. Das Hostel, in dem ich beim letzten Besuch untergekommen bin, ist voll. Ein paar hundert Meter weiter finden wir doch noch eins, wo wir die Motorräder sicher auf dem Hof unterstellen.

Montag, 21. Januar 2013
Ran an die Eisen
      

Nach 500 Kilometern ohne Vorderbremse ist Alex froh, hier einen Honda-Händler gefunden zu haben. Gleich morgens fährt er zu ihm, ich gammle noch etwas im Hostel herum. Bei Mick von ride-chile.com möchte ich heute meine Reifen wechseln, bevor es dann endlich runter nach Ushuaia geht. Gegen Mittag bin ich da, kurz nach mir kommt auch Alex an und zusammen machen wir uns ans Werk. Mick hat zwar 19 Motorräder in seinem Fuhrpark, aber keine Reifenmontiermaschine. Das heißt, wir müssen auf die klassische Art arbeiten – mit Montiereisen.

Räder raus und los geht’s. Alex und ich haben beide noch keinen Reifen mit Montierhebeln gewechselt, und die Sache erweist sich zunächst schwieriger als gedacht. Mit vereinten Kräften und viel Seifenwasser kriegen wir die Schlappen letztendlich von den Felgen und die neuen Reifen rauf. Dabei komme ich zu der Erkenntnis, dass es mitten in der Pampa ohne drei große Montierhebel fast unmöglich sein dürfte, den Reifen selber zu wechseln. Wir hatten bei Mick drei 38-Zentimeter-Hebel zur Verfügung und hatten selbst damit einige Mühe. Alex hat in seinem Bordwerkzeug lediglich einen 25er und noch zwei kleinere – und das soll klappen? Naja, ich habe gleich gar keine Montierhebel mitgenommen und würde mich im Notfall mit dem ausgebauten Rad zur nächsten Reifenbude mitnehmen lassen.
Die Africa Twin von Alex hat Schläuche drin und beim ersten Versuch, den Reifen zu montieren, bohren wir auch gleich zwei kleine Löcher in den Schlauch. Obwohl wir vorsichtig waren. Er hat einen Ersatzschlauch mit und beim zweiten Versuch sind wir noch vorsichtiger, alles geht gut. Danach quatschen wir uns noch bei Mick fest und kommen erst gegen Abend wieder zurück zum Hostel.
Heute trennen sich wieder unserer Wege, ich mache mich auf gen Süden, Alex wartet auf einen Bekannten aus Deutschland, der bald in Santiago ankommt. Anschließend fahren die beiden zwei Wochen gemeinsam – Alex wird sozusagen durchgereicht . Wie schon beim letzten Mal, als wir zusammen gefahren sind, waren wir auch diesmal wieder ein gutes Team. Ähnliche Interessen, immer etwas zu erzählen und zu lachen, spontan, immer für eine Offroad-Strecke zu haben und finanziell ähnlich aufgestellt – heißt: Campen bevorzugt. Alex ist 14 Jahre älter und hat dementsprechend mehr Motorrad- und Offroad-Erfahrung. Trotzdem war ich nie langsamer als er und habe selbst auf Strecken gut mitgehalten, für die andere Motorradreisende, die wir unterwegs getroffen haben, deutlich länger gebraucht hätten.

Von Santiago nach Puerto Montt im Süden verläuft eine vierspurige, relativ wenig befahrene, gut ausgebaute Autobahn mit Tempolimit 120. Also 140. Ich habe kein richtiges Ziel, würde es jedoch schon gerne bis Puerto Montt schaffen. Elf Stunden, zwei Pausen und einige Tankstopps später bin ich da – und zum ersten Mal während der Tour zeigt der Tageskilometerzähler vierstellig an. 1050 Kilometer. Trotzdem fühle ich mich gut, hätte zur Not sogar noch weiter fahren können. Auf der XT1200Z hält man es also bequem auch mehr als 1000 Kilometer am Stück aus. Vor ein paar Wochen habe ich Ekki (siehe ältere Blogeinträge) noch für verrückt erklärt, als er in einem Rutsch von hier nach Santiago gefahren ist. Es ist aber definitiv machbar. Und anders als Ekki hatte ich Glück mit dem Wetter: Sonnenschein und zwischen 23 und 27 Grad, so macht Motorradfahren Spaß, sei es auch nur auf der Autobahn. Zwar gibt es hier viele Hostels, die meisten sehen jedoch ziemlich schäbig aus. Egal, ich suche mir was mit Parkplatz im Hof und gehe noch zum Supermarkt – der vor meiner Nase schließt.

Mittwoch, 23. Januar
Fährbüro-Beschiss


Kurz nach 9 Uhr morgens, ich schlafe noch, steht die Hostelbesitzerin im Zimmer und fragt, wann ich auschecke. Als wenn die Gäste ihrer Bruchbude hier die Türen einrennen. Nachdem ich gestern so viel gefahren bin, möchte ich mir heute in Ruhe Puerto Montt ansehen und suche mir ein anderes, schöneres Hostel. Hätte ich gestern schon mal einen Blick in den Lonely Planet geworfen, wäre ich gleich hierhin gefahren. Im selben Moment wie ich checkt ein Mädel ein, dessen Fahrrad nach langer Tour aussieht. Zumindest was das Gepäck angeht, denn das Rad selbst ist nagelneu. Quinnen (ja, das ist ihr Name) ist seit ein paar Monaten in Südamerika unterwegs und hat sich erst vor einigen Tagen in Santiago das Rad gekauft. Sie will damit nach Ushuaia fahren. Zeit von der Idee bis zum Fahrradkauf: drei Tage. Das nenne ich mal spontan! Zuhause in den USA fährt sie viel Rennrad, weiß also, was auf sie zukommt. Ich würde nicht 3500 Kilometer mit dem Fahrrad und Gepäck bei teils extremen Wetterverhältnissen nach Ushuaia fahren wollen. (Update: Sie auch nicht mehr, zumindest nicht bis ganz unten).

Wir gehen in die Stadt und hier bestätigt sich mein erster Eindruck von gestern Abend, als ich ein paar Runden mit dem Motorrad gedreht habe, um ein Hostel zu finden. Puerto Montt ist eine typische Hafenstadt. Schon ziemlich heruntergekommen, an den meisten Holzhäusern blättert die Farbe ab, in vielen Ecken liegt Dreck, viele Straßenhunde streunen umher. Aber es gibt auch schöne Ecken, eine erinnert mich an Norwegen. Viele Holzhäuser stehen dicht beieinander, davor sitzen Frauen, die Meeresfrüchte verkaufen. Geräucherte Muscheln sind auf Stricke gezogen und baumeln bündelweise von den Dächern. Ich liebe Muscheln, zumindest aus der Dose. Quinnen würde auch welche probieren, also kaufen wir ein Bündel für umgerechnet zwei Dollar. Sie schmecken nicht schlecht, sind aber recht trocken und etwas zäh; ich bleibe bei Dosenmuscheln. Vor vielen Hütten liegen große Pakete aus dickem, gefaltetem Kelp, so etwas wie Algen. Frischer Fisch liegt auf Eis, in jeder zweiten Hütte steht eine Frau und kocht. An Souvenirständen gibt’s den gleichen Kram wie überall.

Nach einigen Stunden gehen wir zurück zum Hostel und fragen unterwegs noch im Fährbüro, ob wir für unsere geplante Route reservieren müssen oder gleich Tickets kaufen können. Wir zeigen der jungen Frau hinter dem Schalter auf einer Karte hinter ihr genau, wo wir lang möchten. Aber angeblich würde die nächste Fähre erst in fünf Tagen fahren! Das kann nicht sein. Minutenlang diskutieren wir, und fast hätten wir schon ein anderes, viel teureres Ticket für eine ähnliche Route gekauft. Doch Quinnen und mir kam die Sache komisch vor. Und wir lagen richtig. Zurück im Hostel fragen wir die alte aber fitte Besitzerin, die sich dann furchtbar darüber aufregt, dass die Schnalle vom Fährbüro uns übers Ohr hauen wollte. Die Fähren auf unserer Route fahren täglich, wir brauchen keine Reservierung und könnten direkt zum Fähranleger fahren. Die Dame hat einfach versucht, uns eine andere, teurere Route anzudrehen.

Auf dem kleinen Hof stehen nun zwei weitere Fahrräder, Vivian und Ally aus den USA wollen eventuell auch die Carretera Austral fahren. Vivien hat heute Geburtstag und spendiert Torte. Wir sitzen lange im Garten, erzählen und planen unsere weiteren Routen.

Donnerstag, 24. Januar
Aus 30 Minuten wird ein Tag


Heute hatte ich nach langer Zeit mal wieder etwas Pech. Ich möchte die Carretera Austral befahren, eine 1250 Kilometer lange Schotterstrecke gen Süden. Im nördlichen Teil der Carretera ist man auf drei Fähren angewiesen, die die fehlenden Straßenstücke überbrücken. Diese Fähren sollen zeitlich so abgestimmt sein, dass man von einer runterfährt, ein kurzes Stück Piste nimmt und dann pünktlich die nächste erreicht. Gegen 9 Uhr fahre ich los und bin knapp 50 Kilometer später an der ersten Fähre. Zehn Minuten warten, dann rauf. Auf der anderen Seite geht die Schotter-/Buckel-/Waschbrettpiste weiter. Zum ersten Mal während meiner Reise wünsche ich mir, dass es während der Fahrt regnet, denn die Autos vor mir wirbeln unglaublich viel Staub auf. Ich halte reichlich Abstand, aber von hinten drängen die nächsten Autos. LKW und Busse ziehen gewaltige Staubfahnen hinter sich her, nach einer Weile bin ich grau, muss immer wieder Staub vom Visier wischen. Die Strecke lässt sich relativ gut fahren, aber für die Yamaha wird es wieder einmal hart.

Zurück zum Pech. Ich bin zügig unterwegs und erreiche das Dorf Hornopiren, von dem 12.30 Uhr die nächste Fähre fahren soll. 20 nach 12 fahre ich zum Anleger, was fehlt, ist die Fähre. Tja, die fährt immer um 12, die nächste geht dann morgen wieder, erfahre ich im Büro der Fährgesellschaft. Scheiße! Von wegen, die drei Fähren sind so getaktet, dass man alle nacheinander erreicht! Ich bin mir sicher, dass die Leute aus Hornopiren durchgesetzt haben, dass die Fähre eine halbe Stunde früher ablegt. So kann man sie nämlich unmöglich erreichen und die Touristen sind gezwungen, in ihrem Kaff einen Tag lang festzuhängen und Geld zu lassen. Es gibt schlimmere Orte, an denen man stranden kann – trotzdem ärgerlich.
Ich suche mir einen schönen Campingplatz und schreibe den Rest des Tages den Blog nach.

Freitag, 25. Januar (?)
Glück und Pech


Gemeinsam mit vielen Autofahrern stehe ich morgens am Fähranleger und hoffe, dass ich mit darf. Denn das ist keineswegs sicher. Ich verstehe aber das System nicht, wonach entschieden wird, wer auf die Fähre darf und wer nicht. Gut eine Stunde stehe ich rum und beobachte das Schauspiel. Jemand der Crew sammelt irgendwelche Quittungen ein, die ersten Autofahrer dürfen auf die Fähre, die sich nach und nach füllt. Viel Platz ist nicht, vielleicht 20 Autos passen rauf. Einige Leute haben Plastiknummern in der Hand und nachdem die Leute mit den Quittungen schon auf der Fähre sind, wird anscheinend Lotto gespielt. Ich habe kein Plastikkärtchen und frage den Mann von der Crew, ob noch Platz für ein Motorrad sei. Das kann er noch nicht sagen, kommt drauf an, wie groß die folgenden Autos sind. Long Story short: Kurz vor Abfahrt der Fähre werde ich als letzter aufgerufen und passe noch gerade so rauf.

Die Fährfahrt ist schön, aber nicht besonders spektakulär. Wir schippern halt durch einen Fjord, rechts und links sind bewaldete Hügel, in der Ferne schneebedeckte Berge. Nach etwa 3,5 Stunden legt die Fähre an und ich habe Glück, denn ich darf als erster von Bord, weil ich in Fahrtrichtung vorne auf der Fähre stehe (die Autos mussten rückwärts auf die Fähre fahren). Zehn Kilometer geht’s über eine Schotterpiste durch den Wald, dann stehe ich vorm nächsten Fähranleger. Diesmal habe ich Pech, denn ich muss zwar wieder als letzter auf die Fähre, aber diesmal fahren die Autos vor mir in Fahrtrichtung rauf. Nach einer halben Stunde legen wir in Caleta Gonzalez an und was nun folgt, ist an Ignoranz und Dummheit der Autofahrer kaum zu überbieten. Einige Autofahrer fahren gleich rechts ran und lassen mich vor, bestens. Ich habe auch kein Problem damit, hinter einer Autoschlange her zu fahren. Die Piste ist jedoch so extrem staubig, dass ich teilweise die Fahrspur vor mir nicht sehen kann. Ich lasse Abstand, doch das bringt nicht viel, der dichte Staub hält sich ewig in dem engen Korridor, rechts und links stehen dichte Büsche und Bäume. Nach kurzer Zeit bin ich grau, und versuche, einige Autos zu überholen, um irgendwie nach vorne zu kommen, wo ich etwas sehen und atmen könnte. Ich fahre direkt hinter ihnen her, aber glaubt ihr, einer von den Deppen lässt mich vorbei? Fehlanzeige. Nach einiger Weile habe ich mich recht weit vor gearbeitet, hänge aber auf Platz vier fest. Überholen ist fast unmöglich, da die Piste kaum breit genug ist für zwei Fahrzeuge. Mittlerweile bin ich derart eingestaubt, dass es nun eigentlich auch egal wäre, aber ich schnappe mir noch die letzten drei Autos und habe endlich frische Luft und gute Sicht. Rückblickend betrachtet wäre es besser gewesen, nach der Fahrt von der Fähre eine Viertelstunde zu warten und alle Autos vorzulassen. Beim nächsten Mal dann.

Samstag, 26. Januar (?)
Ausrutscher
      

Die schönste Strecke seit langem: vom Campingplatz geht’s weiter über Schotterpisten nach Coyhaique. Alaska, Kanada, Montana, Norwegen, Schweden – die Landschaft hier erinnert an all diese Länder. Die Piste schlängelt sich durch Wälder, vorbei an Bergbächen, Seen, Wiesen mit bunten Wildblumen.

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Unterwegs um den Lago General Carrera an der Carretera Austral.

Irgendwo hängt ein Gletscher am Fels, die Spitzen der Berge sind noch mit Schnee bedeckt. Auf Holzbrücken fahre ich über reißende Flüsse, Wasserfälle kommen aus den Bergen. Ich mache den Fehler, und mache viel zu wenige Bilder, weil ich denke: “Ach, auf dem Rückweg fährst du hier sowieso nochmal lang.” Leider fuhr ich auf dem Rückweg doch nicht mehr da lang. Merke: Mache Fotos lieber sofort.

Die Piste ist teilweise sehr grob, mit etwas tieferem Schotter und Waschbrettabschnitten. Normalerweise fahre ich zwischen 50 und 80 km/h, je nachdem wie es vor mir gerade aussieht. Man muss ständig konzentriert sein und darf den Blick kaum von der Piste nehmen. Das wird mir bewusst, als ich etwas zu lange in die Berge schaue und beim anschließenden Blick nach vorne die Linkskurve schon ziemlich dicht vor mir ist. Eigentlich bin ich schon drin in der Kurve. Jedenfalls, ich bremse, ruckartige Lenkbewegungen verbieten sich auf dem losen Untergrund von selbst, und im wahrsten Sinne des Wortes hätte ich fast noch die Kurve gekriegt. Die Straßenschulter fällt steil nach rechts ab, unten ist loser Schotter; da komme ich rein, eiere irgendwie umher, komme noch einen halben Meter weiter nach rechts ab ins Grün, nehme einen kleinen trockenen Busch mit (irgendwas mit Stacheln) und kriege die Fuhre wirklich fast noch aufrecht zum stehen. Fast. Denn wie damals in Montana ist auch hier mein rechtes Bein etwa zwanzig Zentimeter zu kurz und ich kippe samt Motorrad auf die Seite. Mist, das wird schwierig. Denn nun muss ich das Bike gegen die Böschung anheben. Gepäckrolle ab, den aufgeschnallten Reifen runter, linken Koffer ab, (der Tankrucksack hat sich bereits beim Umkippen von alleine gelöst, leider ist dabei eine Haltenase von der Verriegelung abgebrochen, aber er hält trotzdem noch gut). Ich probiere es mehrmals, rutsche aber immer wieder mit den Füßen weg, bin außer Atem und finde keine ordentliche Stelle, um das Motorrad zu greifen. Wenn ich meine mittlerweile dünn gewordenen Ärmchen ansehe, ist ein fast ein Wunder, dass ich die Maschine nach einigen Versuchen und vielem Fluchen doch wieder auf die Räder stelle. Ein paar Aufkleber am Koffer sind etwas verkratzt und leider auch die Seitenverkleidung. Ich warte etwas, bis das Öl wieder nach unten gelaufen ist, die Yamaha springt sofort an, weiter geht’s. Irgendwie muss sich der Gasgriff einen Millimeter verschoben haben, denn er dreht sich etwas schwerer als sonst und geht nicht mehr ganz von alleine in die Leerlaufposition zurück. Jetzt habe ich quasi meinen Tempomat, den ich mir auf den langen und öden Strecken in Argentinien so oft gewünscht habe. Aber natürlich ist das nicht gut und ich werde mir die Sache heute Abend mal ansehen müssen.

Der Campingplatz im Nationalpark soll umgerechnet 20 Dollar kosten, als ich den Ranger frage, warum das so teuer ist, meint er, der Eintritt für den Park sei im Preis inbegriffen. Dumm nur, dass ich nur durchfahre und hier nicht wandern will.
Ich baue den Gasgriff ab, kann aber keinen Schaden entdecken, lediglich der Gummigriff scheint sich ein klein wenig nach links geschoben zu haben. Mit etwas Sprühöl sieht die Sache schon besser aus, auch wenn es noch nicht wieder so leicht geht wie vorher.

In Coyhaique fahre ich zur Tourist-Information und werde gleich von einem jungen Ami mit Fahrrad angesprochen. Wir unterhalten uns und er gibt mir den Tipp für einen Campingplatz, der mitten in der Stadt liegt. Der Campingplatz ist eigentlich der Garten eines alten, schon halb verfallenen Hauses. Die Besitzer wohnen auf der anderen Straßenseite in einem neuen Haus und stellen den Garten für Camper zur Verfügung. Küche und Bad der alten Hütte dürfen wir Gäste immerhin benutzen.

Den Abend lasse ich in einem Cafè ausklingen, ich sitze draußen in der warmen Sonne, trinke ein Bier und vertrödele Zeit im Internet. Herrlich.

Sonntag, 27. Januar 
 
Schrauben locker

Von Coyhaique nach Chile Chico sind es nicht einmal 150 Kilometer – wenn man die Fähre über den Lago General Carrera nimmt. Man kann jedoch auch am westlichen und südlichen Ufer um den See herum fahren und kommt so auf eine Schotterstrecke von mehr als 300 Kilometern.

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Carretera Austral.

Ich entscheide mich für die lange Version und werde mit grandiosen Aussichten und einer tollen Piste belohnt. Berge und Hügel rahmen zunächst die Strecke ein, ganz oben auf den Gipfeln liegt noch der letzte Schnee des Winters. Nach etwa zwei Stunden Fahrt durch die Berge schlängelt sich der Weg zum Seeufer hinab. Türkis, grün, blau – die Farben ändern sich ständig, je nachdem, ob sich wieder eine Wolke vor die Sonne geschoben hat. 
 
Die Schotterpiste steigt wieder ein paar hundert Meter an und nun ist Vorsicht geboten: Links geht es steil bergab, manchmal mehrere hundert Meter, Leitplanken stehen nur in wenigen Kurven. Ein Ausrutscher wie gestern wäre heute äußerst schlecht. Vor den meisten steilen Steigungen schütteln mich die tiefen Waschbrett-Abschnitte kräftig durch, die gelbe Lampe der Traktionskontrolle flackert ständig. Bei einem Fotostopp sehe ich, dass sich das rechte Lenkergewicht verabschiedet hat. Anscheinend habe ich es gestern nicht fest genug angezogen und heute auf der Piste muss es sich losvibriert haben. Später sehe ich, dass auch die Rändelschraube an meinem Stativ fehlt, mit der ich normalerweise den Stativkopf fixiere. Die Piste hier ist wirklich hart zum Material.

Jetzt im Sommer ist die Carretera Austral zwar nicht überlaufen, aber mir kommen hin und wieder Autos entgegen, oder ich werde bei einem Fotostopp eingeholt. Wie damals beim Dalton-Highway in Alaska scheint es auch hier ein Mythos zu sein, dass die Carretera wahnsinnig schwer zu befahren und man völlig einsam ist. Das stimmt nicht. Auf Radfahrer scheint diese Strecke einen ganz besonderen Reiz auszuüben, denn während ich heute nur einen einzelnen Motorradfahrer sowie eine Vierergruppe sehe, überhole ich bestimmt zehn Radfahrer. Vollbepackt quälen sie sich die Berge hinauf, einer schiebt sogar schon, die meisten haben nicht gerade einen fröhlichen und entspannten Gesichtsausdruck.

Ich erreiche Chile Chico und halte beim erstbesten Hostel. Die verlangten 40 US-Dollar sind deutlich über meinem Limit, ich suche weiter und frage einen Radfahrer mit unglaublich viel Gepäck, ob er ein günstiges Hostel kennt. Leider kennt er keins, aber er ist Deutscher und ich werde ihn nachher wiedersehen. Ein paar hundert Meter weiter finde ich eine einfache aber ordentliche Unterkunft für 20 Dollar – immer noch recht viel, aber heute habe ich keine Lust auf Camping. Nach den vielen hundert sehr staubigen Pistenkilometern sehen das Motorrad und meine Klamotten ziemlich räudig aus. Mit einem Gartenschlauch spüle ich den Staub vom Bike und kann nun endlich wieder etwas aus den Koffern holen, ohne jedes Mal meine schwarze kurze Hose einzusauen. Motorradhose und Stiefel spüle ich gleich mit ab, jetzt sieht‘s einigermaßen ordentlich aus.

Ich gehe Richtung Hauptplatz zurück und sehe, wie etwas weiter vor mir eine bepackte Suzuki V-Strom in eine Seitenstraße einbiegt. Kein chilenisches Kennzeichen, also gehe ich hin. Die Australier Sean und seine Freundin Blossom sind seit insgesamt drei Jahren unterwegs, die letzten anderthalb Jahre sind sie von Vancouver hier runter gefahren – die beiden lassen sich Zeit. Eigentlich wollten sie heute nach Argentinien ausreisen, aber es gibt ein Problem: Sie haben keine Versicherung für das Motorrad und die ist Pflicht in Argentinien. Ich habe natürlich eine, wurde an den Grenzen aber nie danach gefragt. Nun stehen die beiden vorm Supermarkt, in dem man außer den üblichen Lebensmitteln eben auch eine Haftpflichtversicherung kaufen kann. Die fehlende Versicherung ist nicht das einzige Problem der beiden. Seit vier Wochen müssen US-Amerikaner, Australier und Kanadier eine Art Visumsgebühr an der Grenze zahlen (weil deren Länder auch Einreisegebühren von Argentiniern verlangen). Immerhin 100 Dollar kostet der Spaß pro Person, und das, obwohl die beiden bereits vor mehr als einem Monat schon einmal nach Argentinien eingereist sind und damals einen neunzigtägigen Aufenthalt bewilligt bekommen haben. Naja, jeder hat mal einen schlechten Tag.

Wenig später treffe ich den Radfahrer von vorhin wieder und setze mich zu ihm. In seiner Trinkflasche schwappt Rotwein, ich mache mir eine Dose Bier auf und verstecke sie so gut es geht. Wie in den USA darf man in Chile in der Öffentlichkeit keinen Alkohol trinken. Wir sitzen in der warmen Sonne und unterhalten uns lange. Auf das Gepäck angesprochen meint er nur, dass er gerne alles dabei hat (ich habe seinen Namen vergessen; Update 23. Februar: unglaublich aber wahr, ich habe den Radfahrer, Manfred, heute in einem Hostel der 5-Millionen-Stadt Santiago wiedergetroffen). Das habe ich gesehen, denn er hat mehr Taschen an seinem Rad, als ich am Motorrad. Komischerweise gilt das für die meisten Radler, die ich unterwegs treffe. Er zählt auf: Isomatte, Schlafsack, Kocher, Benzin, Werkzeug, Klamotten… Tja, das habe ich auch alles dabei.

Nach einem kurzen Abstecher auf einen Aussichtspunkt mit schönem Blick über die Stadt, gehe ich zum Hafen und pflücke auf dem Rückweg zum Hostel Dutzende Pflaumen von Bäumen an der Straße. 
 
Montag, 28. Januar 2013 
 
Ich weiß gar nicht mehr, zum wievielten Mal ich die Grenze nach Argentinien überquere. Wahrscheinlich nehmen am Ende der Reise die ganzen Stempel von Chile und Argentinien genauso viele Seiten im Reisepass ein, wie die anderen 13 Länder davor zusammen (Update: tun sie). Alles geht blitzschnell, ich muss nicht anstehen, die Daten vom Motorrad sind bereits im System gespeichert. Nach vielleicht zehn Minuten bin ich wieder unterwegs.

Nach der wunderschönen Carretera Austral liegt nun wieder die unglaublich langweilige Ruta 40 vor mir. Und zwar für viele hundert oder gar tausend Kilometer. Die Strecke ist gut, doch nach etwa 100 Kilometern wird aus schwarz grau, aus Asphalt wird Schotter. Auf breiter Piste bin ich zügig unterwegs, meist fahre ich zwischen 60 und 90.

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Die Kollegen verewigen sich überall auf der Welt.

Ich tanke irgendwo in der Pampa teuren Sprit und sehe am Fenster der winzigen Tankstelle einen Aufkleber der Kollegen vom MOTORRAD actionTeam. Wo die sich überall rumtreiben. Ein paar hundert Pesos habe ich noch in der Tasche, aber damit komme ich nicht zur nächstgrößeren Stadt, die auf der Ruta 40 liegt. Also fahre ich einen Umweg von mehr als 100 Kilometern Schotterpiste, nur um im Örtchen Gobernador Gregores einen Geldautomaten zu finden. Erstaunlicherweise sind die 60 Kilometer zurück zur Ruta 40 fast vollständig asphaltiert und ich frage mich, nach welchen Kriterien ausgewählt wird, welche Straße Asphalt bekommt und welche nicht. Vor einigen Jahren waren weite Teile der 40 nicht asphaltiert, auch heute noch gibt es viele hundert Kilometer Schotterpiste. Doch an vielen Stellen wird gebaut und ich schätze, dass in weniger als zehn Jahren die Ruta 40 durchgehend asphaltiert sein wird.

Dass ich mich auf die Piste konzentrieren muss und nicht nach rechts und links schauen kann, macht hier überhaupt nichts. Denn es gibt absolut nichts zu sehen. Keine Bäume, keine Sträucher, keine Seen. Nur hin und wieder ein paar Flüsse. Außer vier Füchsen, ein paar Hasen und einigen Guanakos sehe ich auch keine weiteren Tiere.  Gott, wie öde das hier alles ist. Dazu kommt, dass ich ständig in einem vielleicht 70 Meter breiten Korridor fahre, denn die Strecke ist komplett eingezäunt. Warum auch immer, denn wie gesagt, viel Wild sehe ich hier nicht. Einige Male sehe ich Guanaco-Kadaver über dem Zaun hängen. Sie wollten offenbar drüber springen, sind aber mit den Hinterläufen hängen geblieben und konnten sich nicht mehr befreien. Entweder sind sie qualvoll gestorben oder wurden von Autofahrern mit einer Waffe erlöst, hoffentlich letzteres.

Mir fällt auf, dass unmittelbar neben der Piste auch eine nagelneue Asphaltstrecke verläuft, die man aber nicht befahren soll. Zunächst halte ich mich daran, später sehe ich es nicht ein, dass ich über die Piste holpere, während ein paar Meter weiter feinster Asphalt lockt. Ich kreuze durch den Sand und die Böschung und fahre auf der guten Straße weiter. Anscheinend ist sie noch nicht freigegeben, aber wen interessiert das hier schon? Zumindest nicht die Bauarbeiter, die ich an einigen Stellen passiere und freundlich grüße. An manchen Stellen geht es nicht weiter, Erdwälle versperren den Weg, dahinter ist die Fahrbahn aufgerissen, große Wasserrohre werden verlegt. Also runter von der Piste, einen Bogen gedreht und die Böschung wieder hoch. Das mache ich eine ganze Weile und komme zügig voran. Die Ruta 40 macht einem das Kilometerfressen leicht, zumal es zwischendurch nichts gibt, wo ich hätte bleiben können. Keine Ortschaft, kein Hostel, nichts. Wildes Campen wäre nur unmittelbar neben der Fahrbahn möglich, wegen der Zäune.  
Am Abend erreiche ich El Chalten, mehr als 700 Kilometer stehen auf dem Tageskilometerzähler. Morgen habe ich mir wieder einen Ruhetag verdient. Zeitgleich mit mir kommt Dan, ein großer bärtiger Backpacker aus Australien auf dem Campingplatz an. Wir zelten nebeneinander und unterhalten uns den Rest des Abends in der Gemeinschaftshütte des Campingplatzes.

Hier fühle ich mich wohl, die Atmosphäre ist toll. Jeder der etwa 30 Gäste in der Holzhütte hat mindestens ein Kleidungsstück eines namhaften Outdoorartikel-Herstellers am Körper. Mit meinem X-Tage-Bart (so genau weiß ich das nicht) bin ich fast schon underdressed, ein Vollbart darf es hier ruhig sein. Drei Männer haben kunstvoll geflochtene Dreadlock-Dutts, einige sehen aus, als hätten sie gerade den Mount Fitz Roy erklettert. Die Arme des drahtigen Franzosen neben mir scheinen nur aus Muskeln und Adern zu bestehen, die rauen Finger haben sicher schon in einigen Felswänden der Welt gesteckt. Niemand würde hier komisch gucken, wenn plötzlich jemand mit Klettergurt, Karabinern, Expressen und Kalkbeutel am Gürtel und einem Seil um die Schultern hier rein spazieren würde. Tatsächlich kommen später einige mit großen Matten auf dem Rücken vom Boulder-Areal zurück. Auf den Tischen stehen die Campingkocher, Dosen werden mit Messern geöffnet, Karten und Routen besprochen. Dabei herrscht relative Ruhe, nicht so wie in manchem Hostel, wo abends der Mob tobt.

Als ich damals von Mendoza aus mehrmals am Aconcagua vorbeigefahren bin, habe ich mich gefragt, was eine Besteigung wohl kosten mag. Immerhin ist er der höchste Berg der Welt außerhalb des Himalaya. Dan, der Australier, hat es versucht und für eine 20-tägige Trekkingtour mit kompletter Verpflegung, Lasttieren und Organisation 3000 US-Dollar gelöhnt. Einige hundert Meter unter dem Gipfel musste die Gruppe allerdings umkehren, da der Wind zu stark war. Wenn man bedenkt, dass eine Everest-Besteigung (bzw. der Versuch) an die 50.000 US-Dollar kostet, ist das gar kein so schlechtes Angebot. 
 
Dienstag, 29. Januar 2013 
 
7.45 Uhr klingelt mein Wecker, kurz nach 8 Uhr habe ich meinen kleinen Rucksack gepackt und gehe los. Dunkle Wolken hängen tief über den Bergen, es ist zwar frisch, aber nicht sehr kalt.  Hoffentlich wird das Wetter noch besser. Zunächst führt der Wanderweg nur leicht bergauf, über Wiesen und zwischen kleinen Wäldern hindurch. Nicht schwer, nicht spektakulär, aber nett anzuschauen. An zwei Stellen darf legal gecampt werden und in der Tat haben einige Leute ihre komplette Ausrüstung hier hoch gebuckelt. Nach einem etwa einstündigen Anstieg durchquere ich ein großes Plateau, an vielen Stellen plätschern kleine Bergbäche durch die Wiesen, ich trinke aus ihnen so oft es geht. Teilweise führt der Pfad mitten durch mehrere Meter hohe Büsche, es ist so eng, dass zwei Leute nicht nebeneinander gehen können. Durch Wälder, über Wiesen und Bäche, über Stock und Stein – besonders anspruchsvoll ist dieser Teil des Weges nicht. Doch das wird sich ändern. Während der Tour ist vor allem der Ausblick spektakulär: Ständig ist der Fitz Roy in Sicht und die anderen ihn umgebenden Gipfel. Auf vielen liegt noch Schnee, weit entfernt schlängelt sich ein Gletscher zwischen zwei Bergen in die Tiefe. Langsam bahnt sich die Sonne einen Weg durch die Wolken, meine Windjacke habe ich schon längst eingepackt, und selbst mit dem Pullover wird es fast zu warm. Die Wolken verziehen sich und endlich ist der spitze Gipfel des Fitz Roy in voller Pracht zu sehen.

Nach etwa zwei Stunden erreiche ich ein Schild, das vor dem nächsten Abschnitt warnt. Empfohlen werden Erfahrung, Bergschuhe und eine gute Kondition. Ich habe nichts von alledem und nach acht Monaten auf dem Motorrad schon gar keine gute Kondition. Naja, wird schon nicht so schlimm sein. Bislang waren die Wanderzeiten auf den Schildern mehr als großzügig bemessen, fast so wie in den USA, wo die Zeitangaben anscheinend für 300 Pfund schwere Amerikaner gelten. Ich war zunächst viel schneller unterwegs, doch leider behalten die Schilder hier recht. Denn die letzte Stunde geht es steil nach oben. Richtig steil. Einen Meter vor und dabei einen Meter hoch? 100 Prozent Steigung, das gibt es hier an einigen Stellen. Ich schleppe mich weiter, bin außer Atem, muss immer öfter kurz anhalten, bevor ich wieder 15 Schritte mache. Lose Steine, Sand, Geröll, meine Tritte werden unsicherer, aber es nicht mehr weit. Ich blicke nach oben und sehe weit (es ist doch noch sehr weit!) vor mir kleine bunte Punkte am Berg, andere Wanderer. Sauerstoff, eine Trage, eine Seilbahn. Ich quäle mich weiter, denke an den Apfel und die Kekse im Rucksack, an die Schokolade.

Geschafft! Der Anstieg wird flacher und endlich bin ich oben. Hinter mir: das gewaltige grüne Tal, das ich vorhin durchquert habe. Vor mir unten: ein blauer Bergsee. Vor mir oben: der Mount Fitz Roy, dessen Gipfel jetzt wieder leicht von Wolken verhangen ist. Oben treffe ich ein amerikanisches Paar, die ebenfalls neben mir auf dem Campingplatz stehen. Nach den obligatorischen Fotos kraxeln wir zum See hinab, ich tauche die Hand ein und bin überrascht: Es ist zwar kalt, aber nicht extrem kalt.  Das findet auch der Ami, zieht sich aus und springt in den Bergsee. Ob ich auch kurz rein hüpfe? Ich würde ja schon gerne, traue mich dann aber doch nicht. Pause. Essen. Ausruhen. Nach knapp einer Stunde am Aussichtspunkt gehe ich zurück und bin nach weiteren drei Stunden wieder auf dem Campingplatz. Meine Beine sind schwer, ich will nur noch liegen. Aber ich schleppe mich zum Supermarkt, kaufe Essen und Bier. Nach einer Stunde geht’s mir schon besser. Zusammen mit Dan, dem Australier, sowie Becca und Jack aus Colorado sitze ich den Rest des Tages im Gemeinschaftshaus des Campingplatzes. Heute habe ich mir ein Steak verdient! Für umgerechnet etwas mehr als 12 Euro bekomme ich ein riesiges saftiges Stück Fleisch und reichlich Pommes in einem Restaurant. In Chile hätte das bestimmt das Doppelte gekostet. Nach einigen Bieren gehen wir noch auf einen Absacker in eine kleine Weinstube und bestellen den billigsten Wein, den wir in der Regalwand finden können. Ich mag eigentlich keinen Rotwein, aber selbst der billigste schmeckt mir ziemlich gut. 
 
Mittwoch, 30. Januar 2013 
 
Bis El Calafate sind es nur etwas mehr als 200 Kilometer, also lasse ich mir morgens Zeit. Becca und Jack haben mir gestern noch einen Tipp für ein günstiges Hostel gegeben und nach einigem Suchen finde ich es. Leider ist es voll mit jungen, lauten Israelis, die schreien und schlecht auf einer Ukulele spielen (gestern habe ich es noch geschrieben!!) Dazu kommt noch, dass ein zotteliger Hostel-Mitarbeiter ohne Unterbrechung die ersten Takte von „The Lion sleeps tonight“ zupft, wenn nicht gerade die Israelis die Klampfe in der Hand haben. Ich glaube, ich ziehe morgen freiwillig auf einen Campingplatz um. Auf dem Flur ist die Hölle los, mit Ohrenstöpseln wird es erträglich. 
 
Donnerstag, 31. Januar 
 
Keine Nacht länger bleibe ich hier und checke früh aus. Ich möchte zum Gletscher Perito Moreno, er liegt nur rund 80 Kilometer entfernt. Auf dem Weg dorthin erlebe ich ein besonderes Phänomen: selbst beim Geradeausfahren nutzen sich die Außenseiten der Reifen ab, denn der Wind kommt mit so einer Kraft von rechts, dass ich quasi in Schräglage geradeaus fahre. Daran kann man sich gewöhnen, aber die Böen sind tückisch und unheimlich stark, ein paar Mal versetzt es das Motorrad mit einem Hieb nach links auf die Gegenfahrbahn. Zum Glück ist die Straße leer.

100 Pesos Eintritt werden fällig, umgerechnet etwa 20 Dollar. Ich bin schon kurz nach zehn am Gletscher und leider ist das Wetter ziemlich schlecht. Graue Wolken lassen kaum Sonnenlicht durch, der Gletscher bleibt grau und leuchtet nicht schön blau. Auf großen terrassenartig gebauten Plattformen können Besucher den Gletscher direkt von vorn bestaunen.

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Hier lassen sich die Größenverhältnisse ungefähr erkennen.

Mehrere Wege führen von links nach rechts, auf den weitläufigen Plattformen hat man genügend Platz und muss nicht dicht gedrängt neben 20 schnatternden Chinesen stehen. Der Gletscher beeindruckt durch seine schiere Größe: Der weiße Riese ist fünf Kilometer breit und 30 Kilometer lang. Die Aussichtsplattformen sind so nah dran, dass ich mit dem Weitwinkel-Objektiv nicht die ganze Breite auf einem Bild erfassen kann. Plötzlich ein Gewehrschuss. Nein, kein Schuss, irgendwo im Gletscher hat es gekracht, Spannung baut sich ab. Immer wieder brechen kleinere Stücke der Spitzen ab und fallend krachend ins Wasser. Beeindruckend, wenn man sieht, wie ein Stück ins Wasser fällt und das gewaltige Donnern einen erst etwa zwei Sekunden später erreicht – der Abbruch passierte also in etwa 650 Meter Entfernung. 
Direkt vor der Plattform fiel heute leider kein großer Brocken ins Wasser, aber es muss ein tolles Schauspiel sein. Der Himmel ist immer noch grau und so wie es aussieht, wird sich das in nächster Zeit nicht ändern. Zurück auf dem Parkplatz stehen mittlerweile bestimmt zehn Reisebusse, es empfiehlt sich also, entweder möglichst früh da zu sein (da ist allerdings das Licht nicht so toll), oder recht spät am Abend. Der Park ist bis 20.30 Uhr geöffnet, vielleicht wäre das einen Versuch wert.

Der Wind hat etwas abgeflaut, die Rückfahrt verläuft ruhig. In El Calafate drehe ich wieder eine Runde und suche einen Campingplatz. Auf dem Weg sehe ich aber drei Argentinier mit Reisemotorrädern und frage sie, ob sie eine gute Unterkunft hätten. Haben sie, und fahren gleich mit mir hin. Am Abend heizen Lucas, Juan Pablo und Jorge den riesigen gemauerten Grill im Garten an und legen Fleisch auf den Rost. 3,5 Kilogramm insgesamt für fünf Leute. Mein erstes Asado mit Einheimischen und ich staune, wie sie das Fleisch zubereiten. Unter dem Rost, der erstaunlich hoch hängt, liegt nur sehr wenig Glut. Und das soll was werden mit den dicken Stücken Fleisch? Aber wenn einer weiß, wie man saftige Steaks grillt, dann die Argentinier; also lasse ich sie machen. In einer Ecke des Grills wird Glut angehäuft, und nach und nach schiebt einer der Jungs immer wieder eine kleine Menge unter das Fleisch. Sie benutzen keine Kohle, sondern dünne Holzleisten aus Obstkisten. Im Garten liegt eine ganze Ecke damit voll, wahrscheinlich wird das immer zum Grillen verwendet. Ich habe Hunger und werde ungeduldig, denn eine Stunde liegen die Steaks jetzt bestimmt schon auf dem Rost. Das ist anscheinend das Geheimnis: langsames Garen, damit das Fleisch saftig bleibt. Das funktioniert natürlich nicht im Restaurant, wo man nicht anderthalb Stunden auf sein Essen warten kann. Sorry, liebe Vegetarier, dass ich das so ausführlich beschreibe. Nach einer gefühlten Ewigkeit schneidet Juan Pablo das Fleisch an, befindet es für gut und wir essen. Was soll ich sagen, zarter und saftiger geht es nicht! 
 
Freitag, 1. Februar 
 
Mein Tagesziel Rio Gallegos liegt 300 Kilometer entfernt, also lasse ich mir morgens Zeit. Die drei Argentinier sind schon vor mir gestartet, sie fahren eine andere Strecke. Es ist so stürmisch, wie ich es auf der Tour noch nicht erlebt habe. Ständig bläst der Wind so stark von rechts, dass ich wieder in Schräglage geradeaus fahre. Heftige Böen schütteln mich durch, nach kurzer Zeit habe ich Schmerzen im Nacken, weil ich die ganze Zeit meine Nackenmuskeln anspannen muss. Dazu ist es mit 12 Grad Celsius zwar erträglich, aber nicht gerade angenehm. Denn irgendwo kommt immer der Wind durch, egal wie gut ich mich anziehe, wie eng ich die Hosenbeine am Stiefel zuklette und wie sehr ich den Hals einziehe. Auf einer Hochebene fällt die Temperatur auf acht Grad und ich denke, dass die Reise endet, wie sie begonnen hat. Damals in Alaska lagen die Temperaturen anfangs ähnlich niedrig.

Trotz des Windes bin ich zügig unterwegs und versuche kurz nach Mittag in Rio Gallegos ein Hostel zu finden. Erfolglos. Ich frage im angeblich einzigen Hostel nach dem Preis, die 25 Dollar sind mir jedoch zu viel; ich brauche kein Einzelzimmer für mich. Sonst gibt es nur noch Hotels, die alle deutlich teurer sind. Nachdem ich eine halbe Stunde lang Hotels abgeklappert habe und mir Rio Gallegos überhaupt nicht gefällt, fahre ich weiter Richtung Grenze. Die ist ohnehin nur noch 50 Kilometer entfernt. In dieser abgelegenen Gegend hatte ich nicht erwartet, dass die Abfertigungshalle mit Menschen vollgestopft ist. Doch genau das ist der Fall, gemeinsam mit zwei US-Amerikanern, die ich gestern am Gletscher getroffen habe, stehe ich mehr als zweieinhalb Stunden in der Schlange, um mich und das Motorrad mal wieder nach – wo bin ich überhaupt gerade? – zu importieren. Im Ernst, manchmal in der Stadt weiß ich für ein paar Sekunden nicht, ob ich mich gerade in Chile oder Argentinien befinde. Die ganzen Grenzüberschreitungen sind nur lästig, morgen steht wieder eine an, weil die Grenze hier unten etwas eigenartig verläuft. Und auf dem Rückweg nach Santiago muss ich auch noch einige Male hin und her springen!

Kurz hinter der Grenze steht eine Tankstelle, die aber nur Diesel verkauft. Merkwürdigerweise verbraucht die Yamaha heute so viel, wie noch nie auf der Tour. Okay, heute Vormittag auf dem Weg nach Rio Gallegos bin ich eigentlich immer um die 130 km/h oder schneller gefahren, das schien trotz (oder vielleicht gerade wegen) des starken Windes angemessen zu sein. Vielleicht kam der Wind auch öfter von vorn. Nun blinkt die Reserveanzeige viel früher als erwartet und ich bin froh, dass nach 60 Kilometern doch noch eine kleine Tankstelle an der Straße steht.

In Punta Arenas das gleiche Spiel wie vorhin in Rio Gallegos. Immerhin ist hier die ganze Stadt voll mit Hostels, ich frage bei einigen nach dem Preis. Das „Backpackers Paradise“ wird seinem Namen zwar nicht gerade gerecht, mit umgerechnet zehn Euro pro Nacht ist es aber konkurrenzlos günstig.

Punta Arenas ist mit knapp 120.000 Einwohnern keine Kleinstadt. Umso erstaunlicher der Zufall, dass die drei Argentinier von gestern genau in dem Moment an der Kreuzung vorm Hostel halten, als ich draußen stehe.

2013-02-25-Mathias Heerwagen-biker.jpg Mit argentinischen Bikern im Restaurant in Punta Arenas.

Großes Hallo, denn eigentlich haben wir nicht damit gerechnet, dass wir uns wiedersehen. Wir verabreden uns, ich hole sie eine Stunde später von ihrem Hostel ab und zusammen sitzen wir bis spät in einem Restaurant – und essen Fleisch. Wieder mal. 
 
Samstag, 2. Februar 
 
Heute gibt es nichts, über das es sich zu schreiben lohnt. 
 
Sonntag, 3. Februar 
 
Mit Windstärke 11 ans Ziel 
 
Ich stehe kurz vor 9 Uhr am Fährhafen in der Schlange, als ich mit einem anderen Biker ins Gespräch komme. Er meint, ich müsse am Schalter ein Ticket kaufen, doch die Schlange davor ist ziemlich lang. Seine Frau steht allerdings auf Platz drei, er sagt ihr schnell Bescheid und sie kauft ein Ticket für mich mit. Perfekt. Zurück an den Motorrädern sehe ich, dass die beiden aus Rumänien kommen – und ich sie schon zweimal auf der Straße gesehen habe! Als ich vor einigen Wochen mit Alex von der Dakar-Runde zurückgekommen bin, haben wir Andreea und Alexandru zweimal überholt und sind eine ganze Weile hinter ihnen her gezuckelt. Alex und Alex fuhren damals beide nur zwischen 90 und 100 km/h.

Während der Fährfahrt unterhalten wir uns die ganze Zeit und sind ständig besorgt, dass die Bikes umkippen könnten. Die Decksarbeiter haben die Motorräder nämlich äußerst dürftig verzurrt und das Schiff schwankt doch beträchtlich. Aber alles geht gut. Kurz vor Ankunft in Porvenir tauchen vor unserem Fenster in nur drei Meter Entfernung Delphine oder kleine Wale auf und schwimmen und springen eine ganze Weile neben uns her.

Die ersten 100 Kilometer ab Porvenir ist der Wind noch erträglich, doch danach wird es nicht mehr feierlich. Ich fahre wieder in Schräglage geradeaus und bin froh, dass der Wind von rechts kommt. Starke Böen schieben mich ab und zu plötzlich nach links auf die Gegenfahrbahn – zum Glück ist hier unten nicht viel los. Schon komisch, je nachdem, wie die Straße verläuft, habe ich den Wind manchmal im Rücken. Dann kann ich bei Tempo 100 die Hand zur Seite ausstrecken und spüre kaum Winddruck. Eine 90-Grad-Kurve später kommt es wieder volle Breitseite. Der Nacken wird steif, ich ziehe den Kopf ein und versuche, das Motorrad auf der Straße zu halten. Ein paar Motorradfahrer kommen mir entgegen, sie scheinen aber mehr Probleme zu haben als ich, denn der Sturm rüttelt sie deutlich stärker durch als mich. Vielleicht ist es hier von Vorteil, ein nicht ganz so leichtes Motorrad zu haben. Eine Stunde zuvor auf der Fähre von Punta Arenas nach Porvenir haben ein paar andere Biker und ich noch gescherzt:

2013-02-25-Mathias Heerwagen-Ushuaia-Wetter.jpgZehn Grad Celsius gehen ja noch, aber der Rest ist nicht so angenehm. Besonders die starken Böen bereiten Probleme.

„Hier hat es Böen mit 100 km/h und in Ushuaia mit 200!“ Das mit Ushuaia stimmt natürlich nicht, aber die 100 spüre ich gerade am Leib. Meine Wetter-App hat konstante Windgeschwindigkeiten um 55 km/h mit Böen bis 100 km/h vorhergesagt. Es ist schwer, so etwas auf dem fahrenden Motorrad einzuschätzen, aber ich wette, es waren noch mehr als 100 km/h. Das entspricht übrigens Windstärke 10, also einem „schweren Sturm“; ab 103 km/h wären es Windstärke 11 und orkanartiger Sturm. Laut Wikipedia hat Windstärke 10 folgende Wirkung an Land: „Bäume werden entwurzelt, Baumstämme brechen, Gartenmöbel werden weggeweht, größere Schäden an Häusern; selten im Landesinneren“. Klar, es weht nicht ständig so stark, sondern in Böen. Aber wenn Bäume entwurzelt werden können, kann es mich auch von der Straße fegen. Ich habe von einigen anderen Motorradfahrern gehört, denen das hier unten passiert ist.

Ich schaffe es nach San Sebastian, überquere wieder einmal die Grenze nach Argentinien und fahre weiter nach Rio Grande. Auf dem Weg scheint der Wind mehrmals zu drehen, kommt auch mal von links und wird damit richtig gefährlich. Zweimal bläst es mich plötzlich so weit nach rechts, dass ich bei Tempo 100 oder mehr nur noch eine Reifenbreite vom weichen Schotterstreifen entfernt bin. Adrenalin pur. Volltanken in Rio Grande, dann weiter nach Süden, bis Ushuaia kann ich es heute schaffen. Wieder ist der Wind extrem stark, aber irgendwie geht es den Umständen entsprechend sicher voran. Plötzlich mitten in der Pampa: Ein Polizei-Checkpoint, einer der Beamten sieht mich angeweht kommen und hält die Kelle raus. Hier ist Schluss für heute, meint er, der Wind sei zu stark für Motorradfahrer. Ach, das habe ich ja noch gar nicht bemerkt! Ein holländischer Biker steht mit seiner Suzuki V-Strom 650 neben der Polizei-Hütte und will warten. Ich sage zum Polizisten, dass es die ganzen letzten 200 Kilometer extrem schlimm war und sie lieber irgendwo weiter hinten hätten stoppen sollen. Er beharrt nicht sonderlich lange auf seiner Position und meint, wenn ich unbedingt wolle, solle ich fahren. Was ich tue. Und komischerweise lässt auf der folgenden Strecke der Wind spürbar nach.

Noch 170 Kilometer bis Ushuaia. Noch 111. Mehr als einmal habe ich einen Kloß im Hals, als ich an das Ende der Tour denke. Wie wird es sein, wenn ich dort ankomme, wo ich seit acht Monaten hin möchte? Nieselregen setzt ein, das Bordthermometer zeigt elf Grad und fällt bis auf acht. Nach den vielen hundert furchtbar öden und stürmischen Kilometern der letzten Stunden fahre ich nun durch dichten Wald, der den Wind wirksam abschwächt. Das Navi meldet noch 30, 20, zehn Kilometer, nach einer letzten leichten Rechtskurve sehe ich rechts und links neben der Straße zwei große Türme mit senkrechtem „Ushuaia“-Schriftzug aus Holz darauf.

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Geschafft.

Ich bin am Ziel. Ganz plötzlich, nach acht Monaten. Fin del Mundo, am Ende der Welt. Keine Stadt liegt südlicher, Puerto Williams auf der anderen Seite des Beagle-Kanals ist nur ein Dorf. 
Mir ist nicht nach Weinen zumute, nicht nach Feiern oder Jubeln. Es ist ein komisches Gefühl. Stolz und traurig zugleich. Zwar liegen noch mehr als 3000 Kilometer Rückweg nach Santiago vor mir, aber dennoch endet hier für mich ein Traum. Über 52.000 Kilometer bin ich vom nördlichsten befahrbaren Punkt Nordamerikas bis hierher gefahren – und nun ist Schluss.

2013-02-25-Mathias Heerwagen-Südlichste Posisiton der Reise.jpgDie südlichste Position meiner Reise.

Ich tippe mit kalten Fingern die Adresse des Campingplatzes ins Navi, fahre die restlichen fünf Kilometer, baue mein Zelt auf, koche, schreibe eine SMS und lege mich schlafen. 
 
Montag, 4. Februar 
 
Kurz vor zehn Uhr wache ich auf, weil es im Zelt unglaublich warm ist. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, der Wind hat sich komplett gelegt! Man sagt nicht umsonst, dass man in Patagonien in 24 Stunden alle vier Jahreszeiten erleben kann. Irgendwie plätschert der Tag vor sich hin, ich spaziere runter in die Stadt (der Campingplatz liegt am Fuße einer Skipiste etwas oberhalb der Stadt), schlendere durch das unglaublich auf Tourismus ausgelegte Stadtzentrum, kaufe die letzten Sticker für die Seitenkoffer, mache ein paar Fotos und gehe zurück zum Campingplatz.

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Am Ziel im Nationalpark Tierra del Fuego, etwa 20 Kilometer außerhalb von Ushuaia.

Oben angekommen will ich ein Foto der vielen Lupinen machen, die hier überall stehen, aber meine Kamera meldet einen Speicherkartenfehler. Raus, rein, an, aus, nichts hilft, die Kamera erkennt die Karte nicht mehr. Ich bin nicht abergläubisch, aber es schon merkwürdig, dass die Karte ausgerechnet hier unten am Ziel den Geist aufgibt, oder? Ich setze die Ersatzkarte ein und alles funktioniert wieder. Im Lesegerät kann ich die andere Karte immerhin noch auslesen.

Der letzte MOTORRAD-Sticker findet seinen Weg auf die Scheibe der Gemeinschaftshütte des Campingplatzes.

Dienstag, 5. Februar.
Am 5. Juni ging mein Flug nach Anchorage, exakt acht Monate später bin ich am Ziel.

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Ich müsste mal wieder dringend zum Frisör, mein Bart ist derzeit länger als das Profil von Vorder-und Hinterreifen zusammen, meine einzige lange Outdoor-Hose hat einen irreparablen Riss, das Visier ist verkratzt und trüb, die Zähne des Tankrucksack-Reißverschlusses greifen seit ein paar Tagen nicht mehr ordentlich ineinander, die Konten sind nahezu geplündert. Und ich habe meine Freundin lange genug warten lassen.

Es wird Zeit, nach Hause zu kommen. 

 
Anmerkungen und Gedanken zur Tour 
 
Alaska, Kanada, die lower 48 der USA, Mexiko, Belize, Guatemala, Honduras, Nicaragua, Costa Rica, Panama, Kolumbien, Ecuador, Bolivien, Peru, Chile und Argentinien. 
 

Während meiner Reise habe ich gefeiert, getrunken, gesoffen, gelacht, geweint, gekifft, geflucht, getanzt; und habe andere Gelegenheiten ausgelassen. In Alaska und Kanada habe ich bei wenigen Grad über Null gefroren, in Mexiko bei weit über 40 Grad geschwitzt. Ich habe Eisschollen vor Deadhorse/Prudhoe Bay und die sandige Wüste in Arizona gesehen. Bin durch die wunderschönen Nationalparks der USA gefahren, durch die scheinbar endlosen Weiten in Patagonien. Ich war in Mexiko und Honduras tauchen, habe mich in Nicaragua auf dem Surfbrett versucht und bin in den patagonischen Anden gewandert. Diese vielfältigen Möglichkeiten, die vielen verschiedenen Landschaften und Menschen waren einer der Hauptgründe, warum ich die Panamericana fahren wollte. Und ich wurde nicht enttäuscht. Außer in Machu Picchu. Die Tour in das bolivianische Bergwerk in Potosi hat mich schwer beeindruckt, der größte Salzsee der Welt hat meine Augen geblendet, viele harte Waschbrettpisten haben mich durchgeschüttelt und dem Material alles abverlangt. Ich sehne mich in die Beach-Cities nach Los Angeles und ins schöne Calgary zurück und bin sicher, dass ich nie wieder Panama-City besuche; außer zum Umsteigen auf dem Flughafen.
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Ich habe unzählige Leute kennengelernt, neue Freunde gefunden und viele flüchtige Bekannte schon wieder vergessen. Ich habe Gastfreundschaft kennengelernt, wie es sie in Deutschland kaum geben würde. Mehr als einmal habe ich auf der Rallye-Strecke der Baja California in Mexiko das Motorrad auf die Seite gelegt und mit Hilfe der drei Australier wieder aufgehoben, genauso wie ich ihre Bikes wieder hochgewuchtet habe. Noch heute haben wir Kontakt. Das gilt auch für viele andere Motorrad-Reisende, die ich unterwegs getroffen habe – und einige von ihnen bestimmt in Deutschland wiedersehe.
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Mein Handy befindet sich vielleicht noch auf Utila – während der ganzen Reise wurde mir nur ein einziges Mal etwas gestohlen, und selbst das war noch mein Fehler. Ich habe mich niemals irgendwo richtig unsicher gefühlt. Wahrscheinlich sehe ich zumindest in Motorradklamotten (1,90 Meter und mit Protektoren optisch 100 Kilogramm) nicht aus wie das typische Überfall-Opfer.  Ja, in den Medien war zuletzt zu lesen, dass in Mexiko Touristinnen vergewaltigt wurden, in Kolumbien zwei Deutsche entführt wurden und dass es in Peru verstärkt Überfalle auf Autos gibt – mitten im Berufsverkehr. Ich spiele die Risiken nicht herunter, aber exakt das gleiche passiert auch in Europa; wenn auch nicht so häufig, zugegeben. 
 
Es gab niemals wirklich gefährliche Situationen. In Mittel- und Südamerika haben mich zwar ständig Hunde angefallen, einer hat mich ins Bein gebissen – zum Glück hatte ich die robuste Motorradhose an – aber auch das ist kalkulierbar. Um Haaresbreite hätte ich beinahe einmal bei Tempo 100 einen Hund überfahren, einmal knallte mir irgendein großer Vogel gegen den rechten Fuß, zweimal prallten mir bei Tempo 80 auf der Schotterpiste größere Steine gegen den großen Zeh und verursachten mir noch größere Schmerzen. Das Erste-Hilfe-Päckchen habe ich nie gebraucht. 
 
Auch meine Verlust-Liste hält sich in Grenzen: ein T-Shirt, ein Paar Socken, eine Gegenlichtblende meines Objektivs – alles nicht schlimm. Ungefähr ein Dutzend Biere habe ich in Hostel-Kühlschränken vergessen, drei oder vier Zimmerschlüssel aus Versehen mitgenommen.
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Große Armut, Lebensbedingungen wie man sie sich bei uns nicht vorstellen kann. Einfachste Hütten mit Blechdächern, kein fließend Wasser, keine Abwasserkanäle. Und doch habe ich in Mittel- und Südamerika nur sehr wenige Bettler gesehen. Selbst in sehr armen Ländern wirkten die Menschen nicht unglücklich, soweit ich das beurteilen kann. Kinder, die spielend mit einem Stock eine Fahrradfelge vor sich her treiben, sowas kannte ich nur aus dem Fernsehen. In Ecuador und Peru gehört das zum Alltag.
Ich weiß nicht, ob die Menschen sich mit ihrem Schicksal abgefunden haben. Eher glaube ich, dass es für sie gar nicht schlimm ist, weil sie nie ein anderes Leben kennengelernt haben. Sie kennen nicht den Luxus, einfach die Heizung aufzudrehen, wenn es kalt wird. Sie haben keine 300 TV-Programme, die Kinder haben keine Playstation, die Frauen waschen nicht mit Miele sondern mit einem Waschbrett im Fluss. Oft ziehen noch Ochsen den Pflug durch das Feld wo anderswo auf der Welt der 200.000-Dollar-Traktor GPS-gelenkt fast vollautomatisch über den Acker rollt. Trotz allem kann ich wirklich nicht sagen, dass die Menschen auf mich einen unglücklichen Eindruck gemacht haben. Sie waren nicht unterernährt, hatten meist verhältnismäßig ordentliche Kleidung und oft ein Lächeln im Gesicht. Ich hatte selten Mitleid mit ihnen, weil ich meist das Gefühl hatte, dass es ihnen den Umständen entsprechend gut geht und sie gar kein Mitleid wollen.
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15 Länder habe ich durchquert, an keiner Grenze habe ich mehr als 3,5 Stunden für die komplette Abwicklung inklusive Zoll gebraucht. Meist war ich sogar deutlich schneller im nächsten Land, manchmal sogar nach 15 Minuten. Mit korrupten Grenzern hatte ich nicht einziges Mal zu tun. Ich kann keine der vielen Horrorstorys bestätigen, die man hin und wieder im Internet liest. Hatte ich nur Glück? Ich glaube nicht. Ich denke, es steht eine neue Generation an den Grenzen, junge Beamte die wollen, dass ihr Land positiv im Gedächtnis bleibt und nicht als ein korrupter Polizeistaat. Kolumbien arbeitet seit Jahren an seinem Image und ich fand es schade, dass ich in diesem schönen Land nicht noch mehr Zeit verbracht habe. Gleiches gilt für Mexiko, das Land vor dem mich die meisten Leute (besonders US-Amerikaner) unterwegs gewarnt haben. Natürlich zu Unrecht, Mexiko war großartig.
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Ich habe noch die Worte im Kopf, die meine Freundin mir in der Mail schrieb, nachdem ich ihr sagte, dass ich gerade mein Ticket nach Alaska gebucht habe: „Dir ist nicht mehr zu helfen.“ Und doch bereue ich keine Sekunde; in den vergangenen Monaten hatte ich zweifellos die bislang beste Zeit meines Lebens. Mittlerweile sieht sie das genauso.

Mein ausdrücklicher Dank geht an Yamaha Deutschland, die mit der XT1200Z in der World Crosser-Edition ein beinahe perfektes Motorrad für die Tour zur Verfügung gestellt haben, das mich niemals im Stich gelassen hat. Und natürlich bedanke ich mich beim MOTORRAD-Chefredakteur Michael Pfeiffer, dass er sein Versprechen gehalten hat. Als ich ihm einige Monate vor der Reise von meinem Plan erzählte, hat er versprochen, ein Motorrad zu organisieren. Heute freue ich mich, dass ich die XT1200Z mehr oder weniger unversehrt wieder nach Deutschland bringen konnte. Und dass Herr Pfeiffer unrecht hatte, als er mir im letzten Gespräch in seinem Büro sagte, es bestehe doch nur eine 30-prozentige Chance, dass das Motorrad überhaupt wieder zurück kommt – weil es mir vorher bestimmt irgendein Drogenboss in Lateinamerika abnehmen oder ich es schrotten würde. Gut, die Maschine war Vollkasko versichert.
Wenn alles gut geht und der Flieger mit dem Motorrad pünktlich in Frankfurt landet, zeige ich die Yamaha auf der Messe „Motorräder“ in Dortmund, vom 28.02.2013 bis 03.03.2013 am MOTORRAD-Stand. 

 

Anmerkungen und Gedanken zum Motorrad

 

Kupplungsschäden, abgebrochene Fußrasten, ständig losvibrierte Schrauben, defekte Federbeine, durchgebrannte Zylinderkopfdichtungen, leckende Ölkühler, kochende Batterien, kaputte Wasserpumpen, abgescherte Tachoantriebe und sogar gebrochene Rahmen – während meiner Tour habe ich andere Motorrad-Fernreisende getroffen, die diese und viele andere Schäden an ihren Bikes zu beklagen hatten. Teilweise ging es tage- oder gar wochenlang nicht weiter, weil ein dringend benötigtes Ersatzteil nicht oder nur schwer zu bekommen war; Spiegel und/oder Blinker sind abgebrochen, nur weil die Maschine einmal auf die Seite gefallen ist.
Man könnte einwenden, ich hatte nur deshalb kaum Probleme, weil das Motorrad fast nagelneu war als ich gestartet bin. Doch selbst gegen Ende meiner Reise, also nach deutlich mehr als 50.000 Kilometern, hat die Yamaha keine Macken gemacht. Und viele der Problem-Bikes hatten oft weniger Kilometer oder nur wenig mehr runter als die Yamaha; die defekte Zylinderkopfdichtung gehörte zum Beispiel zu einer fast neuen BMW F800GS.

Yamaha Deutschland wirbt auf seiner Webseite mit dem Spruch, dass die XT1200Z Super Ténéré zu den „robustesten Langstrecken-Motorrädern gehört, die wir jemals gebaut haben“. Damit hat Yamaha nicht übertrieben. Mir war es schon selbst unheimlich, dass das Motorrad niemals größere Probleme hatte, selbst dann nicht, als es auf die 50.000-Kilometer-Marke zuging. Es ist nie stehengeblieben, immer angesprungen, hatte nie ein Elektrik-/Elektronik-Problem und selbst nach mittlerweile fast 60.000 Kilometern läuft der Motor noch fast wie zu Beginn der Tour. Okay, etwas rauer hört er sich vielleicht an und vibriert ein wenig mehr als am Anfang.

Ich bin mir fast sicher: Nach einer gründlichen Durchsicht in einer deutschen Fachwerkstatt (nicht in einer in Honduras!)würde die XT1200Z die gleiche Tour noch einmal ohne große Probleme überstehen. Die nahezu perfekte Bilanz wird lediglich durch zwei undichte Gabelsimmerringe getrübt; die einzigen wirklichen Schäden am Motorrad. Wer möchte, zählt noch den abgebrochenen Halter vom Kardanschutz hinzu. Für mich ist das allerdings ein Zubehörteil und das eigentlich dumme daran ist, dass der Schutz aus Aluminium besteht und sich in Dritte-Welt-Ländern kaum jemand findet, der Alu schweißen kann.

Insgesamt sechs- oder siebenmal ist das Motorrad umgefallen bzw. bin ich damit umgekippt, nie auf Asphalt, immer im Gelände, meist in weichem Sand oder auf losem Schotter. Einmal weichte über Nacht im Regen der Boden unter dem Seitenständer auf, ein anderes Mal wurde es in Patagonien vom Sturm auf dem Campingplatz umgeweht. Abgebrochene Blinker oder Spiegel? Fehlanzeige. Die fast nicht sichtbaren Protektoren unterhalb der Seitenverkleidungen haben ihre Aufgabe erfüllt und die Seitencover geschützt. Zwar nicht vor Kratzern, aber davor, dass die Seitendeckel zerbrechen oder dahinterliegende Teile zerstört werden. Leider nahm der rechte Seitendeckel den größten Schaden, als das Motorrad in Argentinien auf einem Hotel-Parkplatz in Mendoza umgefahren wurde – und der Fahrer natürlich verschwand.

Ich habe regelmäßig alle Schrauben auf festen Sitz überprüft und niemals eine gefunden, die wirklich locker war. Hin und wieder konnte ich einzelne Schrauben ein klein wenig nachziehen.
Die Yamaha XT1200Z Super Ténéré gehört nicht zu den leichtesten Reiseenduros, da lässt sich nichts beschönigen. Im weichen Sand der Baja California in Mexiko habe ich mir eine leichte Enduro gewünscht, weil ich in diesem Gelände mit dem Gewicht der vollbepackten Maschine überfordert war. Und das ist der Punkt: Ich behaupte, dass in den allermeisten Fällen nicht das Motorrad der limitierende Faktor ist, sondern der Fahrer. In kundiger, offroad-erfahrener Hand und mit entsprechenden Reifen dürfte die Yamaha sehr weit kommen. Und damit meine ich nicht auf einfachen Schotterpisten, die mit fast jedem Motorrad befahrbar sind, sondern wirklich weit abseits der Pisten.

Selbst mit einer 250er und sogar einer 125er wurde die Panamericana schon „bezwungen“. Natürlich geht das, die Frage ist nur: wie gut? Ist es toll, wenn man selbst von LKW und Bussen überholt wird, in den Bergen kaum voran kommt, das Bike so gut wie keinen Windschutz bietet und der Tankinhalt in manchen Gegenden nicht mal bis zur nächsten Tankstelle reicht? 
 
Aus der Kiste auf die Piste 
 
Während der vergangenen Monate habe ich unterwegs viele andere Motorradreisende getroffen, mit vielen unterschiedlichen Motorrädern. Besonders beliebt sind nach wie vor die große und kleine BMW GS, die kleine Suzuki V-Strom und die Kawasaki KLR 650 – diese Modelle habe ich am häufigsten gesehen. KTM LC4, Suzuki DR 650, Honda Africa Twin oder Transalp bildeten eher die Ausnahme. Ich kann mich an kaum ein anderes Motorrad erinnern, das komplett im Serienzustand war. Besonders die R1200GS waren meist gespickt mit diversen Zubehörteilen und Blechschützern.

Als ich die Yamaha XT1200Z Super Ténéré in der Worldcrosser-Edition in der MOTORRAD-Redaktion übernommen habe, befand sich das Motorrad im absoluten Auslieferungszustand. Und genauso habe ich es verpackt, nach Alaska geschickt und bin damit anschließend 52.000 Kilometer nach Ushuaia gefahren. Außer einem Garmin Zumo 660 habe ich kein weiteres Zubehör montiert. Der potentielle Welt-Umrunder kann also tatsächlich sein Motorrad beim Händler abholen, verschiffen und anschließend seine Traum-Tour starten, ohne vorher noch mehrere hundert Euro in Zubehörteile investieren zu müssen. Ironie des Schicksals ist allerdings, dass ausgerechnet am originalen Kardanschutzblech ein Halter abbrach. Wer denkt, dass ich die Yamaha unterwegs geschont habe, irrt. Das geht nämlich gar nicht, wenn man nicht nur auf Asphalt unterwegs ist. Die tausenden Temposchwellen in Mexiko, Schlaglochpisten in Mittelamerika, schlimmste Waschbrettpisten in Bolivien, staubige oder schlammige Schotterstrecken überall und die wirklich harte Carretera Austral sowie stellenweise die Ruta 40 in Argentinien haben der Yamaha zugesetzt.
Rahmen und Fahrwerk mussten Strecken wegstecken, auf denen ich gedacht habe: „Hier geht gleich alles zu Bruch!“. Aber nichts ging zu Bruch. Eine Schraube vom ABS-Sensor hat sich losvibriert und später noch eine vom Handschutz – keine schlechte Bilanz für mehrere tausend Kilometer teilweise wirklich üble Pisten.
Im Gegensatz zum Fahrwerk habe ich den Motor deutlich weniger beansprucht, als es in Deutschland mit schnellen Autobahnetappen der Fall gewesen wäre. Die volle Leistung habe ich kaum abgerufen, das war selten nötig. Nach der kompletten Strecke von Alaska nach Ushuaia zeigt das Garmin-Navi eine Durchschnittsgeschwindigkeit in Bewegung von 71 km/h. Das deckt sich weitgehend mit Vergleichen anderer Biker, die ich unterwegs getroffen habe. Braucht man für einen Schnitt von 71 km/h mehr als 110PS? Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, untermotorisiert zu sein.

Das alles klingt vielleicht zu sehr nach einer Lobeshymne auf die XT1200Z und man könnte meinen, ich schreibe das nur, weil Yamaha das Bike für die Tour bereitgestellt hat. Dem ist nicht so, und selbst wenn ich wollte, könnte ich nichts Negatives berichten. Mein Vertrag mit Yamaha sah vor, dass ich das Motorrad nach der Tour zurückgebe und für entstandene Schäden selbst aufkomme. Wäre ich mit dem Motorrad nicht zufrieden, hätte ich mich quasi mit einer neuen Felge und einem neuen Seitencover (zugegeben, beide Teile sind nicht billig) „freikaufen“ und die XT zurückgeben können. 
Ich bin jedoch so vom Bike überzeugt, dass ich es selbst kaufen werde. 
 
Für die nächste Fernreise

Wie oben geschrieben, bin ich überzeugt, dass die Super Ténéré dieselbe Tour noch einmal überstehen würde. Nick Sanders hat es vorgemacht, als er mit einer XT1200Z während seines Rekordversuchs von Alaska nach Ushuaia und wieder hoch gefahren ist. Für die nächste Fernreise (nicht in Deutschland) würde ich dennoch ein paar Kleinigkeiten ändern, die hauptsächlich dem Schutz des Motorrades dienen. Hier also ein paar Anmerkungen/Überlegungen:

Die Carbon-Seitenverkleidungen der Worldcrosser-Edition sehen meiner Meinung nach deutlich besser aus, als die Plastik-Verkleidungen der Serien-Version. Die Sache hat allerdings einen Haken: Früher oder später legt vermutlich jeder Weit-/Weltreisende sein Bike auf die Seite, wenn er auch Offroad-Pisten unter die Räder nimmt. Und wenn dann das Carbon-Teil wegen Kratzern ersetzt werden soll, wird es teuer. Daher würde ich vor dem nächsten Trip in die Ferne die Seitendeckel mit robuster Folie abkleben. Gleiches gilt für die Soziushaltegriffe, falls man eine Gepäckrolle quer darüber legt, denn sonst reibt nach vielen tausend Kilometern die Lackierung ab. Wo wir gerade schon die Rolle mit dem Klebeband in der Hand haben: Es war sicher gut, dass ich ab Mexiko die 1200er-Schriftzüge abgeklebt habe. In Mittel- und Südamerika fragt niemand nach PS, sondern immer nur nach Hubraum – je mehr, desto teurer das Bike, desto begehrter bei Kriminellen.

Was braucht man sonst noch am Motorrad? Nun, ich habe sehr häufig meine zweite Bordsteckdose benutzt, die direkt an die Batterie angeschlossen ist. Im Gegensatz zur ab Werk verbauten Steckdose liefert diese auch Strom bei ausgeschalteter Zündung – ideal, um am Abend auf dem Campingplatz das Handy oder den Laptop zu laden. Bei diesen Kleinverbrauchern muss niemand Angst haben, dass das Bike am nächsten Morgen nicht mehr anspringt.

Die zwei defekten Gabelsimmerringe sind ärgerlich, aber kein Beinbruch. Selbst in Honduras konnte ich einen wechseln lassen. Für eine anstehende Weltumrundung würde ich vermutlich dennoch Klett-Gabelschützer aus Neopren montieren. Denn es ist einfach unmöglich, auf den vielen Schlamm- und Schotterpisten die Gabelrohre ständig sauber zu halten; wahrscheinlich haben die Simmerringe deshalb geleckt.

Ich halte wenig von Werkzeugrollen, die am Motorschutz montiert sind. Bei der Yamaha ist das auch gar nicht nötig, denn unter der Sitzbank und unter dem rechten Seitendeckel ist genügend Platz für Werkzeug.

Sollte mir noch etwas einfallen, werde ich es hier ergänzen. 


Kosten auf der Tour

 

Ganz ehrlich: ich weiß nicht genau, was ich während der neun Monate ausgegeben habe. Einzelne Positionen kann ich jedoch relativ genau beziffern, etwa die Transporte, Flüge, Sprit, Reifen etc. In Summe werden es wohl ungefähr 15.000 Euro gewesen sein, wobei der weitaus größte Teil für Transporte, Reifen und Kraftstoff draufging. Die Lebenshaltungskosten sind überschaubar und wenn man nicht jeden Tag im Hotel übernachtet und im Restaurant essen geht, kommt man ziemlich günstig davon.

Motorrad-Transporte per Luftfracht und Flüge von: Frankfurt nach Alaska, Panama nach Kolumbien, Chile nach Frankfurt inklusive meiner Tickets: ca. 4900 Euro

Kraftstoff: Ich rechne jetzt mal mit einem Durchschnittsverbrauch von 5 Liter auf 100 Kilometer während der gesamten Tour. Das sollte einigermaßen realistisch sein, denn das Navi meldet nach 55.000 Kilometer eine Durchgeschnittsgeschwindigkeit in Bewegung von 71 km/h. Als Spritpreis setze ich 80 bis 90 Eurocent pro Liter an, teilweise war Benzin schon sehr günstig, hier in Chile ist er mit etwa 1,20 Euro pro Liter ziemlich teuer.

55.000 Kilometer – 5 Liter/100 km – 2750 Liter – 80 Cent = 2200 Euro (2475 Euro mit 90 Cent)

Reifen: in Summe etwa 600 bis 800 Euro. Dazu muss ich sagen, dass der erste Satz TKC80 von Conti gesponsort wurde und Heidenau mir für den K60 Scout ein gutes Angebot machte. Außerdem habe ich in Calgary einen gebrauchten Hinterreifen geschenkt bekommen, mit dem ich ein paar tausend zusätzliche Kilometer fahren konnte. Jetzt am Ende der Tour sind auch die derzeitigen Reifen am Ende – in Deutschland muss ein neuer Satz rauf. Letztendlich könnte man vielleicht 1000 Euro für Reifen ansetzen.

Für Wartung, Verschleißteile (Bremsen, Luftftilter, Zündkerzen, Öl und Filter) sowie Reparaturen (Gabelsimmerring in Honduras) gingen bestimmt auch noch mal mehrere hundert Euro drauf, das kann ich aber wirklich nicht mehr genau beziffern. Vielleicht später von zuhause aus, wenn ich mal alles zusammengerechnet habe.

Grob überschlagen wären das bislang rund 8000 Euro für Transport, Reifen, Kraftstoff und Wartung. Vielleicht auch etwas mehr.

Dazu kommen Haftpflicht-Versicherungen für die jeweiligen Länder, die in Summe vielleicht ein paar hundert Euro ausmachen. Und natürlich eine Auslandskrankenversicherung, die im Monat ungefähr 40 Euro gekostet hat (wenn ich mich nicht irre).

Pauschal würde ich also sagen, dass ich zwei Drittel der Gesamtkosten fürs Motorrad und ein Drittel für mich ausgegeben habe – etwa 10.000 zu 5000 Euro.

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